Leserbrief
Das hat die Schweiz nicht verdient

Leserbrief zu «Land des politischen Tiki-Taka», Ausgabe vom 31. Juli

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«… ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äussern dürfen», mit gütiger Mithilfe von Voltaire. Ich teile sogar die Meinung von Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik, dass die Bereitschaft zur Selbstkritik eine unbezahlbare Tugend ist. Unsere Wege trennen sich aber unmissverständlich, wenn der Autor haarscharfe (oder als solche gedacht) Kritik die Realität ausblendet:

«… innovativer müssten wir werden, wegen der globalen Konkurrenz …» Wissen Sie nicht, dass die Schweiz beim Global Innovation Index immer hervorragend abschneidet?

«Ein politisches Projekt muss in der Schweiz in den engen Schlitz einer Urne passen, am besten, es ist so klein, dass man es gar nicht bemerkt.» Sind Sie nie durch die NEAT gefahren?

«Eine wirklich durchgreifende Sanierung der Vorsorgewerke aber nicht auf dem Schlitten bringt.» Haben Sie nie Gesamtverschuldung von Saaten wie la Grand Nation oder La Bella Italia mit dieser der Schweiz verglichen?

Sie werfen eine «bleierne Visionslosigkeit» vor. Waren unsere Urgrossväter visionslos, als sie in einer Epoche von Kriegen, Gewalttaten, Missbräuchen die Neutralität deklarierten und diese Vision später sogar von Kolonialmächten wie der Niederlanden oder ehemaligen Kaisertume wie Österreich nachgeeifert wurde?

Ist das friedliche und respektvolle Zusammenleben mehrerer Kulturen keine Vision? Sehr geehrter Pascal Hollenstein, Sie haben Recht, die Idee einer Schweiz und ihre Entstehung waren und sie heute immer noch revolutionär. Sie bezeichnen die Schweiz als behäbig, brötig, bieder, kleinbürgerlich-langweilig. Ist unsere Sozialsicherheit behäbig? Ist die Schweizer humanitäre Tradition brötig? Ist unsere multikulturelle Gesellschaft mit über 20 Prozent Anteil an Menschen anderer Kulturen wirklich so bieder? Ist unser ÖV-Angebot mit wenig Pannen und gar keinen Streiks kleinbürgerlich-langweilig?

Leicht amüsiert «und dann gibt es Lampions…» beschreiben Sie aus Ihrer Sicht und Empfinden die Trostlosigkeit eines 1.-August-Anlasses. Nein, die Tausenden kleinen Lampions in der Nacht sind nicht trostlos, sie sind das Licht eines Volkes, welches die Vision unserer Urgrossväter immer noch vorlebt.

Sie stellen fest, dass Liebe und Kritik zwei Seiten einer Medaille sind. Zum Geburtstag unserer Schweiz hätte ich mir eine Medaille gewünscht, auf einer Seite die Dankbarkeit für alles, was wir alle dank der Schweiz erhalten haben und auf der anderen die Verantwortung, damit diese Vision auch in den nächsten Jahrzehnten weltweit seine Einmaligkeit ausstrahlen wird.

Andreas Poncini, Zug