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Flüchtling schreibt am Zugersee über seine Erlebnisse

In seiner Heimat war Abdullah Moradi Polizist. In der Schweiz hat der Flüchtling das Schreiben für sich entdeckt.
Christopher Gilb
Schreibt seine Gedanken nieder: Abdullah Moradi am Zugersee. (Bild: Patrick Hürlimann, 2. Juli 2019)

Schreibt seine Gedanken nieder: Abdullah Moradi am Zugersee. (Bild: Patrick Hürlimann, 2. Juli 2019)

Seit bald vier Jahren lebt der 27-jährige Abdullah Moradi in der Schweiz. Er ist ein nachdenklicher junger Mann, der seine Worte mit Bedacht wählt und das inzwischen auch schon gut in der Sprache seiner neuen Heimat kann. Dies nicht nur mündlich. Immer wieder setzt er sich zu Hause in Unterägeri an
seinen Computer und schreibt seitenlange Texte auf Deutsch.

Es geht darin oft um seine Heimat Afghanistan (siehe Zweittext). Er war dort Polizist, musste aber nach eigenen Angaben, weil er der falschen Volksgruppe angehörte und es wieder einmal zu Konflikten kam, fliehen. Oder um die Flucht selbst, als ihn irgendwann die Kraft verliess und er nur dank der Unterstützung von Freunden weiterlaufen konnte. Oder er schreibt über die Liebe, nach der er sich sehnt und manchmal auch über seine neue Heimat die Schweiz, und dann vergleicht er die beiden Länder. Es sind oft traurige Texte, denn er liebt sein Volk und leidet mit ihm. Sie beinhalten aber auch immer wieder ein Fünkchen Hoffnung. Wenn Moradi etwa über die neue Generation schreibt, auf die er seine Hoffnungen setzt. «Wenn ich schreibe, kann ich mein Herz leichter machen», sagt der junge Mann mit den feinen Gesichtszügen verschmitzt. Und schiebt nach: «Und ich bin jedes Mal glücklich, wenn auch andere es interessant finden.»

Der afghanische 
Kulturverein

Annette Plath vor der reformierten Kirche Cham fördert ihn und ist begeistert: «Wenn Flüchtlinge schreiben, sind es normalerweise solche, die in ihrer Heimat bereits als Journalisten gearbeitet haben, beispielsweise Kurden. Die anderen trauen sich oft nicht, auch weil sie sich in der Sprache noch zu unsicher fühlen. Was Abdullah macht, ist schon sehr ungewöhnlich.» Die Sozialdiakonin betreut diverse Angebote für Flüchtlinge. Der Afghane ist einer der eifrigsten Nutzer solcher Angebote. Er spielt Gitarre, lernt Deutsch, kocht, macht Sport und vieles mehr. Und er ist im Vorstand des neugegründeten Afghanischen Kulturvereins. Dieser hat rund 80 Mitglieder. Es werden verschiedene Anlässe für Afghanen und Schweizer durchgeführt, oft für bis zu 150 Personen. Und die Afghanen helfen sich über den Verein auch in schwierigen Situationen. Das war auch der Auslöser für die Gründung. Letztes Jahr starb Moradis Mutter, seine afghanischen Freunde sammelten daraufhin für das traditionelle Traueressen. «So entstand die Idee, eine feste Struktur für solche Momente zu haben», erinnert sich Annette Plath, die
zum Ehrenmitglied des Vereins gewählt wurde.

Traumberuf 
Schriftsteller

Am Nouruz, dem persischen Neujahrsfest, durfte sie eine Rede halten, einige Abschnitte davon stammten aus Moradis Feder. Ein Anliegen in seinen Texten ist ihm, auch zu zeigen, wie Afghanistan wirklich ist. «Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute denken, ich sei gefährlich, wenn ich sage, woher ich komme. Sie kennen nur die Bilder von bärtigen Männern und komplett verhüllten Frauen. Oder sie glauben mir gar nicht, dass ich Afghane bin, und sagen dann, du siehst eher aus wie ein Thailänder.» Aber viele Menschen dort würden aussehen wie er und leben wie er. «Es ist doch nicht unsere Schuld, wo wir geboren wurden», empört er sich ein wenig.

Wie es für ihn nun weiter geht, weiss Moradi nicht. Vor kurzem hat er erstmals, seit er im Land ist, einen Aufenthaltsbescheid bekommen: Vorläufig aufgenommen. Dagegen hat er Rekurs eingelegt. Er würde
gerne studieren, vielleicht Schriftsteller werden, verrät er.

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