Das Kloster Muri setzte den Gasthof Adler unter Druck

Aus zwei Gasthöfen und dem Caspar-Wolf-Haus wurde das neue Hotel Caspar – ein Blick in die denkwürdige Geschichte.

Jörg Baumann
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Das Hotel Adler in Muri befindet sich aktuell im Umbau. Daraus wird das Hotel Caspar.

Das Hotel Adler in Muri befindet sich aktuell im Umbau. Daraus wird das Hotel Caspar.

Bild: Andrea Weibel

Die Baustelle ist in Muri nicht zu übersehen: An der Marktstrasse entsteht das neue Drei-Häuser-­Hotel Caspar. Die Gasthöfe ­Adler und Ochsen sowie das Caspar-Wolf-Haus, in dem der berühmte Landschaftsmaler Caspar Wolf (1745–1783) geboren worden sein soll, werden zu einem Komplex vereinigt.

Das Bauvorhaben lancierte eine private Trägerschaft. Die Zürcher Architektin Thilla Theus hat die Federführung. Sie bringt eine langjährige Erfahrung mit historischen Bauobjekten mit. Das Hotel Caspar soll Ende nächstes Jahr eröffnet werden. Die Hoteldirektion ist noch nicht bestellt. Die Wahl dürfte Anfang 2021 erfolgen.

Fenstereinbau in Richtung Klostergarten verboten

Die ersten Tavernen in Muri bewirteten ihre Gäste bereits im 15. Jahrhundert. Spätestens im 16. Jahrhundert kamen «Adler» und «Ochsen» hinzu. Eine heute seltsam anmutende Geschichte umrankt den «Adler». Der Wohler Lehrer und Historiker Gustav Wiederkehr (1871–1956) machte sie in der Jahresschrift «Unsere Heimat 1945» der Historischen Gesellschaft Freiamt publik.

Es geht darum, dass im Jahr 1691 der Konvent des Klosters dem damaligen Eigentümer des kleinen, baufälligen Adlerhäusleins, Amtsfähnrich Dietrich Waltenspül, die Bewilligung erteilt hatte, das Haus abzureissen und an gleicher Stelle ein neues Gasthaus zu bauen – aber mit zwei schwerwiegenden Auflagen: Waltenspül durfte den Neubau nur mit zwei Stockwerken erstellen lassen und in die gegen den Klostergarten und die Konventgebäude gerichtete, mit einem 4,5 Meter breiten Heiligenbild versehene Giebelfront keine Fenster einbauen.

Kloster störte sich am Lärm aus dem nahen Wirtshaus

Von der Hausmauer des Adlers war die Klostermauer nur 20 Meter entfernt. Erst nach 1781 wurden die Auflagen etwas gelockert. Als der Adlerwirt Jakob Isler, dessen Familie aus der Wohler Strohindustriedynastie stammte, im Gasthaus weitere Gastzimmer einrichten und dazu neue Fenster an der Ostfront gegen das Kloster anbringen wollte, erhielt er unerwartet Post. Das Kloster Muri teilte Isler mit, dass ihm der Einbau neuer Fenster verboten werde. Nachdem die Verhandlungen vor dem Friedensrichter keine Einigung gebracht hatten, erhob Isler Klage beim Bezirksgericht Muri und verlangte die richterliche Aufhebung des Verbotes. Die Gerichtsverhandlungen fanden 1816 statt. Beide Parteien rüsteten sich mit erfahrenen Rechtsanwälten aus. Isler engagierte den späteren Regierungsrat Joachim Wey aus Villmergen, das Kloster den Friedensrichter Josef Leonz Müller aus Muri und später die Rechtsanwälte Rohr und Karl Emanuel Bertschinger aus Lenzburg, Johannes Dössekker aus Seon und Vögtlin aus Brugg. Isler stellte sich auf den Standpunkt, dass das Kloster 1619 gar nicht berechtigt gewesen sei, dem Adlerwirt den Einbau von Fenstern zu verbieten. Er dürfe mit seinem Eigentum machen, was er wolle. Das Kloster berief sich darauf, dass das Fensterverbot ein Servitut sei, das nicht einseitig aufgehoben werden könne. Alle Wirte hätten sich bisher daran gehalten.

Aber eigentlich ging es dem Kloster um den Lärm, der aus dem nahen Wirtshaus dringen und die klösterliche Ruhe und die religiösen Übungen stören könne. Der Anwalt des Klosters sprach von «Tumult und Lärm bei Tag und Nacht» und dem Ärgernis, «das alles jenes geben könnte, was unter den Fenster sich oft nur allzu gerne zeigt und fremde Unschuld zu gefährden sich freut».

Isler bestritt, dass er die Fenster einbauen lassen wolle, «damit aus ihnen gelärmt und Unfug getrieben wird». Solches dulde er in seinem Haus nicht. Eine dreiköpfige Gerichtskommission unternahm vor Ort einen Augenschein. Im Oktober 1817 fiel das Urteil: Der Einbau der Fenster blieb verboten. Denn von da könne man den Mönchen in allen Räumen zuschauen, beim Essen wie beim Erholen, bei der Andacht und sogar beim Schlafen.

Die Mauer musste wieder verschlossen werden

Jakob Isler musste die bereits ausgebrochene Mauer wieder verschliessen. Das kantonale Appellationsgericht bestätigte das Urteil des Bezirksgerichts. Isler musste den Fenstereinbau bis nach der Klosteraufhebung 1841 verschieben. Er wirtete bis zu seinem Tod 1859 auf dem «Adler», danach kam Sohn Adolf bis 1866. Am längsten war die Familie Waltenspül auf dem Gasthof.

Auf einem Webportal wurde kürzlich für 55 Franken ein Speiseteller aus dem «Adler» von 1937 mit dem Doppeladler, dem kaiserlichen Reichswappen, dem man im Kloster oft begegnet, zum Kauf angeboten. So weit reichte der Arm der Habsburger noch in dieser Zeit.