Leserbrief

Das neue Jahrzehnt nicht mit den 1920er-Jahren vergleichen

Zum neuen Jahrzehnt

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Es gibt zwar Übereinstimmungen zwischen den 1920er-Jahren und der eben jetzt angebrochenen Dekade. Wie damals leben wir in einer Zeit des rasanten Wechsels, auf den ersten Blick ändert alles. Die Wissenschaft verspricht uns ungeheuren Fortschritt, Steven Pinker wird nicht müde, zu predigen, dass alles besser geworden ist und dass wir dank Technik alle anstehenden Probleme lösen werden. Er massregelt die Kulturpessimisten. Er fordert, Fakten zu sehen. Er redet von Trends, erkennt jedoch nur die materiellen Fakten. Die gesellschaftlichen Trends interessieren ihn nicht. 1920 standen wir vor den Scherben, die der Erste Weltkrieg hinterlassen hatte und die von den Siegermächten nicht im Geringsten zusammengefügt wurden. Wie heute wurde Politik nicht seriös, sondern einzig im Interesse der Konzerne gemacht und schon damals ging es um Macht über die Energie. Die Grenzen im Nahen Osten und in Afrika wurden nach westlichen Interessen gezogen und bilden das Grundgerüst der heutigen weltpolitischen Probleme. 1920 herrschte Angst und Rechtspopulisten nützten diese aus. Man hörte nicht auf Mahner wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky und viele andere, welche die Katastrophe voraussahen. Wie heute wurden sie belächelt und man zwang sie zu schweigen.

Aber es gibt entscheidende Unterschiede zu 1920: Damals gab es sehr viele Wissenschaftler, die Massgebliches erforschten und sich ohne schlechtes Gewissen Wissenschafter nennen durften und nicht wie heute in den Diensten der Wirtschaft auf Befehl «Wissen» produzieren. Und Produkte auf den Markt werfen, die tödlich sind. 1920 begann die Einengung der Meinungsäusserungsfreiheit und die Ächtung der Andersdenkenden. 1920 hätte man noch korrigieren können, hätte man eine tolerante gesellschaftsliberale Gesellschaftsordnung durchgesetzt. 1920 war noch vieles offen. 2020 müssen wir deshalb mit 1933 vergleichen und es könnte sein, dass wir inzwischen derart intolerant geworden sind, dass wir die nächste Katastrophe nicht mehr verhindern können. Wenn es darum geht, seine Meinung sagen zu dürfen, haben wir den Zenit schon überschritten und Facebook sperrt Schriftsteller schon, wenn sie zu laut Trump kritisieren und man muss bei jedem Posting oder Tweet höllisch aufpassen, welche Wörter man verwendet, sonst schlagen die Algorithmen zu. Diese habe die Macht übernommen und sie wüten schlimmer als sie Nazis 1933 bei der Bücherverbrennung. Wir sind 13 Jahre weiter als 1920. Das sind Trends, die man heute nicht gerne hört. Denn der Mainstream denkt anders, aber dieser war mir schon immer völlig unwichtig.

Michel Ebinger, Rotkreuz