Leserbrief

Das Orakel von Rotkreuz

«Zurück zu alten Gewohnheiten», Leserbrief in der «Zuger Zeitung» vom 10. Oktober

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Eigentlich schätze ich die Leserbriefe von Michel Ebinger; pointiert geschrieben regen sie zum Denken an. Eine Aussage im neusten Leserbrief darf aber nicht unwidersprochen hingenommen werden. Michel Ebinger kritisiert die behördlichen Massnahmen zur Bekämpfung der Coronakrise. Dann folgt der Satz, der mich betroffen gemacht hat: «…ich lasse mir meine private Weihnachtsfeier nicht reglementieren. Ich lebe ja nicht im Dritten Reich (hoffe ich).» Wer die Massnahmen unserer demokratisch gewählten Behörden in einen Zusammenhang mit der Nazi-Diktatur bringt, verniedlicht damit nicht nur die 12-jährige Terrorherrschaft von Adolf Hitler und den von ihm ausgelösten Zweiten Weltkrieg. Er verhöhnt damit auch die Millionen Toten, insbesondere die Millionen ermordeter Jüdinnen und Juden im Holocaust. Ich bin betroffen; mein Schwiegersohn ist israelischer Staatsbürger; seine Familie stammt ursprünglich aus Rumänien und Polen. Und damit auch aus jenem Land, in dem das Dritte Reich das grösste Vernichtungslager für Menschen einer anderen Religion aufgebaut hatte. Der Hinweis aufs christliche Weihnachtsfest, das man sich nicht reglementieren lasse, ist nur noch gedankenlos. Ebenso wie die gesamte Anspielung an das Dritte Reich. Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat, wo Kritik an den Behörden erlaubt ist. Aber bitte nicht mit geschichtlichen Vergleichen, die total falsch und verletzend sind.

Franz Lustenberger, Baar


Warum bloss fühlt sich Michel Ebinger aus Rotkreuz berufen, zu allem und jedem auch noch seinen Senf geben zu müssen und dabei stets haarsträubende Behauptungen, deplatzierte Rundumschläge und peinliche Besserwisserei abzusondern? Er scheint wohl besonders eifrig Karl Valentins «Es ist alles gesagt, aber noch nicht von allen» beherzigen zu wollen. Derzeit hat er offensichtlich und nicht weiter verwunderlich das Covid-19-Steckenpferd zum Ausritt gesattelt, wobei ihm zwei andere Cracks derselben Denkschule wie er, Trump und Bolsonaro, adelnde Gesellschaft leisten. Die in Ebingers Lesart «Grippe»-Opfer (bald 400000!) allein in diesen beiden Ländern sind eine Verhöhnung der Toten und ihrer Angehörigen. Virologen, Epidemiologen, Experten aus unzähligen Fakultäten und, ja, Politiker (nicht zu verwechseln mit den zahlreichen brandgefährlichen Karikaturen dieser Gattung, die derzeit die Spitze gewisser Länder verunzieren) versuchen nach bestem Wissen und Gewissen, der fürwahr lästigen, aber eben auch gefährlichen Pandemie einigermassen Herr zu werden. Weil das genuin intelligente Leute sind, haben und hatten sie immer wieder den Mut, einzugestehen, dass sie nichts, noch zu wenig oder immer noch nicht genug über das Virus wissen, das ist bis heute so. Nicht so bei besagtem Herrn: Ihre Erkenntnisse und ihre teilweise Ohnmacht werden regelmässig vom Universalgenie aus Rotkreuz in seinen Kommentaren locker und «schoggifüssig» scheinbar widerlegt beziehungsweise moniert – schön wär’s, läge er richtig. Viele von ihnen haben bereits im Sommer bei vergleichsweise minimen täglichen Neu-Infektionsfällen eine zweite Welle im Herbst prognostiziert, die prompt in diesen Tagen auf uns zuschwappt (ich bin mir fast sicher, dass es auch dazu eine diese Prognose widerlegende und wie üblich Behauptungen-basierte Wortmeldung aus Rotkreuz in diesen Spalten gibt, bloss mag ich nicht das ganze Zeitungsarchiv danach abklappern). Der Blödsinn, den Ebinger verbreitet, entspricht genau den abgeschmackten und teils fahrlässigen Weisheiten und dem von keinen Fakten getrübten «Wissen», welche die geistig völlig schmerzlosen Verschwörungstheoretiker dieser Welt an ihren Hotspots herausposaunen. Ich bleibe Optimist, dass wir diese Pandemie eines zwar noch fernen aber gewissen Tages – und sofern die Welt nicht stets nach Rotkreuz und seinem Orakel schielt und dessen Empfehlungen umsetzt – so weit im Griff haben werden, dass einigermassen normales Leben wieder möglich wird. Die Gefahr, dass ich mich dannzumal, und sofern mich das (Grippe-?)Virus zwischenzeitlich nicht dahingerafft hat, bei Ebinger und Konsorten für die Geringschätzung ihrer prognostischen Punktlandungen entschuldigen sollte, schätze ich auf einer Skala von Eins bis Zwei (und jeder anderen) auf Null ein.

Werner Gerber, Allenwinden