Menzingen
Direktorin am Zentrum für Umwelt: «Das Wohlbefinden muss vom Konsum entkoppelt werden»

Zwei renommierte Gäste diskutierten am Samstagabend im Lassalle-Haus über nachhaltige Entwicklung.

Nils Rogenmoser
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Ökologie und Nachhaltigkeit betrifft viele Bereiche des Alltags, so auch die Bauweise.

Ökologie und Nachhaltigkeit betrifft viele Bereiche des Alltags, so auch die Bauweise.

Symbolbild: Matthias Jurt

Das Bewusstsein über den eigenen Fleischkonsum, das Reiseverhalten oder den Energieverbrauch, ist stark gestiegen. Gesamtgesellschaftlich sind heute dringend Lösungen zu einem nachhaltigeren Leben gefragt. Entwicklungen sind nachhaltig, wenn sie den Bedürfnissen der aktuellen Generation dienen und gleichzeitig die Verwirklichung der Bedürfnisse künftiger Generationen nicht bedrohen. Zu diesem Schluss gelangte die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung im 1987 erschienen Brundtland-Bericht.

Im Lassalle-Haus in Edlibach findet vom 25. August bis am 1. September zum zweiten Mal das «Eco Summer Camp» statt. Über 50 junge Menschen aus der ganzen Welt reflektieren über die Themen Nachhaltigkeit und Ökologie, wobei ein vielseitiger Tagesablauf mit Workshops auf dem Programm steht.

Am Samstag fand in englischer Sprache eine Diskussion zum Thema «Welche Schritte braucht es für einen nachhaltigen Wandel des Lebensstils?» statt.

«Ein soziales, politisches Projekt»

Im gut gefüllten Raum im Lassalle-Haus nehmen der Moderator Bernd Nilles, CEO von Fastenaktion, und die beiden Gäste Platz. Nilles verweist mit einem Zwinkern darauf, dass nicht nur Wissen auf der Bühne vorhanden sei, sondern auch die jungen Teilnehmenden des Camps bereits viel gelernt hätten. Er zeigt auf, dass die Schweiz das erste Land war, das nachhaltige Entwicklung in die Verfassung geschrieben hätte. Der französische Ökonom Gaël Giraud (Georgetown University, Direktor Umweltgerechtigkeitsprogramm) preist die Schweiz als wunderschönes Land an:

«Doch verhindern Banken und Unternehmen wie Glencore nachhaltige Entwicklung. Als Individuen müssen wir, wie es Papst Franziskus predigt, Nächstenliebe pflegen, womit wir automatisch auch mehr Sorge zur Umwelt tragen.»

Nilles verweist auf die 2016 in Kraft getretenen 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, die wirtschaftliche, ökologische und soziale Bereiche tangieren. Sabin Bieri (Universität Bern, Direktorin Zentrum für Entwicklung und Umwelt) identifiziert ökologische Massnahmen als Basis, die positive Nebeneffekte auf die anderen zwei Felder zeitigten.

Giraud ergänzt: «In Frankreich hat sich gezeigt, dass die Bevölkerung mit den nötigen Informationen tragfähige politische Vorschläge zur Energiewende vorbringen.» Giraud findet, dass Wettbewerb auf dem Markt ein archaischer, überholter Traum sei: «Ähnlich wie nach dem Zweiten ­Weltkrieg mit dem Wiederaufbau Europas brauchen wir wieder ein soziales, politisches ­Projekt.»

In anderen Ländern sind die Auswirkungen drastischer

Nilles weist auf die Dringlichkeit von Umweltfragen hin. Giraud erläutert: «Im Gegensatz zum Westen bekommen die Menschen im globalen Süden die Auswirkungen drastisch zu spüren – bei der vietnamesischen Regierung herrschte schon 2015 wegen des überlaufenden Mekong-Deltas Panik.» Bieri findet, dass Lösungen nicht allein auf freiwilliger Basis erfolgen können: «Die Dimension des benötigten Efforts verlangt nach einer stärkeren Staatsrolle. Wir tragen als aufgeklärte Menschen unseren Teil bei, doch auch teilweise unangenehme Interventionen des Staats sind notwendig.»

In der folgenden Fragerunde erkundigt sich ein junger Mann aus Wien nach alternativen Wirtschaftsformen. Bieri antwortet: «Es wird tiefgreifende Reformen brauchen. Das eigene Wohlbefinden muss vom Konsum entkoppelt werden.» Giraud meint: «Indices wie das Bruttoinlandprodukt sollten durch Faktoren wie Lebenserwartung oder Bildung ersetzt werden.»

Bieri wagt zum Schluss einen hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft: «An der Universität sehe ich täglich den Lerndurst und die Gesprächsbereitschaft meiner Studierenden. Technische Berichte zeigen auf, dass wir eine nachhaltigere Welt schaffen und dies uns auch leisten können.» Die Pointe kommt zum Schluss – die Diskussionsteilnehmer erhalten als Geschenk eine Flasche Wein, vielleicht liegt die Wahrheit analog zur lateinischen Phrase eben doch auch zu einem Teil darin.