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DAVON SPRACH ZUG: Das Tankerunglück schwappte auf Zug über

Eine Katastrophe vor der galizischen Küste verschmutzt die Umwelt. Weil das Erdöl einer Zuger Firma gehört, kommt es im Jahr 2003 zu einer umstrittenen Demo.
Ernst Meier
Voll von Öl des gesunkenen Tankers «Prestige» war auch nach einem Jahr die Küste von Finisterre im Nordwesten Spaniens. (Bild: AP Photo/Carmelo Alen)

Voll von Öl des gesunkenen Tankers «Prestige» war auch nach einem Jahr die Küste von Finisterre im Nordwesten Spaniens. (Bild: AP Photo/Carmelo Alen)

Voll von Öl des gesunkenen Tankers «Prestige» war auch nach einem Jahr die Küste von Finisterre im Nordwesten Spaniens. (Bild: AP Photo/Carmelo Alen)

Voll von Öl des gesunkenen Tankers «Prestige» war auch nach einem Jahr die Küste von Finisterre im Nordwesten Spaniens. (Bild: AP Photo/Carmelo Alen)

Die Bilder des ölverschmutzten Küstenabschnitts und der sterbenden Vögel gingen um die Welt. Am 13. November 2002 havarierte nach einem Sturm der Öltanker «Prestige» mit 77 000 Tonnen Schweröl an Bord vor der spanischen Atlantikküste. Aus einem 35 Meter langen Riss lief Öl aus. Sechs Tage später zerbrach der Rumpf, und das Schiff sank. Die Besatzung konnte zuvor gerettet werden. Doch rund 64 000 Tonnen Schweröl liefen ins Meer. Sie verschmutzten laut offiziellen Meldungen 2900 Kilometer der französischen und spanischen Küste. Neben unzähligen Fischen starben laut Behördenangaben 250 000 Seevögel.

Eine der schlimmsten Umweltkatas­trophen Europas beschäftigte nicht nur die Bevölkerung in der betroffenen Region, auch in Zug sorgte das Unglück für rote Köpfe. Denn das in den Atlantik auslaufende Öl gehörte der in der Stadt Zug domizilierten Rohstofffirma Crown Resources. Diese distanzierte sich vom Unglück und erklärte, dass man den Tanker «Prestige» nicht besitze, sondern ihn bloss für den Transport gechartert hätte. Vielmehr trage die Betreiberfirma die Verantwortung. Interviewanfragen liess der damalige Crown Resources-Chef, der Luzerner Jost E. Villiger, unbeantwortet.

Greenpeace und Zuger Grüne

Während an der galizischen Küste Einsatzkräfte und Hunderte von freiwilligen Helfern gegen die Katastrophe ankämpften, startete in Zug eine bis anhin nie da gewesene Solidaritätsbekundung. Kopf der Zuger Bürgerbewegung war die linke Partei SGA (heute: Alternative-die Grünen). «Die SGA hatte schon Jahre vor der Katastrophe auf die Missstände in der Rohstoffbranche und die Gefahren, die von den aus Zug weltweit operierenden Firmen ausgehen, hingewiesen», sagt Josef Lang. «Im November 2002 wurden unsere schlimmsten Befürchtungen wahr», erinnert sich Lang. Er war damals SGA-Kantonsrat und wurde im Herbst 2003 in den Nationalrat gewählt. «Weil das Unglück vor Spanien passierte, waren viele in der Schweiz besonders betroffen.» Das habe die Bevölkerung auch in Zug aufgerüttelt. «Die Katastrophe geschah nicht weit weg in Afrika, sondern in einer Region, aus der viele Immigranten stammen.» In einer ersten Aktion deponierten Greenpeace- und SGA-Vertreter Ölschlacke vor dem Hauptsitz der Crown Resources. Der Rohstoffkonzern mit russischen Wurzeln, der wenig später seinen Namen in ERC Trading wechselte, war an der Industriestrasse bei der Metalli eingemietet.

Umstrittene Solidaritätsaktion

Die eigentliche Zuger Solidaritäts­aktion folgte aber erst noch. Am Samstag, 11. Januar 2003, kam es in der Stadt zu einer Kundgebung – rund 600 Personen forderten in einem Marsch «Solidarität mit Galizien». Organisiert wurde die bewilligte Demo durch Josef Lang und seine SGA. An der friedlich verlaufenen Kundgebung nahm auch der Bürgermeister des von der Ölkatastrophe stark betroffenen Fischerdorfes Laxe in Galizien teil. «Es war ein bitterkalter Januartag, und trotzdem kamen über 600», erinnert sich Josef Lang. Von der Industriestrasse lief man via Gubelstrasse durch die Grafenau. «Dazwischen hielten wir an verschiedenen Standorten – wie etwa an Firmensitzen von Ölfirmen. Demo-Teilnehmer, allen voran SGA-Regierungsrat Hanspeter Uster, sprachen zu den Anwesenden und forderten, Mitverantwortung für das Unglück zu übernehmen.»

Kritik an Uster

Die Teilnahme Usters an der Demo und dessen politisches Engagement in der Affäre «Prestige – Crown Resources» lösten in Zug eine wochenlange Debatte aus. Politiker und andere Zuger kritisierten, dass der grüne Regierungsrat sich in der Angelegenheit an vorderster Front seiner Partei exponierte. «Uster geht zu weit. Es ist nicht die Schuld des Kantons Zug, dass es zu dieser Katastrophe kam», schrieb Andrea Hodel, FDP-Fraktionschefin im Kantonsrat, in einem Leserbrief. Ein anderer Leser schrieb: «Herr Uster muss sich in Erinnerung rufen, dass er als Regierungsrat gewisse Dinge zu unterlassen hat.»

Zehn Jahre später auf sein Engagement von damals angesprochen, sagt alt Regierungsrat Hanspeter Uster: «Es war eine moralische Pflicht hinzustehen und darauf hinzuweisen, dass ein Teil des Zuger Reichtums aus fragwürdigen Geschäftspraktiken kommt.» Uster ist überzeugt, dass der Tanker «Prestige» (Jahrgang 1975) mangelhaft war. «BP hatte aus Sicherheitsgründen darauf verzichtet, die ‹Prestige› zu chartern», sagt Hanspeter Uster.

Grüne wollten Steuergeld einsetzen

Auch kein Verständnis hatten die Bürgerlichen für die Forderungen Usters und der SGA. So wollten diese, dass Zug Steuergelder von Crown Resources sowie «einen namhaften Beitrag aus dem Ertragsüberschuss» an die Opfer der Katastrophe überweise. Alle Vorstösse in Sachen «Prestige» waren im Parlament aber chancenlos. Auch die SP verweigerte den ihr sonst nahestehenden Grünen die Unterstützung. «Das ist nicht die Aufgabe des Staats», sagte SP-Parteipräsident Hubert Schuler, heute Präsident des Kantonsrates. Die Sozialdemokraten nahmen denn offiziell auch nicht an der Kundgebung teil. «Wir wollen uns in einem nationalen Wahljahr nicht mit dem Schicksal der Betroffenen profilieren», erklärte Schuler.

Bei den Grünen wertete man das Engagement für Galizien trotzdem als Erfolg. Rückblickend sagt Hanspeter Uster: «Zum ersten Mal wurde einer breiteren Bevölkerung bewusst, dass nicht Jo Lang und ich das Problem sind, sondern Firmen wie Crown Resources, die mit windigen Tankern Öl transportieren und so einige tausend Dollar im Tag sparen.»

Uster sieht politische Vorstösse wie jüngst im Knonaueramt, wo mehrere Gemeinden Glencore-Steuergelder an Hilfsprojekte spenden oder die Erklärung von Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel, die Rohstoffbranche stärker zu kontrollieren, als Folge der SGA-Aktionen vor über zehn Jahren.

Schäden von 4,3 Milliarden Euro

Die Crown Resources beziehungsweise ERC-Trading ist in Zug heute kein Thema mehr. Das Unternehmen wurde nach dem Unglück in andere Firmen im Ausland überführt. Haften für ihr im Atlantik ausgelaufenes Öl musste sie nicht. Vor Gericht in Spanien standen im Oktober 2012 drei Besatzungsmitglieder der «Prestige». Das Verfahren endete im Juli 2013. Alle Angeklagten wurden vom Vorwurf, Umweltdelikte begangen zu haben, freigesprochen. Nur der Kapitän erhielt eine neunmonatige Haftstrafe wegen «Ungehorsam».

Laut Staatsanwaltschaft betragen die Kosten der Katastrophe 4,3 Milliarden Euro. Sie seien zu einem grossen Teil vom spanischen Staat bezahlt worden. Gemäss verschiedenen Medienberichten hat sich die Natur vor der galizischen Küste heute vollständig erholt. Dies verdanke man auch dem Einsatz von vielen freiwilligen Helfern, heisst es.

Das Bild sorgte 2003 für hitzige Debatten: Regierungsrat Hanspeter Uster führt die Demonstration in Zug an. Rechts neben ihm steht die spätere Regierungsrätin Manuela Weichelt. (Archivbild Neue ZZ)

Das Bild sorgte 2003 für hitzige Debatten: Regierungsrat Hanspeter Uster führt die Demonstration in Zug an. Rechts neben ihm steht die spätere Regierungsrätin Manuela Weichelt. (Archivbild Neue ZZ)

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