Demenz in Zeiten des Lockdown: Die Amnesia Zug hat viele Neuanmeldungen

Tijana Nikolic
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Ulrike Darsow, Daniela Bigler Billeter, Patrizia Holzer, Irene Teismann, Agnes Leukens (von rechts nach links) von Amnesia Zug hatten in der Coronahochphase viel zu tun. Das Projekt der Alzheimer Zug vermeldet viele Neuanmeldungen.

Ulrike Darsow, Daniela Bigler Billeter, Patrizia Holzer, Irene Teismann, Agnes Leukens (von rechts nach links) von Amnesia Zug hatten in der Coronahochphase viel zu tun. Das Projekt der Alzheimer Zug vermeldet viele Neuanmeldungen.

Bild: agenturguldin.ch

Amnesia Zug begleitet seit 2016 Demenzpatienten im Alltag. Gegenwärtig ist ihr Dienst nötiger denn je.

Das Leben hat sich seit dem Beginn der Coronakrise bei allen notgedrungen geändert. Die besonders gefährdeten Personen mussten sich am stärksten einschränken. Aber was ist, wenn so eine gefährdete Person nicht versteht, was das alles bedeuten soll oder schlicht vergisst, dass sie eigentlich nicht zum Einkaufen oder Spazieren rausgehen soll? Genau so erging es schätzungsweise 1600 an Demenz leidenden Personen im Kanton Zug in den letzten Monaten. Mit ihnen litten auch ihre Angehörigen, die, seit der Bund die Vorgehensmassnahmen während der Zuspitzung der Coronapandemie ausgerufen hatte, nur sehr wenige ambulanten Betreuungsangebote für die demenzkranken Familienmitglieder nutzen konnten.

In dieser schwierigen und unsicheren Zeit standen die fünf Frauen von Amnesia Zug, einem Projekt der Alzheimer Zug, als Anlauf- und Beratungsstelle mit Rat und Tat zur Verfügung. «Kinder, deren Eltern normalerweise fünf Tage in der Woche in einem Tagesheim betreut wurden, mussten sich nach dessen Schliessung, nebst der Vollzeitarbeit im Homeoffice, auch noch rund um die Uhr um ihre dementen Eltern kümmern. In solchen Fällen suchten uns die Angehörigen auf, um Informationen über Entlastungsmöglichkeiten einzuholen», erklärt die Co-Projektleiterin Amnesia Zug Daniela Bigler Billeter. Daraus seien zwölf Neuanmeldungen im März und April resultiert. Was eine hohe Zahl sei, da ansonsten pro Jahr etwa 80 Neuanmeldungen erfolgen.

Das Fachteam habe in der Coronazeit unter Einhaltung der Hygienevorschriften und in Absprache mit den Angehörigen bei Hausbesuchen oder Beratungsgesprächen in den eigenen Räumlichkeiten in Zug, die notwendige Bedarfserklärung machen und eine sinnvolle Unterstützung aufgleisen können. Die Fachberaterinnen seien dabei die erste und neutrale Ansprechperson für die Betroffenen und ihre Familien. «Angehörige fühlen sich sehr entlastet, wenn ihnen die vielen Telefongespräche, Abklärungen, Anmeldungen und Koordinationen abgenommen werden», so Bigler Billeter.

Lösungsangebote auf jeden einzeln abgestimmt

Amnesia Zug ist ein Pilotprojekt, welches seit 2016 Menschen bei der frühzeitigen Erkennung einer Demenzerkrankung unterstützt, um dadurch einen ebenfalls frühzeitigen Zugang zu Versorgungsangeboten zu bieten. «Manche Betroffenen rufen uns lediglich für ein unverbindliches Gespräch an, welches ihnen bereits weiterhilft», sagt Bigler Billeter. Bei anderen werden Hausbesuche für eine erste Analyse der Situation gemacht, um danach das passende Unterstützungskonzept zu erarbeiten. «Wir sind eine Koordinationsstelle für Abklärungen und auf jeden Betroffenen abgestimmte Lösungsangebote», erläutert die Co-Projektleiterin. Aktuell werden 116 Personen im Kanton Zug auf diese Weise begleitet.

Die einzelnen Situationen werden interdisziplinär betrachtet und an der regelmässigen Helferkonferenz mit den Partnerorganisationen wie Alzheimer Zug, Spitex Zug, Schweizerisches Rotes Kreuz des Kantons Zug, Tagesheim Baar oder Pro Senectute Zug besprochen. «Auch nach erfolgreicher Lösungsfindung für die Patienten bleiben wir mit den Betroffenen in Kontakt und fragen immer wieder nach, ob die Lösung so gut funktioniert oder ob es Ergänzungen oder andere Entlastungsmöglichkeiten braucht», so Bigler Billeter. Durch diese engmaschige Begleitung könne ein Heimantritt hinausgezögert werden. «Wir und die Angehörigen bemühen uns, die Erkrankten solange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung leben zu lassen», sagt Ulrike Darsow, ebenfalls Co-Projektleiterin Amnesia Zug.

Aus Projektphase soll ständiges Angebot werden

Die Idee zum Projekt entstand 2014 durch den Zuger Hausarzt Hansruedi Kühn und Olle Larsson, Gründer von Medela, einem Schweizer Medizintechnikunternehmen. Larsson äusserte seine Absicht, mit einem «öffentlich zugänglichen Werk für die Allgemeinheit» seine Verbundenheit zur Zuger Bevölkerung auszudrücken. «Dieses Werk sollte im Gesundheitswesen angesiedelt sein und mit Geldern aus der Familienstiftung finanziell im Aufbau unterstützt werden», so Bigler Billeter weiter. Bei der Recherche nach Lücken in der Zuger Gesundheitsversorgung stiess Kühn auf die Problematik der zunehmenden Zahl Demenzkranker und deren frühe Erfassung und adäquate Begleitung sowie Unterstützung. «Es gab Beratungsangebote für demente Menschen, aber kein Angebot, das diese Personen über längere Zeit intensiv begleitet und unterstützt», erklärt Bigler Billeter. Alzheimer Zug habe die Idee sehr positiv aufgenommen.

Im Jahr 2015 wurde dazu ein Konzept ausgearbeitet. Aufgrund dieses Konzepts sicherte die Larsson-Rosenquist-Stiftung die Anschubfinanzierung für eine Projektphase von fünf Jahren mit dem ausdrücklichen Ziel einer Überführung in eine ständige Versorgung. Die Überführung des Angebotes in eine ständige Versorgung der Wohnbevölkerung des Kantons Zug soll ab Januar 2021 sein: «Eine Entscheidung von der Kommission Langzeitpflege wird gegen Mitte des Jahres erwartet.»