Literatur: Denkwürdige Episoden aus Jakobs Leben

Lesevergnügen zwischen Poesie und Prosa: In seinem neuen Buch «Damenwahl» bleibt sich der Autor Giorgio Avanti treu.

Andreas Faessler
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Giorgio Avanti.

Giorgio Avanti.

Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 15. Oktober 2019)

«Damenwahl» – das sind 28 Kurz- und Kürzestgeschichten, die Giorgio Avanti in seinem neuen Buch unterbringt. Und wie bereits in seinem letzten Werk «Bourgeoiserien» dreht sich erneut (fast) alles um den Hauptprotagonisten Jakob, hinter dem sich freilich die Person des Autors vermuten lässt.

Die Geschichten erzählen denkwürdige Episoden aus Jakobs Leben. Hier gipfeln scheinbar belanglose Alltagssituationen in einem Fiasko, dort findet Herzschmerz in lyrischen Worten Ausdruck, dann eine telegrammartig abgefasste Tour durch das wienerische und unwienerische Wien. Absurdes, Surreales und Bizarres aus dem Leben Gegriffenes schlägt sich in «Damenwahl» in der für Giorgio Avanti so typischen Manier des Schilderns wieder: mit kurzen Sätzen und einzigartigen Wortschöpfungen. Die Grenze zwischen Prosa und Poesie verwässert zuweilen. Der in Walchwil wohnhafte Luzerner Schriftsteller versteht es auch glänzend, eine Situation dichterisch und flamboyant umschreibend aufzubauen, um sie dann mit einem Vulgärausdruck jäh zu zerstören. Und das gelingt ihm auf unterhaltsame Weise bestens. Mit seiner Schreibe schafft der Künstler in Wort gefasste Bilder: Man hat das Treiben bei der Metzgete in einem Eigenthaler Wirtshaus förmlich vor Augen, nicht weniger die brechreizerregende Situation in einem siffigen Praxis-Wartezimmer.

Viel Platz finden erotische Momente, den Attributen des weiblichen Körpers, aber auch der sexuellen Wahrnehmung der wiederkehrenden Hauptfigur zollt Avanti viel Aufmerksamkeit. Damit sind nicht nur Wollust, sondern auch Frust und Ernüchterung verbunden. Damenwahl.

Menschliche Abgründe

Das Schönste an Avantis Geschichten: Es menschelt ungeheuer. Wie auch schon in seinem letzten Buch lassen die Protagonistinnen und Protagonisten oft tief blicken, sehr tief. Abgründe tun sich auf. Etwa da, wo versehentlich der tote Onkel verspiesen wird oder der sternhagelvolle Vater die Zuger Kirschtorte platt sitzt. Und was nur hat Albert Speer mit dem Metalli-Center in Zug zu tun?

Hinweis
Damenwahl, Giorgio Avanti, Bucher Verlag, 112 Seiten, Fr. 19.80