Kolumne

Der direkte Kontakt fehlt

Urs Stierli (54, Diakon, Gemeindeleiter und Leiter des Pastoralraums Zug Berg) aus Oberägeri beschreibt, wie sich die Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus auf seinen Alltag auswirken.

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Urs Stierli.

Urs Stierli.

Mein Alltag hat sich grundlegend verändert. Zum ersten Mal erlebe ich eine dermassen ruhige Fastenzeit. Keine Abendtermine – das kenne ich sonst nur von den Ferien. Die Seelsorge hingegen hat sich verstärkt, ich bin viel am Telefon. Was ich merke, ist, dass viele Angst haben oder dass ihnen allmählich die Decke auf den Kopf fällt. Ich nehme viel mehr teil, auch wenn es keinen direkten Kontakt gibt. Der fehlt mir sehr.

Meine Arbeit hat sich verlagert. Neben dem Telefonieren habe ich viel Schreibarbeit und es gibt viel zu organisieren. Einen Schwerpunkt legen mein Team und ich auf die Website. Dort veröffentlichten wir bisher wöchentlich ein Hoffnungswort. Während der Karwoche wird täglich ein neues erscheinen. Wir versuchen, für die Leute da zu sein. Im und um das Pfarreizentrum ist es ebenfalls sehr ruhig geworden. Nur wenige arbeiten vor Ort. Wir machen jeweils gemeinsam eine Kaffeepause. Jeder sitzt an seinem eigenen Tisch, so halten wir Abstand. Trotzdem sehen wir uns.

Eine besondere Erfahrung sind in dieser Zeit Beerdigungen, auch wenn sie nichts mit dem Coronavirus zu tun haben. Nur wenige Trauernde sind anwesend und diese stehen weit voneinander entfernt auf dem Friedhof. Gerne würde ich ihnen die Hand nehmen und Trost spenden, so wie ich es gewohnt bin. Auf spirituelle Art mache ich das weiterhin. Es ist mir wichtig, dass jeden Sonntag ein Gottesdienst in der Kirche stattfindet. Ich oder jemand aus dem Team ist dann ganz alleine dort und feiert den Gottesdienst. Ich zünde für Betroffene, Verängstigte und alle anderen Kerzen an. Mir ist wichtig, dass die Kirche während dieser Zeit nicht einfach leer ist.

Existenzielle Fragen stehen derzeit im Mittelpunkt. Die unbeschwerten Momente, diejenigen, die das Leben feiern, wie Hochzeiten und Taufen – für mich der schöne Teil meiner Aufgabe – fehlen mir sehr. Ich frage mich auch, ob von der Coronakrise etwas bleibt. Wird es neue Diskurse geben?

Aufgezeichnet von: Carmen Rogenmoser