Der Glücksspieler mit den zwei Gesichtern

Das Zuger Obergericht fasste einen Mann, der über acht Millionen Franken verjubelte, hart an. Jetzt ist das Bundesgericht am Zug.

Marco Morosoli
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Wer das Urteil in einer neulich vor Obergericht verhandelten Strafsache liest, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Ein heute 46-jähriger verheirateter Vater von drei Kindern erleichterte zwischen 2006 und 2014 seinen Arbeitgeber um 8,8 Millionen Franken. Die Transaktionen liefen über zwei Kollegen im Büro, die jedoch nicht eingeweiht waren. Als Vehikel gründete er zwei Scheinfirmen, die als ihr Domizil seine Privatadresse führten. Im Namen dieser Unternehmen stellte der Mann Rechnungen aus, deren Schuldner sein Arbeitgeber, eine Zuger Vermarktungsfirma im Sportbereich, war. Fiktiver Geldempfänger war für eine gewisse Zeit der moldawische Fussballverband. Beim zweiten Serienbetrug gingen die Rechnungen von einem Sportfunktionär ein. Die Masche mit dem Verband aus dem Staat, welcher zwischen der Ukraine und Rumänien eingeklemmt ist, vollführte er 57 Mal. Für den Sportfunktionär stellte er 33 Rechnungen. Erst sehr spät kam ihm jemand auf die Schliche. Das ergaunerte Geld hatte er jedoch längst verjubelt.

Im Kasino gesperrt auf dem Smartphone hyperaktiv

Ironischerweise liess er sich in den Schweizer Kasinos sperren, aber es gab ja noch das Smartphone. Im 49 Seiten umfassenden Urteil hält der Referent Marc Siegwart etwas Erstaunliches fest: «Aufgrund des Gesagten und im Rahmen einer abschliessenden Gesamtbeurteilung steht aber auch fest, dass der vom Beschuldigten anerkannte gewerbsmässige Betrug im Umfang von 8,8 Millionen Franken nicht die Folge der unkontrollierten Spieltätigkeit war, sondern dass die raffiniert und geplant betrügerisch erlangten Zahlungseingänge es ihm vielmehr ermöglichten, sein Glücksspiel immer mehr zu intensivieren, beziehungsweise über Jahre hinweg praktisch Tag und Nacht auszuleben.» In der Behandlung vor dem Strafgericht vor drei Jahren hatte er erklärt, wie er seine Tage damals verlebte: «Ich war immer am Handy und machte 1000 bis 1500 Spielbewegungen am Tag.»

Als Familienvater seinen Mann gestanden

Eine andere Maske setzte er zu Hause auf. Er arbeite, kümmerte sich um die Familie und war auch noch in einem Verein aktiv. Also, was jeder als ein ganz normales Leben bezeichnen würde. Mehr noch: Das Dauerspielen machte aus dem Mann auch kein menschliches Wrack. Er konnte scheinbar den Rollentausch in einem atemberaubenden Tempo durchziehen. Zudem profitierte er, dass sein Arbeitgeber nicht über die besten internen Regulatorien, um einem solchen Mittelabfluss auf die Spur zu kommen, verfügte. Derzeit bezahlt der Mann jährlich (!) einen Betrag von 4000 Franken an seinen ehemaligen Arbeitgeber. Daraus schliesst der Referent, dass die Vermarktungsagentur den hohen Deliktsbetrag von etwas mehr als neun Millionen Franken bereits abgeschrieben hat. Diese Summe müsste der Spieler nebst Zins zurückzahlen. Um dies zu tun, müsste er gemäss der Vorinstanz rund 90 Jahre arbeiten.

Im privaten Bereich scheint der Mann erfolgreich sozialisiert zu sein. Er wohnt immer noch mit seiner «tollen» Ehefrau und drei Kindern in einem Nachbarkanton. Über sein zweites Leben wissen seine Kinder nichts.

Bei der Zuordnung des Strafmass’ kam dem notorischen Spieler zu Gute, dass er sich geständig zeigte. Minuspunkte sammelte der Spieler jedoch auch. In seinem Wohnsitzkanton lief ein ähnlich gelagertes Verfahren. Mehr noch, dem Mann war damals bereits bekannt, dass die Anklageerhebung bald erfolgen würde.

Obwohl ihm das Strafmass in einem Verfahren in seinem Wohnkanton bekannt war, machte er in Zug mit der altbekannten Masche weiter. Für den Referenten beim Obergericht gehört dieses Verhalten in die Kategorie «Uneinsichtigkeit» und führt ihn zur Erkenntnis, dass «das Spielen bei ihm einfach alles ausgeblendet hat». Die Quittung dafür: Wegen mehrfacher Urkundenfälschung und gewerbsmässigem Betrug erhält der notorische Spieler eine Strafe von vier Jahren und acht Monaten Gefängnis. Zudem muss er die Verfahrenskosten bezahlen und sich einer ambulanten Behandlung unterziehen, die jedoch gemäss dem Obergericht nicht dazu führt, dass die unbedingte Strafe aufzuschieben ist.

Der Fall beschäftigt bald auch das Bundesgericht

In diesem Verfahren ist aber noch nicht alles gesagt. Das Bundesgericht in Lausanne erhält des schier unglaublichen Falls. Ob die Staatsanwaltschaft oder der Spielsüchtige das Verfahren vor dem obersten Schweizer Gericht angestrengt hat, ist nicht bekannt.

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