Der höchste Militär der Schweiz hat seinen ersten öffentlichen Auftritt in Zug

Thomas Süssli, seit Neujahr Armeechef, will Herzen gewinnen.

Marco Morosoli
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Der neue Chef der Schweizer Armee, Thomas Süssli, weiss seine Zuhörer zu fesseln.

Der neue Chef der Schweizer Armee, Thomas Süssli, weiss seine Zuhörer zu fesseln.

Bild: Matthias Jurt (Zug, 16. Januar 2020)

In den 1980er-Jahren hat es in der Schweizer Armee einen «böFei (böser Feind)» gegeben. Diesen haben höher Rangierte zwar nie definiert, aber jeder Soldat hat ihn gekannt: die Länder des Warschauer Pakts. Seither hat sich nicht nur der Sollbestand der Armee von 625000 Mann auf rund 100000 Mann verringert, auch die Bedrohungslage ist eine andere.

Was derzeit Sache ist, brachte der neue Chef der Schweizer Armee, Thomas Süssli (53), bei der Generalversammlung der Offiziersgesellschaft des Kantons Zug schnell auf den Punkt. Während seines Referats am Donnerstag im Casino in Zug nickt jedenfalls keiner der zahlreichen Teilnehmer ein. Der Grund dafür liegt aber nicht etwa am Kasernenton des Referenten. Dieser redet vielmehr genau in der richtigen Lautstärke. Süssli hat zwar innerhalb von gerade einmal fünf Jahren den Aufstieg vom Brigadier zum Korpskommandanten geschafft. Deshalb wirkt der neue Armeechef aber nicht abgehoben. Er doziert vielmehr auf Augenhöhe mit dem Kader.

Der Kasernenton ist in der Mottenkiste gelandet

Was in seinem Referat auch auffällt. Süssli sagt nicht inflationär «ich will», sondern schlichter «wir wollen». Der neue Armeechef ist erst seit fünf Jahren Berufsoffizier, kommt aus der Privatwirtschaft. Gearbeitet hat er bei verschiedenen Banken. Mit ihm hat jetzt ein Manager und kein Militärkopf in der Armee das Sagen. Er verzichtet bei seiner Präsentation auch auf den Einsatz von drögen Power­-Point-Folien. Ohne Vorlage erklärt Süssli, wo die Gefahren für die Schweiz lägen.

Er blickt immer wieder in den Osten, wo China bemüht sei, wieder zu der Weltmacht zu werden, die es in der Vergangenheit einmal war. Das müsse aber nicht von heute auf morgen geschehen. «Die Chinesen haben Zeit», sagt Thomas Süssli. Auch über die Spratly- und Paracel-Inseln im südchinesischen Meer weiss er etwas zu sagen. Diese beansprucht China, aber auch andere Anrainerstaaten erheben Besitzansprüche. Die Kreise immer enger ziehend, landet der Armeechef Thomas Süssli bei der Schweizer Armee.

Herausforderungen warten in grosser Zahl

Den Fokus legt er wenig überraschend auf die fortschreitende Digitalisierung: «Diese frisst uns auf.» In den vergangenen Jahren hat Süssli sich intensiv mit der Cyber-Verteidigung befasst. Dabei geht es um Auseinandersetzungen im virtuellen Raum. Trotz der Bedrohung aus diesem Sektor sagt der Chef der Armee: «Die Entscheidung fällt am Boden.» So leitet er auf die Abstimmung über den «Planungsbeschluss über die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge» am 27. September 2020 über. Bei diesem Urnengang gehe es für «die Armee um alles oder nichts».

Gewinnen will Süssli unter anderem, indem «wir die Wahrnehmung der Armee in der Bevölkerung verbessern». Die Armeeangehörigen seien in dieser Hinsicht Botschafter, «die eine Botschaft haben». Dann fügt er noch eine Aussage an, die in dieser Art von einem hohen Schweizer Militär überraschend ist: «Wir müssen die Herzen gewinnen.» Der in Zürich geborene Thomas Süssli ist seit seiner Beförderung zum Armeechef ein Drei-Sterne-Militär. Das heisst, er hat auf der Achselschlaufe drei achteckige Sterne. Damit hat er den Rang eines Korpskommandanten. Die höchste Kaderstufe der Schweizer Armee in Friedenszeiten.

Der 53-Jährige hat bei seiner Antrittsrede, das Referat in Zug ist sein erster öffentlicher Auftritt in der neuen Position, auch noch einiges mit Zuger Bezug erzählt. Er habe einmal im Kanton gewohnt. Er habe 2006 einmal im Kolinbrunnen «unfreiwillig» gebadet.

Der eine oder andere der GV-Teilnehmer hat sich auch gefragt, wie es die Offiziersgesellschaft des Kantons geschafft hat, den aktuellen Armeechef zu ihrer Generalversammlung einzuladen. Danilo Schwerzmann, Präsident der seit 1844 bestehenden Offiziersgesellschaft, spricht von einem Zufall: «Wir haben im letzten Jahr bei Süssli angefragt, ob er bei uns ein Referat halten könne. Damals war er der Chef der Führungsunterstützungsbasis. Dass er zum Armeechef aufsteigt, damit haben wir nicht gerechnet.»

Danilo Schwerzmann möchte deshalb für die nächste Generalversammlung die Chefin von Thomas Süssli, die Bundesrätin Viola Amherd, einladen. Ob Schwerzmann dies gelingt, sehen die Vereinsmitglieder der Offiziersgesellschaft am 14. Januar 2021 im Casino in Zug.