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Zugs scheidender Stadtpräsident: «Der Kaffee in der Stadt ist heilig»

Dolfi Müller (63) sass 16 Jahre lang im Stadtrat und stand dem Gremium während 12 Jahren vor. Er verrät, warum Zug mit Baar und Steinhausen fusionieren sollte.
Charly Keiser
Dolfi Müller räumt sein Büro im Stadthaus auf. (Bild: Maria Schmid (Zug, 14. Dezember 2018))

Dolfi Müller räumt sein Büro im Stadthaus auf. (Bild: Maria Schmid (Zug, 14. Dezember 2018))

Noch ist Dolfi Müller Zugs Stadtpräsident. Doch in fünf Tagen ist er «definitiv» pensioniert. Denn sein Teilzeitpensum an der Kantonsschule Zug hat er schon vor zwei Jahren an den Nagel gehängt. Und dies, obwohl er in diesem Jahr erst 63 Jahre alt geworden ist. Der Sozialdemokrat erlangte weltweit Bekanntheit, als er Zug als erste Stadt auf der Welt vorstellte, die die Kryptowährung Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptierte.

Wie viele Bitcoins haben Sie? Dies fragen wir Müller bei unserem Besuch im Stadthaus am Kolinplatz, für den er das Aufräumen seines Büros unterbricht. «Null heute und zu allen Zeiten», sagt Müller und lacht schelmisch. Der gesamte Stadtrat dürfe über die gelungene Initiative mit der Blockchaintechnologie stolz sein, antwortet Müller und fügt an: «Wir haben nämlich einstimmig entschieden, die Bitcoin-Schnapsidee durchzuziehen. Ich glaube, es tauchen manchmal im Leben Chancen mit einem Zeitfenster auf, die man packen muss. Und genau solch eine war das und wir haben sie gepackt.» Nach der Ablehnung des Stadttunnels habe der Stadtrat die Idee kreiert, Intelligenz statt Beton für die Entwicklung Zugs einzusetzen und daraus sei das blaue Buch Stadtbildzug 2035 entstanden, zu dem jeder Stadtrat ein Göttiprojekt bekommen habe. «Und ich habe dieses als mein Projekt ausgewählt. Wir haben in Zug aus der Blackbox Blockchain eine gute und verständliche Geschichte gemacht. Alles andere hat sich dann ergeben.» Zug habe sich als Versuchsgelände für Blockchainprojekte zur Verfügung gestellt und daraus seien 3000 Arbeitsplätze im Crypto-Valley-Zug geworden. Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel habe dazu einen treffenden Vergleich mit einer Schachpartie gemacht: «Der Bundesrat stellt die Regeln auf, der Kanton Zug die Figuren und die Stadt Zug ist das Pferd, das hüpft und springt.»

Alte Zöpfe abhauen

Nach sieben mageren beginnen für die Stadt im Moment wieder die fetten Jahre. Wie stark freut sich Müller, «seine Stadt» in Topform übergeben zu können? Da müsse man realistisch sein, antwortet er. Natürlich hätten Regierungsrat und Stadtrat die guten Rahmenbedingungen Zugs genutzt und gepflegt. «Aber den Verdienst des Stadtrats für den Geldsegen würde ich nicht überbewerten.» Die mageren Jahre seien nämlich wegen der hohen Beiträge der Stadt in den Zuger Finanzausgleich und die des Kantons in den Nationalen Finanzausgleich entstanden. «Darum waren Sparen und das Abhauen von alten Zöpfen wirklich auch gut.» Zug sei in jedem Ranking auf dem Podest und dort werde die Lebensqualität gemessen, die in Zug riesengross sei. «Dass alle nach Zug ziehen wollen, ist Beweis genug.»

Zug war die erste Gemeinde mit einer Zone für preisgünstigen Wohnungsbau in der Schweiz. Ein weiterer Verdienst des Stadtrats unter Dolfi Müllers Leitung? «Damit haben wir ganz sicher eine Pionierleistung erbracht, bei der aber das Parlament ebenfalls entscheidend mitgearbeitet hat. Klar ist: Zug darf nicht zu einem Mekka der Reichen werden – und ist es auch nicht. Denn Neureiche geben in Zug nicht den Takt an.»

Wo rangiert Zug in Müllers persönlichem Ranking? Er sei mit Leib und Seele Zuger, aber kein absoluter Lokalpatriot. Auch stamme er nicht aus einem Korporationsgeschlecht, sagt Müller. «Aber Zug ist meine Heimat und ich möchte in Zug alt werden.» Zug sei eine gute Mischung aus Weltoffenheit und Verwurzelung. In Zug könne man sich wohlfühlen, auch wenn man den Park-Tower als Symbol für den globalisierten Teil der Kleinstadt anschauen müsse. Und wie hat sich Müller vom einstigen Parlamentarier zum Stadtrat und Stadtpräsidenten politisch entwickelt? «Ich kam 1983 in den Stadtrat, als Walter Hegglin noch Stadtpräsident war.» Als Linker habe er vor allem auf die Schattenseiten hingewiesen, habe zum Beispiel Tagesschulen gefordert, die heute zum Standard gehören würden. «Mir ging es immer um konsensfähige Lösungen, damit es den Menschen unserer Stadt besser geht. Im Gegensatz zu andern Linken habe ich keinen Hang zur Ideologie und zu Dogmen. Ich bin kein Freund von festen Lehrsätzen und war immer ein Realo und kein Fundi, um in der alten Sprache zu bleiben», erklärt Dolfi Müller weiter.

Eine Weltreise steht auf dem Programm

Für seine Zeit als Frühpensionär hat Müller bereits klare Pläne. «Meine Frau Ursula und ich gehen ab zirka Mai 2019 ins Indianerland in die Prärie und absolvieren eine Probereise für die danach folgende Weltreise.» Diese soll 2020 oder 2021 stattfinden. Grosse Verantwortlichkeiten will er nicht mehr übernehmen. «Ich werde aber wohl Tixi fahren und mich bei ‹Tischlein deck Dich› engagieren. Und ich will eine Rentnerband ins Leben rufen. Das muss sein.» Grundsätzlich wolle er seine grosse Freiheit füllen, die er nun habe. «Wieso soll ich mich nicht einmal um Physik kümmern, die mich bislang nie interessiert hat?»

Highlights hat Dolfi Müller in seiner Zeit als Stadtpräsident zahlreiche erlebt. «Nebst vielen anderen war das, als ich bei der Eröffnung der Bossard-Arena auf dem Eis und bei der Wiedereröffnung des Casinos nach dessen Renovation im Festsaal auf der Bühne stehen durfte. Ganz persönlich hat mich besonders gefreut, als die Leute der Galvanik nach der gewonnenen Abstimmung um ihren Betriebsbeitrag ein Spruchband mit ‹Danke Dolfi› präsentiert haben.»

Schlaflose Nächte habe hingegen die Krisensituation um den Fall Romer gebracht, antwortet Müller. «Wir mussten das mit ihm zu Boden reden. Er war ein Kollege von uns. Und zwar kein schlechter. Plötzlich wurden wir mit einer Seite von ihm konfrontiert, die wir nicht erwartet haben. Unser gutes Bild von ihm wurde abrupt in Frage gestellt. Ich musste das wie Trauer verarbeiten.»

Eine der zehn grössten Städte der Schweiz

Wenn der scheidende Stadtpräsident drei Wünsche frei hätte, würde er sich folgendes wünschen: «Dass der öffentliche Raum noch mehr die gute Stube der Zuger wird. Dass das Grün drum herum bewahrt bleibt und wir mehr über unsere Grenzen hinaus denken.» Er plädiere nicht gerade mit dem Holzhammer für einen Stadtkanton. «Aber der Annäherungsprozess, der im Moment in der Lorzenebene läuft, sollte vertieft werden.» Da gebe es nur noch einen Weg. Würden nämlich Zug, Baar und Steinhausen fusionieren, wäre Zug eine der zehn grössten Städte der Schweiz. «Und das gäbe uns Gewicht.» Natürlich dürfe die emotionale Zugehörigkeit zu einem Ort nicht unterschätzt werden. «Aber die Richtung ist vorgegeben.»

Und was wünscht sich Müller persönlich? «Erstens Gesundheit und dass ich meine grösste Freiheit seit der Studentenzeit geniessen kann. Ich habe ja jetzt ein bedingungsloses Grundeinkommen, das sicher ausreicht. Drittens will ich reisen und einfach aus dem Takt raus und auch Sinnloses tun.» Ist Dolfi Müller auch weiterhin beim morgendlichen Kaffee in der Stadt anzutreffen. «Ja, das habe ich mit meiner Gattin besprochen. Der Morgenkaffee in der Stadt ist heilig.»

Hinweis

Über die Festtage verabschiedet unsere Zeitung Persönlichkeiten, deren politische Karriere dieses Jahr zu Ende geht.

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