Der Kampf der Kleinstunternehmen in Zug

Das «Schmuckhuhn» in Unterägeri musste schliessen. Die Inhaberin spricht von den Herausforderungen – stellvertretend für viele Betroffene.

Andrea Muff
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Tanja Baumgartner in Unterägeri: Die Kleider sind verpackt und ihr Laden geschlossen.

Tanja Baumgartner in Unterägeri: Die Kleider sind verpackt und ihr Laden geschlossen.

Bild: Matthias Jurt (26. März 2020)

An der Hauptstrasse gegenüber eines Grossverteilers, an bester Lage in Unterägeri, befindet sich das «Schmuckhuhn». Der Mode-, Accessoire- und Schmuckladen gehört Tanja Baumgartner. Momentan sind die Türen aufgrund der vom Bund angeordneten Massnahmen geschlossen. Die Kleider sind seit dem 17. März abgedeckt oder verpackt, damit das Licht sie nicht verfärbt. Denn wer weiss schon, wann wieder Leben in das Modegeschäft einkehrt. Das Lager indes ist voll mit der neusten Mode. «Eigentlich hätten wir jetzt Hochsaison. Deshalb sind fast 90 Prozent der Waren bereits geliefert. Auf dieser bleiben wir wohl sitzen», erklärt die Inhaberin. Denn in der Modebranche bestelle man die Ware fast ein ganzes Jahr im Voraus, Lieferanpassungen seien für die jetzige Sommer- noch für die Winterkollektion möglich. Tanja Baumgartner sagt:

«Am schwierigsten ist es, mit der Ungewissheit umzugehen.»

Das «Schmuckhuhn» gibt es seit sieben Jahren in Unterägeri und zählt mit der Inhaberin und den drei Teilzeitangestellten zu den Kleinstunternehmen. Sie sei schuldenfrei und habe ihren Gewinn jedes Jahr wieder reinvestiert, um zu wachsen und Arbeitsplätze zu schaffen. Im vergangenen Jahr bot sich ihr die Möglichkeit für eine Ladenvergrösserung, dessen Umbau sie fast vollumfänglich selber finanzierte, führt die Inhaberin weiter aus.

Baumgartner hat für ihre Angestellten sofort Kurzarbeit angemeldet und diese auch bewilligt bekommen. Sie erzählt, dass in ihrer Branche der Lohn nicht der grösste Posten in der Buchhaltung ist, vielmehr sind es die Warenaufwände. Rechnungen im fast sechsstelligen Bereich für ein halbes Jahr lägen im Durchschnitt, so die 45-Jährige.

Dann bleibt aber noch die Möglichkeit, den vom Bund verbürgten Kredit aufzunehmen. Dies kommt für Tanja Baumgartner nicht in Frage. Sie rechnet: «Sagen wir, ich würde einen Kredit von 100000 Franken aufnehmen und diesen zinsfrei in fünf Jahren abzahlen. Dann wären das immer noch 20000 Franken, die ich pro Jahr mehr aufwenden muss.» Das sei bei einem Kleinstunternehmen in der Modebranche sehr unrealistisch. «Das führt unweigerlich zum Konkurs. Den hätte man zwar jetzt abgewendet, würde aber später eintreffen», führt sie aus und stellt klar: «So viel Gewinn machen wir nicht».

Umsatzausfall und Warenausfall

Momentan verbringt die Mutter von zwei Kindern viel Zeit mit Googeln, Ausfüllen von Formularen, Schreiben von E-Mails und Telefonieren. «Es ist eine schwierige Situation, weil sich auch jeden Tag etwas ändert und neue Massnahmen dazukommen», sagt Baumgartner. Auch die Helpline des Kantons Zug habe sie bereits konsultiert. «Die Person war sehr verständnisvoll und kompetent. Aber auch sie konnte mir nicht alle Fragen beantworten. Man weiss halt vieles einfach noch nicht.»

Tanja Baumgartner hat sich zudem an die Zuger Volkswirtschaftsdirektion gewendet und postwendend einen Rückruf erhalten. «Ich war positiv überrascht. Das zeigt mir, dass dem Kanton etwas an uns ganz Kleinen liegt.» Ihr würde eine Zahlung an den Umsatzausfall oder an den Warenaufwand sowie ein kompletter Mietzinserlass helfen. Tanja Baumgartner hofft nun, auf ihr Schreiben an ihren Vermieter vielleicht noch ein positives Feedback zu bekommen. «Bis zum 8. April will der Kanton genau definieren, wie die gesprochenen 20 Millionen Franken eingesetzt werden», erklärt Baumgartner. Eine Nervenprobe für sie, denn die vom Bund ausgearbeiteten Lösungen sind für Kleinstunternehmen keine wirklichen Lösungen.

Stimmungswechsel bei der Inhaberin

Momentan sei ihr Leben ein Auf und Ab, die Stimmung wechsle von Angst zu Zuversicht in Wut über. Den Umsatz mit Heimlieferungen zu erwirtschaften, komme für sie zurzeit nicht in Frage. «Meine Mitarbeiterinnen müssten dann herkommen und etwa die Ware verpacken und allfällige Retouren verarbeiten. Dann könnte ich nicht nur keine Kurzarbeit für sie anmelden, sondern schaffe wieder soziale Kontakte, die man ja jetzt verhindern möchte.» Sie suche nach anderen kreativen Ideen, die sie bald auf ihrer Homepage und per Newsletter kommunizieren werde. Baumgartner ist im Vorstand der Pro Bon Ägerital, der Fachgeschäfte-Vereinigung. «Wir glauben alle nicht so recht, dass wir am 20. April unsere Geschäfte wieder öffnen dürfen. Wir hoffen aber, dass die Leute nach dem ‹Lockdown› die Kaufkraft und Motivation haben, bei uns wieder einzukaufen.»

Kantonale Helpline für die Zuger Wirtschaft: Tel. 0417670120; ­corona_zugerwirtschaft@zug.ch.