HINGESCHAUT: Der Landfrieden an der Kapellenwand

Im Deibüel ob Baar ist ein Schlüsselakt der Schweizer Geschichtsschreibung abgebildet. Das Gemälde ist eine echte Rarität.

Andreas Faessler
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Die beiden Kappeler Landfrieden hat Hans Zürcher auf die Aussenwand der Deibüelkapelle in Baar gemalt.

Die beiden Kappeler Landfrieden hat Hans Zürcher auf die Aussenwand der Deibüelkapelle in Baar gemalt.

Bild: Stefan Kaiser (2. Januar 2020)

Als Schauplatz der beiden Kappelerkriege ist das Grenzgebiet zwischen Kanton Zug und dem Knonauer Amt besonders geschichtsträchtig. Mehrere einschneidende und weichenstellende Ereignisse prägten hier die Schweizer Geschichtsschreibung. Der unblutige Erste Kappelerkrieg im Juni 1529 endete im ersten Kappeler Landfrieden mit der legendären Milchsuppe und der damit einhergehenden Verbrüderung der Katholiken und den Neugläubigen.

Die alten katholischen Orte waren bereit, die Reformation anzuerkennen, und Ersteren wurde im Gegenzug ihr bisheriger Glaube garantiert.

Streit flammt erneut auf

Bald jedoch verliefen die Abmachungen zunehmend im Sand, da – angetrieben von politischen Beschlüssen im Heiligen Römischen Reich – auf beiden Seiten wachsendes Misstrauen schwelte und man sich nicht an die Abmachungen hielt. Die feindliche Gesinnung zwischen den Alt- und Neugläubigen wuchs wieder und eskalierte im Oktober 1531 in der Schlacht bei Kappel und kurz darauf in der Schlacht am Gubel. Diese beiden nunmehr sehr blutigen Auseinandersetzungen endeten zu Gunsten der katholischen Orte. Besiegelt wurde dieser als Zweiter Kappelerkrieg in die Geschichte eingegangene Streit der Konfessionen mit dem Zweiten Kappeler Landfrieden. Dieser verlief hingegen ohne vergleichbare Symbolik wie zwei Jahre zuvor die Verbrüderung beim gemeinsamen Genuss einer Milchsuppe.

Das wird mit ein Grund sein, warum es von diesem Zweiten Landfrieden – auch als Landfriede von Deinikon bezeichnet – kaum bildliche Darstellungen gibt. Wir kennen eine Reihe von Stichen, Gemälden und Zeichnungen vom Fussvolk beider Glauben, wie sie friedlich und einig um den Milchsuppentopf sitzen und daraus essen. Selbst der berühmte Schweizer Maler Albert Anker hat diese Szene in einem grossen Ölgemälde festgehalten. Die zweite offizielle Friedensschliessung, welche aus heutiger Sicht die bedeutendere war, ging hingegen als nüchterne Unterzeichnung eines Dokumentes vonstatten. Dies in unmittelbarer Nähe des Baarer Hofes Deinikon. Ein erhöhtes Holzkreuz auf der Flur Büni zwischen den Höfen Deinikon und Bofeld erinnert seit 1931 an diesen entscheidenden Akt.

Noch näher ans historische Geschehen aber kommt man ein paar hundert Meter weiter nordwestlich jenseits der Autobahn im Deibüel bei der zur Hofgruppe gehörenden Kapelle. Hofbesitzer Carl Anton Steiner hat sie gemeinsam mit seinem Bruder Thomas, Benediktinerpater in Einsiedeln, anno 1918/19 vom Zuger Architekten Emil Weber im neobarocken Stil erbauen lassen. Die Kapelle ist sowohl kunsthistorisch als auch insbesondere heimatkundlich von hoher Bedeutung.

Die Auftraggeber mit abgebildet

An der Aussenwand in der Vorhalle ist der Erste wie auch der Zweite Kappeler Landfriede dargestellt. Links die wohlbekannte Kappeler Milchsuppe von 1529 und rechts die Vertragsunterzeichnung von Deinikon von 1531, an welcher gemäss Aufzeichnungen rund 31 Männer – ein Viertel davon hiess Hans – als Vertreter beider Seiten teilgenommen haben. Letztere ist eine der wenigen – wenn nicht gar die einzige – Abbildung des Zweiten Kappeler Landfriedens und somit eine kleine Besonderheit. Dargestellt ist eine Gruppe von Männern, die sich um einen runden Tisch versammeln und das darauf liegende Friedensabkommen unterzeichnen. Die Figuren des Hauptmanns und des Geistlichen sind zugleich Porträts der beiden Bauherren Carl Anton Steiner und dessen Bruder Pater Thomas.

Der rechte Teil des Gemäldes zeigt den Landfrieden von Deinikon. Davon existieren sonst kaum Darstellungen.

Der rechte Teil des Gemäldes zeigt den Landfrieden von Deinikon. Davon existieren sonst kaum Darstellungen.

Bild: Stefan Kaiser (2. Januar 2020)

Im Vertrag auf dem Tisch wird vereinbart, dass zum einen die fünf katholischen Orte wie auch das Wallis und zum anderen die Zürcher geloben, den jeweils anderen ihre Glaubensrichtung zu lassen, einander ihre Freiheiten und Rechte in den gemeinen Herrschaften zu garantieren und es jeder einzelnen Gemeinde freizustellen, den neuen Glauben zu behalten. Jedoch muss es jedem gestattet sein, nach Wunsch zum alten Bekenntnis zurückzukehren. Auch Kostenerstattungen für materielle und menschliche Verluste wie auch weitere Verpflichtungen beiderseits werden im Landfrieden von Deinikon geregelt. Als abschliessender Punkt steht im Vertrag geschrieben, dass nunmehr alle Feindschaft aufgehoben sein soll und wieder freier eidgenössischer Handel und Wandel gestattet wird. Mit dieser bedeutenden Vereinbarung kehrte endlich konfessioneller Friede ein – wenigstens bis zu den Villmergerkriegen knapp 120, respektive 180 Jahre später.

Der Künstler dahinter

Das einzigartige Gemälde mit den beiden Kappeler Landfrieden an der Aussenwand der Deibüel-Kapelle ist das Werk des Künstlers Hans Zürcher. Er hat es 1926 gemalt, so auch das Gemälde der Schlacht bei Kappel an der Rückwand im Inneren der Kapelle. 1880 in Menzingen geboren, dozierte Zürcher später an der Kunstgewerbeschule Luzern und war als Maler und Freskenrestaurator selber intensiv in der angewandten Kunst tätig. Zürchers Werk umfasst insbesondere Landschaftsmalerei, Veduten und Heimatmotive, aber auch Porträts und Stillleben. Zuweilen scheinen seine Gemälde vom Stil Ferdinand Hodlers inspiriert. Hans Zürcher starb 1958 in Luzern.

Hinweis
Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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