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Der lange Weg zur Oberdorfstrasse in Walchwil endet

Die Oberdorfstrasse wird am Samstag eröffnet werden. Das grösste und teuerste Bauwerk in der Geschichte der Gemeinde ist wohl auch das umstrittenste.
Raphael Biermayr
Der Walchwiler Gemeindepräsident Tobias Hürlimann auf der neuen Oberdorfstrasse. (Bild: Stefan Kaiser (Walchwil, 5. Oktober 2018))

Der Walchwiler Gemeindepräsident Tobias Hürlimann auf der neuen Oberdorfstrasse. (Bild: Stefan Kaiser (Walchwil, 5. Oktober 2018))

Tobias Hürlimann wischt ein Stück Dreck vom Geländer neben der neuen Oberdorfstrasse. Diese Geste ist symbolträchtig. Die Verbindungsstrasse, die als Idee vor über 40 Jahren erstmals im Dorf aufkam und deren Entstehung sich immer wieder verzögerte: Sie ist tatsächlich bis auf wenige Details fertiggestellt.

Mit 1,26 Kilometern Länge und einem – voraussichtlich nicht ausgeschöpften – Gesamtkostenrahmen von 42 Millionen Franken für beide Bauetappen ist sie das grösste Bauwerk in der Geschichte der Gemeinde. Am kommenden Samstag wird es ein grosses Eröffnungsfest geben, während jenem ist die Dorfstrasse gesperrt (siehe Hinweis). Die Bevölkerung wird in den nächsten Tagen eine Broschüre im Briefkasten finden.

Tobias Hürlimann das Gesicht der Befürworter

Man neigt dazu, ausserordentliche Bauwerke mit Personen in Verbindung zu bringen. Mäzenen, sofern sie das Entstehende selbst berappen. Oder Politikern, wenn sie entscheidende Abstimmungen gewinnen. Auch in Walchwil gab es eine solche. Am 7. März 2010 sagten rund 60 Prozent der Stimmenden Ja zum Kredit für die zweite Etappe – die Beteiligung betrug ausserordentlich hohe 70 Prozent. Der Gemeindepräsident Tobias Hürlimann (CVP), der das Amt kurz zuvor vom zurücktretenden Peter Wetter übernommen hatte, wurde in einem äusserst emotionalen Abstimmungskampf zum Gesicht der Befürworter.

Die Gegner argumentierten mit der Schuldenlast, unter der die Einwohner auf Jahre hinaus ächzen würden, und druckten symbolische Schuldscheine. Wie alle konnten auch sie nicht wissen, dass die Gemeinde goldenen Steuerjahren entgegensehen würde. 2011, im Jahr des Glencore-Börsengangs, erhielt das Dorf allein von Privaten mehr Steuergelder, als die gesamte Oberdorfstrasse kosten wird.

Hürlimann ist sich bewusst, dass diese «äusseren Einflüsse», wie er sagt, dem Gemeinderat in die Hände spielten. Aber das sei nur eine Seite der Medaille. Durch ein Vorgehen, das sich bei früheren Projekten bewährt gehabt hätte, habe man ein Höchstmann an Effizienz erreicht: Man setzte auf ein fünfköpfiges Kompetenzteam, zu dem der gemeindliche Bauchef René Loosli (FDP), Tobias Hürlimann sowie drei Fachleute zählten, darunter der unabhängige Horwer Ingenieur Kurt Margadant als Bauherrenvertreter. Dadurch musste nicht jede Entscheidung vom Gesamtgemeinderat getroffen werden.

Verzögerungen gab es dennoch, in erster Linie wegen rechtlicher Auseinandersetzungen (siehe separaten Text). Die Strasse wird nun drei Jahre später eröffnet als geplant. Gab es rückblickend Momente, in denen Tobias Hürlimann dachte, dass die Strasse nicht gebaut würde? «Nein», sagt er, «als der Volksentscheid vorlag, war mir immer klar, dass die Umsetzung folgen wird.» Diese Unbeirrtheit könnte man ihm als Arroganz auslegen. Letztlich entspricht es aber seiner Überzeugung, dass ein Volksauftrag umzusetzen ist – egal, wie steinig sich der Weg dahin gestaltet.

Misstrauen gegenüber dem Gemeinderat gesät

Dass von den Gegnern der Strasse Misstrauen gegenüber dem Gemeinderat und ihm selbst gesät wurde, gehöre dazu. Das gilt auch für die Verbreitung aus der Luft gegriffener Gerüchte. Bei einer Informationsveranstaltung unmittelbar vor dem Baustart der zweiten Etappe 2015 hätten zum Beispiel manche angezweifelt, dass ein gültiges Baugesuch vorliege. «Ich nehme so etwas nicht persönlich, sondern stelle die Sache in den Vordergrund», führt Hürlimann aus. Die Verhandlungen mit den Grundeigentümern – vordringlich im Hörndlirain und in der Mundschöpfi – hätten sich hart gestaltet. Manche Anwohner hatten und haben keine Freude daran, dass eine Durchgangsstrasse ihre Idylle und den Wert ihres Eigentums beeinträchtigt. Zweimal hätte ein Enteignungsverfahren eingeleitet, aber nicht zu Ende gebracht werden müssen, weil man sich doch noch einigte.

Die Oberdorfstrasse im Zeitraffer

Tempi passati oder, um im Bild zu bleiben, eine Wischbewegung über das Geländer: Das Zeichen, dass die schwierigen Zeiten zurückliegen und die Gegenwart zählt. Die verheisst eine gemäss Tobias Hürlimann «deutlich tiefere» Bauabrechnung für die zweite Etappe als die 29,5 Millionen, die die Bevölkerung einst sprach. Davon werden letztlich jedoch «nur» 45 Prozent der Gemeindekasse belastet – den Rest zahlen die Eigentümer der erschlossenen Gebiete Utigen, Rägeten, Lauihof und Büel, in denen neue und vermutlich hochpreisige Überbauungen entstehen sollen. Die Ortsplanrevision 2006 ermöglichte das und verlieh der Oberdorfstrasse eine grössere Bedeutung. Denn durch das damit einhergehende Gemeindewachstum werden neue Einnahmen generiert. Dadurch dürfte sich die Strasse buchstäblichen Sinn bezahlt machen. Was dem Ende Jahr abtretenden Gemeindepräsidenten am meisten Freude bereitet, wenn er auf die beinahe fertige Strasse blickt? Dass man sie nicht sieht – zumindest aus der Ferne: «Ich hatte Bedenken, dass man die Strasse vom See oder vom anderen Ufer her sehen würde. Aber das ist nicht der Fall, sie ist gut in die Umgebung eingepasst.» Unter anderem liege das an der Begrünung entlang der Strecke, die während der laufenden Bautätigkeiten nachgeführt wurde. Selbst bei einem solch grossen Bauwerk zählen also letztlich auch die Details. Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, war schliesslich genug vorhanden.

Meilensteine und Rückschläge

Von der Idee einer zweiten Dorfzufahrt bis zur Eröffnung der Strasse am kommenden Samstag war es ein langer Weg:

1972: Der Gemeinderat äussert sich anlässlich der Ortsplanung dahingehend, dass die Dorfstrasse nicht unbeschränkt zusätzlich belastet werden kann. Eine zweite Dorfzufahrt oberhalb der Bahnlinie wird erstmals thematisiert. Drei Jahre später erhält er den Auftrag zum Variantenstudium.

1988: Im Haltli wütet ein Grossbrand, die Bahnunterführung und damit der Verkehr im Dorf sind blockiert. Die Planung einer zweiten Zufahrtsstrasse erhält wieder Auftrieb.

1998: Der Projektierungskredit in der Höhe von 140 000 Franken für die neue Bahnunterführung im Hörndlirain wird gesprochen. Die Baukosten für diese werden auf 4 Millionen Franken geschätzt, für die ganze Strasse auf 12 bis 15 Millionen Franken.

2001: 69 Prozent der Stimmenden heissen einen Baukredit in der Höhe von 5,85 Millionen Franken für die Unterführung Hörndlirain gut. Die Kosten für die gesamte Nordzufahrt werden auf 15,25 Millionen Franken veranschlagt.

2002: Es gehen zahlreiche Einsprachen gegen das Baugesuch ein. Die Interessensgruppe Hörndlirain schlägt Alternativen vor, zum Beispiel eine durch einen Tunnel zu erreichende Verbindung ins Dorfzentrum direkt über den Lauihof.

2006: Die Beschwerden sind bereinigt respektive gerichtlich abgewiesen worden, der Weg zum Baubeginn scheint frei. Doch die SBB durchkreuzen die Pläne zunächst. Sie geben wegen der Neat und einer möglicherweise damit einhergehenden Doppelspur in Walchwil im Frühjahr kein grünes Licht. Im Herbst kann doch noch begonnen werden. Und an der Frühlingsgemeindeversammlung wird die Ortsplanung bestimmt, die ein Wachstum in den einst durch die Nordzufahrt erschlossenen Gebieten ermöglicht.

2010: Der Hörndliraintunnel ist fertig – und kostet mit rund 12,5 Millionen mehr als doppelt so viel wie geplant. Am 7. März wird über die zweite Etappe, den eigentlichen Strassenbau, abgestimmt – ein Showdown sondergleichen. Die Gegner behaupten, man könne durch den Ausbau bestehender Strassen denselben Effekt erzielen. Sie befürchten auch diesmal explodierende Kosten, in Leserbriefen ist von «50, 60, 70 Millionen Franken» die Rede. Auch das beabsichtigte Wachstum wird kritisch hinterfragt. Die Argumente werden sogar in Zeitungsinseraten dargelegt. Der Gemeinderat hält unbeirrt an den Plänen fest, die unter anderem einen Baubeginn im Sommer 2012 vorsehen. Die Bevölkerung steht hinter ihm: 60 Prozent der Stimmenden legen ein Ja ein.

2012: Im Dezember liegt das Baugesuch auf, wogegen zahlreiche Einsprachen eingehen.

2013: In einem Wettbewerb gehen 265 Vorschläge ein, wie die Nordzufahrt dereinst heissen soll. Die Jury entscheidet sich für das historisch angehauchte «Emmettenstrasse».

2014: Der Gemeinderat von Walchwil wird von der kantonalen Nomenklaturkommission überzeugt, die Strassenbezeichnung auf «Emmuetenstrasse» zu ändern.

2015: Der Spatenstich zum Bau der Emmuetenstrasse erfolgt. Anwohner aus dem Hörndlirainquartier wehren sich auf dem Rechtsweg gegen den Namen. 2016: Die Wintergemeindeversammlung entscheidet sich für den Alternativnamen «Oberdorfstrasse».

2018: Am 13. Oktober findet die Eröffnungsfeier statt. (bier)

Hinweis
Samstag, 13. Oktober: ab 13.30: Kinderprogramm im Gemeindesaal. 15.00: Eröffnung der Strasse bei der Kapelle Oberdorf mit der Musikgesellschaft Walchwil und der Alphorngruppe Echo vo de Bärenegg (anschliessend Apéro). Ab 16.30: Chilbibahnen-Betrieb auf dem Schulhausplatz Oeltrotten.17.00: Beginn Festwirtschaftsbetrieb auf dem Dorfplatz. 17.30: Livemusik von der Riviera Band Walchwil. 20.00: Einzug der Bärgtrychler. 20.15: Livemusik mit Stefan Roos, Jessica Ming und den «Jungen Zillertalern». Ab 22.00: Barbetrieb im Kirchgemeindesaal (Ende um 2.00).

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