Leserbrief
Der Mensch ist auf das Leben angelegt

Gedanken zu den Vorbereitungen auf die Ostertage

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Die Tätigkeiten, Aktivitäten, Vorbereitungen und Gedanken sind vor Ostern so ganz anders als vor Weihnachten. Jetzt gibt es Farben, Stiefmütterchen werden gepflanzt, helle und bunte Kleidungsstücke werden ausgesucht, Wohnungen und Häuser werden geputzt und geschmückt. Ausflüge werden geplant, Gartengeräte bereitgestellt, der Frühling wird herbeigesehnt. Mehr noch: Voller Freude hört man die Vögel und beobachtet sie, sogar Autofahrer werden auf Osterlämmer aufmerksam, heimkehrende Vogelschwärme aus dem Süden sind willkommen, aufgeregte Stare schillern in der Sonne, Telefongespräche werden anders geführt als sonst, Fenster werden von aussen geputzt, und die Menschen bekommen beinahe neue Gesichter.

Mit alledem sage ich nichts Neues, sondern etwas ganz Altes. Aber dieses Alte hat es in sich! Schnell schieben wir es auf den Wechsel der Jahreszeiten. Mag ja auch so sein. Aber darunter, sozusagen unter dem Teppich, entdeckt alles Lebendige das Leben. Etwas dramatischer gesagt: Der Mensch entdeckt, dass er auf Leben angelegt ist. Es ist geradezu eine unbändige und ausgelassene Freude über das Leben.

Was wird da nicht alles in Gang gebracht: der leicht angerostete Rasenmäher, das über den Winter abgemeldete Motorrad, die Wasserleitung, die nach draussen führt, oder mit anderen Worten: Alles Verrostete wird geölt, alles Festgefahrene wird gelöst, alles Eingefrorene wird aufgetaut, alles Stillgelegte wird angeschlossen, alles Abgemeldete wird angemeldet, alles Eingepackte gelüftet – denn bald ist Ostern! Eine anstrengende Begeisterung ist im Gang, und ungezählte Menschen freuen sich über das Neue im Alten, über das Grüne im Verdorrten.

Was ich mit diesen Sätzen ein wenig angedeutet habe, lässt eben den direkten Schluss zu: Der Mensch ist auf das Leben angelegt. Nur – kritisch sei hinzugefügt –, dass sich das alles auf Tiere, Pflanzen und Sachen bezog und die Begeisterung des Menschen mehr oder weniger das Ingangkommen der Welt um ihn herum betrifft. Es ist ja kaum auszudenken, was geschähe, wenn sich auch in uns das Festgefahrene lösen, das Eingefrorene auftauen, das Abgemeldete anmelden und das Gestaute lüften liesse. Und genau hier sind wir dem eigentlichen Geheimnis von Ostern auf der Spur. Nur: Mehr will ich nicht verraten. Was versteckt ist, sollte man selber suchen, ganz besonders an Ostern und dies gilt nicht nur für bunte Eier!

Anita Wagner Weibel, Rotkreuz