Leserbrief

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Zum Frontkommentar «Gut, gibt es die Coronaskeptiker», Ausgabe vom 10. September

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«Viele Coronaskeptiker sind ins Esoterische abgedriftet», urteilt Lucian Fluri in seinem Kommentar. Es sei mir die Frage erlaubt: Was versteht wohl Herr Fluri unter dem Begriff des Esoterischen? Ich fürchte, es handelt sich – aus seiner Sichtweise – um etwas Diffuses, Schwammiges, um etwas, das jeglicher Vernunft zuwider läuft. Mit Esoterik verbinden manche auch das Fehlen von Bodenhaftung, eine Neigung zum Abgehobensein oder Schwärmerischen. Ich bestreite nicht, dass es solche Strömungen gibt. Sie fussen allerdings auf einem grundsätzlichen Missverständnis.

Ich nehme der Klarheit halber einmal vorweg: Der gewiss prominenteste Esoteriker hier im Westen war natürlich Christus. Denken Sie, liebe Leserinnen, nur einmal an seine Gleichnisse. Die hier vordergründig erzählte Geschichte steht für ein Höheres, will vom Physischen ins Geistige «übersetzt» werden. Die Gleichnisse haben Symbolcharakter, müssen erweitert, hin zum Hintergründigen, verstanden werden. Oder denken wir an die Heilungen. Sie entziehen sich freilich jeglicher medizinischen Erklärungsversuche. Schliesslich die Auferstehung Christi: Da reichen vordergründige, naturwissenschaftliche Deutungsweisen beileibe nicht aus.

Genau an dieser Stelle liegt also der Unterschied zwischen Esoterik und Exoterik. Exoterik meint das, was unserem Alltagsverstand zugänglich ist. Bei der Esoterik hingegen geht es um eine Art höheres Erkennen, um Einsichten, die sich dem Alltagsdenken nicht erschliessen. Nur unermüdliches Üben kann in diesem Bereich Früchte tragen. Jeder Mensch verfügt über das Potenzial, Übersinnliches wahrzunehmen, es wird einem aber – in aller Regel – nicht in die Wiege gelegt.

Wir leben in einer Zeit, die dominiert wird von Intellektualität, vom nüchtern-naturwissenschaftlich Denken. Dies hat uns ungeahnte Möglichkeiten erschlossen. Denken wir da nur einmal an die Errungenschaften der Technik. In ihrer Einseitigkeit hat diese im Alltag fast alles dominierende Sichtweise uns aber auch verarmt und einsam gemacht.

Der Mensch hat ein Bestreben, mehr wahrzunehmen. Die kopforientierte Weltsicht hat uns, bildhaft gesprochen, aus unserer Mitte hinaus an den Rand des «Universums» verfrachtet. Dem gegenüber hat der Mensch aber das Bedürfnis, sich zu verbinden, sein Erkennen hin zum Übersinnlichen zu erweitern. Da könnte von einem esoterischen Weg die Rede sein.

Ich will damit sagen: Der Mensch lebt nicht von Brot allein. «Was ihn im Brote speist, ist Gottes ewiges Licht, ist Leben und ist Geist», wie es in einem alten Tischgebet so treffend heisst. Esoterik hat richtig verstanden niemals etwas Schwärmerisches, sondern versucht, den Lebensfragen auf den Grund zu gehen, im Bereich des Sichtbaren nach dem Unsichtbaren zu fragen.

Daniel Wirz, Zug