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Hingeschaut: Der Moment vor dem Verrat

Eine spätgotische Holzplastik in Menzingen zeigt eine bedeutende Bibelszene am Anfang von Jesu Leidensweg.
Andreas Faessler
Schlafende Jünger, ein betender Jesus und ein Engel mit Kelch: Die so genannte «Ölberggruppe» wie diejenige in Menzingen war ab dem 15. Jahrhundert in Europa weit verbreitet. (Bild: Maria Schmid, 27. September 2019)

Schlafende Jünger, ein betender Jesus und ein Engel mit Kelch: Die so genannte «Ölberggruppe» wie diejenige in Menzingen war ab dem 15. Jahrhundert in Europa weit verbreitet. (Bild: Maria Schmid, 27. September 2019)

Eine markante Erhebung im Gelände etwas ausserhalb von Jerusalems Stadtzentrum trägt den Namen Ölberg. Der Berg nimmt in neutestamentlichen Berichten – insbesondere bei Matthäus, Markus und Lukas – eine bedeutende Stellung ein: Er war der letzte Ort, an dem Jesus in Freiheit weilte. Bevor er in Jerusalem einziehen wollte, liess er sich mit seinen Jüngern im Garten Gethsemane am Ölberg nieder, um zu beten, nachdem seine Jünger eingeschlummert waren. Am folgenden Tag wurde Jesus von Judas verraten und im Garten festgenommen.

Schlicht bis überbordend

Der Moment, als Jesus neben den schlafenden Jüngern zum Himmel betet, hat in der Kirchenkultur reichen Niederschlag gefunden, insbesondere im 15.Jahrhundert. Sogenannte Ölberggruppen – plastische Darstellungen dieser Szene – waren damals fast in jeder Kirche oder auch ausserhalb deren im Freien zu finden. Sie galten als Orte der Andacht und des Gebets.

Zahlreiche solcher Ölberggruppen haben die Zeit überdauert und sind bis heute in vielen Kirchen oder auf Friedhöfen zu sehen. Ihre Aufmachungen reichen von der schlichten Schnitzerei bis zu überbordenden Schaubühnen, für die nicht selten eine ganze Seitenkapelle vorgesehen war – oder gar eine eigene Kapelle gebaut wurde. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts waren Ölberggruppen populär. So bergen denn auch viele Barockkirchen bis heute ansehnliche Darstellungen, die zuweilen höchste Pracht entfalten. Als eines der nennenswertesten Beispiele aus dieser Zeit sei der Ölberg in der Klosterkirche St.Ulrich und Afra in Kreuzlingen angeführt, ein Meisterwerk süddeutschen Rokokos.

Eine recht einfache, aber ausdrucksstark komponierte Ölberggruppe finden wir heute noch in Menzingen – in der St.Annakapelle neben der Pfarrkirche. Die figürliche Darstellung ist vermutlich nahezu so alt wie die 1512 als Beinhaus erbaute Kapelle, da ihr spätgotischer Gestaltungsstil auf die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts verweist. Sie zeigt insgesamt fünf Figuren, die sich von links nach rechts nebeneinanderreihen. Liegend und sitzend sind die schlafenden Apostel Jakobus, Petrus und Johannes dargestellt. Dann folgt vor dem Fels kniend und betend Jesus, als Hauptfigur in einem etwas grösseren Verhältnis ausgeführt. Auf dem Fels erscheint der Engel. Er hat den Kelch als Zeichen des Heils auf einem Felsvorsprung platziert. In den meisten Ölbergdarstellungen trägt der Engel das Gefäss in der Hand. Der geflochtene Zaun zu Füssen der Figuren verweist aufdenOrt des Geschehens, den Garten Gethsemane.

Die Fassung der Figuren orientiert sich seit einer Restaurierung an der ursprünglichen, spätgotischen Farbgebung. Ursprung und Künstler der Menzinger Ölberggruppe sind nicht bekannt. Der Zuger Kunsthistoriker Josef Grünenfelder zieht in Erwägung, dass die spätgotische Plastik möglicherweise vom abgebrochenen Ölberg auf dem Gubel stammen könnte.

Hinweis
Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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