Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Der Zuger Oberrichter fragt: «Haben Sie sich jetzt im Griff?»

Das Obergericht hatte einen jungen Mann wegen mehrerer Delikte im Rahmen häuslicher Gewalt wie auch der Gefährdung des Lebens zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Das Bundesgericht hob das Urteil teilweise auf. Nun wurde erneut verhandelt.
Christopher Gilb
Auch das Bundesgericht sieht es als erwiesen an, dass der Mann seine Frau unter anderem geschlagen hat. (Symbolbild: Keystone)

Auch das Bundesgericht sieht es als erwiesen an, dass der Mann seine Frau unter anderem geschlagen hat. (Symbolbild: Keystone)

Gut zwei Wochen vor der gestrigen Verhandlung entschied das Zuger Obergericht per Präsidialverfügung, einen jungen Mann türkischer Abstammung aus dem Kanton Zug auf freien Fuss zu setzen. Dies, nachdem ein Ergänzungsgutachten ihm bescheinigt hatte, dass sein Rückfallrisiko nicht mehr erhöht, sondern moderat sei.

Eine Rolle gespielt hat auch, dass der Mann einen Grossteil der 35 Monate, zu denen er verurteilt worden war, bereits in Sicherheitshaft abgesessen hat. So lang geht sein Weg durch die Instanzen bereits. Erst Anfang Februar 2018 hatte das Bundesgericht sein Urteil gesprochen. Es entschied, dass das Obergericht noch mal ran muss. Zwar hatten auch die Lausanner Richter keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Aussagen seiner Ex-Frau. Er soll sie 2015 gewürgt, geschlagen, geohrfeigt und an den Haaren gerissen haben, bestätigten die Schuldsprüche. Mit Teilen des Gutachtens war das Gericht aber nicht einverstanden.

Würgen bedeutet nicht Lebensgefahr

Basierend auf diesem Gutachten, war der Mann auch wegen mehrfacher Gefährdung des Lebens verurteilt worden. Denn laut Bundesgericht werde eine unmittelbare Lebensgefahr bei Strangulation nur angenommen, wenn der Täter mit derartiger Intensität auf das Opfer einwirke, dass punktförmige Stauungsblutungen auftreten. Solche konnten jedoch nicht nachgewiesen werden. Vielmehr ging das Gutachten in Richtung der Annahme, heftiges Würgen, bedeute zwangsläufig Lebensgefahr.

Der Angeklagte – kurze Hosen, definierter Körper, akkurat geschnittener Bar – machte an der gestrigen Verhandlung von Beginn an klar, um was es ihm geht. Er wolle das Kriegsbeil endlich begraben. So gab er später zum Anklagesachverhalt auch keine Auskunft mehr. Der vorsitzende Oberrichter befragte ihn zu der Zeit seit seiner Freilassung. Er wohne jetzt bei seiner Mutter in Zug, habe einen Job in Aussicht.Nur was das Besuchsrecht für seinen kleinen Sohn betreffe, sei er nicht zufrieden. Im Gefängnis habe er diesen regelmässig problemlos gesehen und draussen soll dies vorerst nur in einem speziellen Rahmen möglich sein. Der Richter wollte noch wissen, ob der Beschuldigte die Therapie, die ihm wegen der diagnostizierten Aggression und Persönlichkeitsstörung verordnet wurde, weiter besuche und auch in Zukunft weiter besuchen wolle, und ob er das Verbot sich seiner Ex-Frau zu nähern eingehalten habe. Er bejahte die Fragen. Die Therapie habe ihm geholfen, mit Konflikten anders umzugehen. «Haben sie sich jetzt im Griff?», fragt der Richter wiederholt.

Ob er auch die Absicht habe, die Delikte aufzuarbeiten, wollte die Anwältin der Ex-Frau wissen. «Muss ich mich wiederholen? Ich habe gesagt, ich arbeite das gerade auf», antwortet er mässig erfreut. Aber wie solle er über etwas, was er nicht gemacht habe, reden können. Er spricht vom Würgen, er ist da nicht geständig. Der Hintergrund der Frage, da noch das Urteil des Bundesgerichts offen und somit der Schuldspruch nicht rechtskräftig war, wurde nicht deliktspezifisch therapiert.

Staatsanwaltschaft will stationäre Therapie

Sein Verteidiger jedenfalls forderte, wegen des Urteils des Bundesgerichts die Strafe unter Anrechnung der bereits verbüssten Haft auf zwölf Monate zu reduzieren und ihm für die Überhaft eine Entschädigung von 59000 Franken zuzusprechen. Ganz anders die Staatsanwältin. Sie will das Urteil aufrechterhalten. Da die Anzeige erst mit zeitlichem Abstand gemacht wurde, sei es gut möglich, dass die Stauungsblutungen nicht mehr sichtbar gewesen seien. Zudem forderte sie eine stationäre deliktsorientierte Therapie anzuordnen, weil gemäss Gutachten er zwar nun Mittel habe, mit der Aggression umzugehen, die spezifische Persönlichkeitsstörung aber nach wie vor bestand habe. Erst müssten deshalb die Delikte aufgearbeitet werden, bis die Gefahr gebannt sei. Auch die Nebenklägerin fordert einen Schuldspruch, aber in Verbindung mit einer ambulanten Therapie.

Der Verteidiger reagiert darauf, indem er von einer Stadtführung erzählte, in der gezeigt wurde, wo einst eine Hexe verbrannt wurde. Diese Forderungen würden ihn etwas an eine Hexenjagd erinnern, kritisierte er. Die Therapie sei zudem nicht abstrakt gewesen, sein Mandant sei nämlich vergleichbare Situationen durchgegangen. Das Urteil wird schriftlich eröffnet.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.