Der psychische Leidensdruck von Expats ist gross – auch in Zug

Laut einer neuen Untersuchung sind Expats in der Schweiz häufig von psychischen Störungen betroffen. Auch Zuger Ärzte bestätigen das Problem. Die Triaplus AG will nun gemeinsam mit der Luzerner Psychiatrie neue Angebote schaffen.

Laura Sibold
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Zug ist zwar eine überschaubare Stadt, dennoch ist es für Expats nicht immer einfach, sich hier zurecht zu finden.

Zug ist zwar eine überschaubare Stadt, dennoch ist es für Expats nicht immer einfach, sich hier zurecht zu finden.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 27. Januar 2020)

Die Anzahl psychologischer Probleme in Expat-Familien ist erschreckend hoch, doch die meisten Fälle werden nicht diagnostiziert und bleiben unbehandelt. Das zeigt eine neue Untersuchung, die auf über 400 Gesprächen mit betroffenen Expatfamilien basiert und von den psychiatrischen Fachstellen in Zürich, Baar und Winterthur durchgeführt wurde. Am häufigsten würden Patienten mit Anpassungsstörungen und Depressionen behandelt, doch auch Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen träten oft auf, sagte Oliver Bilke, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Luzerner Psychiatrie Lups, gegenüber der «NZZ am Sonntag». Bilke war an der erwähnten Untersuchung beteiligt und will Expats für das Thema «Psychische Gesundheit» sensibilisieren.

Entsprechend entwirft die Luzerner Psychiatrie laut «SRF-Regionaljournal Zentralschweiz» derzeit ein neues Angebot für Expats, das ihnen rasch und unkompliziert psychologische Hilfe zukommen lassen soll. Die Luzerner Psychiatrie arbeitet dabei eng mit der Triaplus AG zusammen, die für die psychiatrische und psychotherapeutische Grundversorgung in Uri, Schwyz und Zug zuständig ist. Deren Chefarzt Josef Jenewein erklärt:

«Ziel ist ein Angebot für Information, Beratung und Behandlung sowie Triage. Dieses sollen Betroffene direkt, aber auch Arbeitgeber und Hausärzte für Zuweisungen nutzen können.»

Grundsätzlich hätten Expats mehrere Risikofaktoren für die Entwicklung von psychischen Störungen: Häufig haben sie sehr anspruchsvolle und stressige Jobs mit langen Arbeitszeiten. Zudem bestehen aufgrund von Sprache und Kultur oft Probleme bei der Integration. Auch sind sie häufig mit dem Gesundheitssystem wenig vertraut, was es erschwert, rechtzeitig die richtige Hilfe zu holen. Typischerweise münde das dann in eine Depression oder in eine Stresskrankheit wie ein Burn-out, erklärt Jenewein.

Ärzte fordern neue Orientierungshilfen

In der Zentralschweiz besonders betroffen ist Zug als typischer Expat-Kanton. Dies bestätigt der auf Expats spezialisierte Zuger Psychiater Michael van Houte:

«Expats in Zug leiden häufig an psychischen Problemen. Das hat über die letzten Jahre sogar noch zugenommen.»

Viele leistungsorientierte Expats kämen aufgrund ihrer Arbeit bei einem internationalen Unternehmen nach Zug. Mit dem zunehmenden Druck in der Firma steige die Angst vor einem Jobverlust, was in eine psychische Erkrankung münden könne. Van Houte behandelt in seiner Praxis aber auch viele Ehepartner von Kaderangestellten. «Oft hat ein Partner seinen Job aufgegeben und kümmert sich um die Kinder. Diese Expats sprechen häufig kein Deutsch, sind sozial isoliert und leiden unter der Anonymität», erklärt der Psychiater.

Nicht zu unterschätzen seien auch die kulturellen Unterschiede, die es erschweren können, sich an einem neuen Ort zurechtzufinden. Entsprechend betont Michael van Houte die Wichtigkeit von Orientierungshilfen für Expats in Form von Selbsthilfegruppen, Foren oder Apps. Auch Triaplus-Chefarzt Josef Jenewein begrüsst die Schaffung spezifischer Angebote wie Behandlungen in der Muttersprache oder kulturspezifische Inhalte. Darüber hinaus seien auch Arbeitgeber von Expats in der Pflicht: Sie sollten gut über Angebote informiert sein und aktiv informieren.

Diverse Anlässe und eine Plattform gibt es schon

Ganz ohne Orientierungshilfe stehen Expats im Kanton Zug nicht da. Der Verein FRW Interkultureller Dialog sowie die Expat-Plattform Zug4You engagieren sich seit Jahren für die Integration von Zugezogenen. So veranstaltet der FRW in diversen Gemeinden regelmässig Begegnungsanlässe, die auch Expats offenstehen. Zwischen 10 und 15 Prozent der Freiwilligen seien Expats, sagt FRW-Koordinatorin Eva Wimmer. Immer mal wieder habe man Expats als Teilnehmer, die psychisch angeschlagen seien und durch die Begegnungen beim FRW ein Umfeld und Halt fänden.

Darüber hinaus möchte der Verein FRW Interkultureller Dialog mit dem Kanton und Triaplus ein kostenloses Angebot für Menschen in Lebenskrisen schaffen. «Menschen, die in einer Lebenskrise stecken, sollen durch Tanz, Musik, Malen oder Natur ihre Emotionen ausdrücken können und so wieder an Lebensfreude gewinnen», erklärt Wimmer. Dieses Angebot soll auch für Expats sein, die es im Kanton Zug «nicht gerade einfach» hätten. «Ich bemerke immer wieder, dass gewisse Schweizer Expats eher ausschliessen, aus dem Gedanken heraus, dass diese ja finanziell privilegiert und nicht auf Hilfe angewiesen seien», sagt Eva Wimmer. Das erschwere es den Zugezogenen, sich in die Gesellschaft einzugliedern.

Dass es nicht immer einfach ist, als Expat in Zug Fuss zu fassen, versteht auch Natalie Al­brecht. Sie zog 1994 in den Kanton Zug und baute vor 13 Jahren die Expat-Plattform Zug4You auf. Zug sei keineswegs ein anonymes Pflaster, betont Albrecht. Doch es brauche als Expat viel Eigeninitiative, um hier ein Umfeld aufzubauen.

«Es ist wichtig, dass Expats proaktiv auf andere zugehen. So schaffen sie sich selber ein Netzwerk und fühlen sich bei auftretenden Problemen nicht alleingelassen.»

Hier könne auch Zug4You Hand bieten: Nach Wunsch vermittelt die Plattform den Expats Ansprechpersonen oder weist im Eventkalender auf Anlässe im Kanton hin. Darüber hinaus helfe man beim Finden einer passenden Wohnung und bei der Eingliederung in den Alltag – vom Erklären des Entsorgungssystems bis hin zu Tipps für die Integration.

Durch Begegnungen neue Kraft tanken

Erstmals sollen Menschen in Lebenskrisen im Kanton Zug ein kostenloses Angebot zur Unterstützung im Alltag erhalten. Iniziieren will das der Verein FRW Interkultureller Dialog, der sich seit acht Jahren für die Zivilgesellschaft einsetzt.
Laura Sibold