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Der Reussdamm in Hünenberg hielt vor 15 Jahren Höchstwerten stand

Es schieden sich die Geister, wie Hochwasserschutz und ökologische Aufwertung in Hünenberg aussehen könnten. Nach über 18 Jahren der Planung war das Projekt Reussdamm dann erfolgreich beendet.

Andrea Muff
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Der Dauerregen im August vor 15 Jahren stellte den damals noch jungen Reussdamm auf die Probe: Denn am Montag, 22.August 2005, erreichte der Wasserpegel der Reuss kurz nach 6Uhr an der Messstelle Mühlau seinen Höchststand. 393,52 Meter über Meer wurden angezeigt. So hoch stand die Reuss seit Messbeginn 1915 noch nie. Innerhalb von 18Stunden war der Pegel um 2,5 Meter gestiegen. Das bedeutete, dass rund 1000 Kubikmeter pro Sekunde durch die Reuss drängten und einen gewaltigen Druck auf den Damm ausübten. Bei der Projektierung wurde mit einem tieferen Höchstwert gerechnet, doch das Bauwerk hielt stand. Ein Glück, denn bis dahin war es langer Weg.

Am 22. August 2005 wurde die Reuss zu einem reissenden Fluss.

Am 22. August 2005 wurde die Reuss zu einem reissenden Fluss.

Archivbild: Bruno A. Arnold

Am Anfang stand ebenfalls eine Naturkatastrophe: 1987 war das ganze Urner Reusstal unter Wasser. Daraufhin reichten Hünenberger Kantonsräte eine Motion ein. Diese wollte die Abflussverhältnisse der Reuss und der Lorze verbessern und den Zustand des Schutzdammes überprüfen. Bei der Erheblicherklärung 1988 dachten die Politiker, die Hochwassersicherung entlang der Flussstrecke Sinserbrücke bis Mühlauerbrücke sei zu Beginn der 1990er-Jahre abgeschlossen. Doch es sollte noch Jahre dauern.

Das erste Bauprojekt scheiterte

So gingen erst die Meinungen der Fachleute des Wasserbaus und des Natur- und Landschaftsschutzes bei der Projektierung auseinander, danach scheiterte 1994 das erste Bauprojekt an den Bestimmungen des Bundesgesetzes und am Veto der Bundesstellen sowie des Kantons Aargau. Das zweite Projekt folgte im Herbst 1995. Der Regierungsrat ersuchte beim Kantonsrat um einen Kredit von 4,7 Millionen Franken. Die Idee: Auf einer Flussstrecke von rund 4,9 Kilometern sollten eine Dammerhöhung und landseitige Verbreiterung erfolgen. Weiter wurde auf einer Länge von 748 Metern eine Verlegung des Reussdammes vorgeschlagen. Im Dezember 1995 stimmte der Kantonsrat der Vorlage zu. Bei der öffentlichen Auflage gingen jedoch Einsprachen ein.

Heute ist der Reussdamm ein beliebtes Ausflugsziel.

Heute ist der Reussdamm ein beliebtes Ausflugsziel.

Bild: Roger Zbinden (Hünenberg, 12. Juli 2020)

In der Zwischenzeit bildete sich die Interessengemeinschaft IG Reuss. Ihr Ziel war es, den Hochwasserschutz ohne zusätzliche Beanspruchung von Land zu erzwingen. Damit kamen weitere Varianten aufs Tapet. Gegen Ende der 1990er-Jahre unterbreitete der Regierungsrat dem Kantonsrat ein überarbeitetes Projekt und beantragte einen Kredit von 9,8 Millionen Franken.

Schutzzone war umstritten

Der Antrag der Baudirektion zum Erlass einer Landschaftsschutzzone blieb dabei auf der Strecke. Die Schutzzone war schon in der Wasserbaukommission umstritten. Vertreter der Gemeinde und die Landbesitzer verlangten, dass die besagte Zone nicht weiter ausgeweitet werde. Umweltorganisationen jedoch plädierten für grosszügige Lösungen für die Natur und Landschaft. Als die Diskussion zu scheitern drohte, kam die Idee der Ausarbeitung eines Landschaftsentwicklungskonzeptes (LEK). Ende 2000 stimmten alle Beteiligten diesem Vorschlag zu. Und es funktionierte: Die LEK-Arbeitsgruppe unterbreitet dem Regierungsrat bald einen ausgehandelten Kompromiss. Das Parlament bewilligte den nötigen Kredit von 9,8 Millionen Franken für die Sanierung des Reussdammes mit ökologischer Aufwertung.

Im Winter 2004 erfolgte der Spatenstich. Das Bauwerk konnte in nur anderthalb Jahren fertiggestellt werden. Auf einer Strecke von rund fünf Kilometern wurden an der Reuss der Hochwasserschutz verstärkt, Uferrenaturierungen vorgenommen und in einer Flussaufweitung ökologische Ausgleichsflächen geschaffen.

Am 11.6.2005, also rund zweieinhalb Monate vor dem Jahrhunderthochwasser, wurde die offizielle Eröffnung des erneuerten Flusslaufs gefeiert. Nach über 18 Jahren der Planung war das Projekt erfolgreich beendet und hielt gar der folgenden Naturkatastrophe stand.

Die elfteilige Serie «Mensch vs. Natur» beleuchtet Projekte, deren geplante Eingriffe in die Landschaft die Emotionen hochkochen liessen. Im 5. Teil lesen Sie heute über den Reussdamm in Hünenberg. Quelle: «Zug, natürlich», Peter F.X. Hegglin, 2008.

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