Kolumne

Der Wicht und das Vertrauen

Reporter Marco Morosoli wird sich der Bedeutung guter Freunde einmal mehr bewusst.

Marco Morosoli
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Marco Morosoli

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Kleinkinder zieht es zu ihrer Mutter. Dort finden sie Nahrung und Sicherheit. Die Nähe zu Mitmenschen, die wir lieben oder uns in einer anderen Weise sehr viel mehr bedeuten als Fremde, sind für uns existenziell. Ohne Vertrauen, Respekt, Wertschätzung, Zuneigung oder Mitgefühl stürzt unsere Gesellschaft ab.

Ein Wicht verhagelt unser Vertrauen. Jedes Gegenüber ist– ein Freund, ein Fremder oder ein Räuber spielt keine Rolle – eine mögliche Virenschleuder. Aufeinander zugehen war einmal, heute gilt Abstand halten. Das Händeschütteln hat ein Journalist begraben. Wangenküsschen da und dort sind des Teufels. Auch Umarmungen sind altbacken. Wir reden im Coronavirus-Modus sogar vom Social Distancing. Passender wäre Physical Distancing. Was viral um die Welt geht, muss richtig sein, obwohl es kreuzfalsch ist.

Gut, dass noch niemand vorgeschlagen hat, wegen dieser Geissel der Menschheit, eine neue Zeitrechnung zu starten. Dafür reden alle von der neuen Normalität, als gäbe es eine alte. Das Datum ist einzigartig. Was bleibt, das sind die Freunde. Jeder mag seinen eigenen Charakter, seine Vorlieben und seine Einstellung zum Leben und Zusammenleben haben, aber das ist nur Beifang. Wichtig ist hingegen: Ich kann ihnen vertrauen. Gemeinsam sind wir stark. Dieser Kitt gehört wie Schutzmasken in den Notvorrat. Der Jammermodus bringt uns nicht vorwärts. Aber jeder Tag bietet uns eine weitere Chance, unser Leben mit oder ohne fremde Hilfe zu justieren. Ein Spruch hilft mir: Die Vergangenheit hält uns fest, die Zukunft ängstig uns, darob vergessen wir die Gegenwart. Also immer vorwärts.