Der Zuger Wirtschaftsförderer sagt: «Die Nähe zur ETH hilft uns sehr»

Beat Bachmann, der Leiter der Kontaktstelle Wirtschaft des Kantons, zeigt auf, warum nicht zuletzt die geografische Lage des Kantons ein Erfolgsfaktor ist.

Interview: Raphael Biermayr
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Beat Bachmann leitet die Kontaktstelle Wirtschaft seit bald sieben Jahren. Bild: Maria Schmid (Zug, 24. Oktober 2019)

Beat Bachmann leitet die Kontaktstelle Wirtschaft seit bald sieben Jahren. Bild: Maria Schmid (Zug, 24. Oktober 2019)

Die Vorteile, die der Kanton Zug Unternehmen bietet, sind hinlänglich bekannt. Braucht es Sie da überhaupt?

Unsere Kunden erwähnen immer wieder, dass auch unsere Arbeit dazu beiträgt, dass sie hierherkommen. Wir begleiten die Firmen ja tagtäglich und kommen ihren Bedürfnissen nach. Die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen und nach Vernetzung steigt stetig. So gesehen sind wir überzeugt davon, dass es uns braucht.

Gibt es etwas, das die Kontaktstelle für Wirtschaft nicht anbietet, wonach immer wieder gefragt wird?

Ja. Wir sind in erster Linie für die Unternehmen da und nicht für einzelne Mitarbeitende. Beispielsweise suchen wir keine Wohnungen, dafür sind andere Dienstleister zuständig. Wir nennen Wohnungssuchenden aber gern Koordinaten von Relocation Services.

Einer der meistgenannten Vorteile des Kantons Zug ist die grosse Zahl an hier verfügbaren Fachkräften. Was sind Fachkräfte genau?

Per Definition ist das eine arbeitstätige Person – ein Arbeitnehmender also. Aber es geht den Firmen oft um hochqualifizierte Fachkräfte, also um spezifisch für ihre Branche passend ausgebildete Personen. Ein Beispiel: Informatikfachkräfte sind Mangelware. Der Kanton Zug reagiert darauf und will eine Höhere Fachschule für Informatik und Elektronik am Gewerblich-industriellen Bildungszentrum Zug lancieren. Es geht auch darum, die Komponenten des dualen Systems zu vernetzen, um ständige Weiterbildung und lebenslanges Lernen zu ermöglichen. Dazu gibt es seit kurzem auf Hochschulstufe das Departement Informatik der HSLU in Rotkreuz. Bildung und Weiterbildung sind ungemein wichtig, denn Fachkräfte sind nach den Steuern und der Erreichbarkeit ein weiteres wichtiges Entscheidungskriterium für Firmen, um sich an einem Standort niederzulassen.

Braucht es diese Angebote zwingend im Kanton Zug? Warum reicht es nicht, die Möglichkeiten in umliegenden Kantonen zu nutzen?

Den Kanton Zug zeichnet es aus, nicht abzuwarten, sondern selbst aktiv zu werden und innovativ zu sein. Nehmen Sie als Beispiel das Angebot der Vinto-Sportlerlehre, das nun ins OYM-College in Cham überführt wird. Natürlich könnte man sagen, dass Hans-Peter Strebel dieses in der Entstehung befindliche Sportzentrum OYM hier bauen und betreiben lässt, weil er als EVZ-Präsident eine Verbindung zum Kanton Zug hat. Aber er hat sich sicher auch dafür entschieden, weil der Geist, der hier herrscht, dieser Spirit of Zug, seinem entspricht. Die Voraussetzung dafür ist eine Nähe zur Wirtschaft, wie sie hier gelebt wird. Dazu kommt als Vorteil die Kleinheit des Kantons Zug, die kurze Wege ermöglicht.

Apropos Kleinheit. Stimmt der Eindruck, dass Vertreter ausländischer Firmen bei einem Blick auf die Schweizerkarte denken, dass Zug zu Zürich gehört?

Das stimmt. Zug gehört nicht umsonst zum Metropolitanraum Zürich. Die Nähe zu weltbekannten Institutionen wie der ETH und der Uni Zürich helfen uns sehr. Deshalb gelang es uns zum Beispiel, mit Align Technology einen Weltmarktführer im Bereich Medizintechnologie in den Kanton Zug zu holen. Das Unternehmen wird demnächst mit seinem europäischen Hauptquartier und bis zu 140 Personen von Holland nach Rotkreuz in die Suurstoffi umziehen. Da diese Firma hier auch ein neues Software-Entwicklungszentrum aufbaut, will sie nah bei dafür nützlichen Institutionen sein. Die Verantwortlichen sagten mir, dass die Möglichkeiten dafür nirgendwo auf der Welt so gut seien wie hier.

Die Suurstoffi ist eines von mehreren Arealen, die im Kanton Zug entwickelt werden. Welche Rolle nimmt die Kontaktstelle Wirtschaft dabei ein?

Die Unterstützung von Arealentwicklungen gehört zu unseren Aufgaben. Sie ist auch ein Legislaturziel des Regierungsrats des Kantons Zug. Dabei konzentrieren wir uns auf die Suurstoffi, die Städtlerallmend, das Papieriareal in Cham, das Bösch Hünenberg, das L&G-Areal in Zug, den Technologiecluster der Metall Zug und dereinst wohl die Lorzenallmend. Die Städtlerallmend hat heute 6500 Arbeitsplätze, nach der angestrebten Verdichtung werden es 10 000 sein. Die verschiedenen Firmen und weitere Anspruchsgruppen äussern viele Bedürfnisse, auf die wir in Zusammenarbeit mit den beiden involvierten Gemeinden Cham und Steinhausen reagieren. An Round-Table-Gesprächen wurde beispielsweise geäussert, dass der Weg zu den Stadtbahnhaltestellen von manchen Gebäuden etwas weit sei. Da gilt es, eine Lösung zu finden.

Im Standortranking der Credit Suisse hat Zug allerdings seinen Spitzenplatz an Basel verloren. Wurmt Sie das?

Überhaupt nicht. Der Grund, warum die Stadt Basel derzeit den ersten Platz belegt, ist, dass sie die Gewinnsteuersätze rückwirkend auf das Jahr 2019 gesenkt hat. Ab Januar 2020 wird Zug wieder an der Spitze stehen. Bis auf diese paar Monate hat Zug übrigens in den 20 Jahren, in denen es diese Studie gibt, immer an der Spitze gestanden. Das spornt uns an. Es ist noch schwieriger, die Nummer eins zu bleiben, als die Nummer eins zu werden.

Firmen und Angestellte im Kanton Zug nach Clustern

•       Grosshandel (inkl. Konsumgüter und Rohstoffhandel):
1800 Firmen/13 800 Beschäftigte

•       High Tech/ Industrie: 750 Firmen/14 000 Beschäftigte

•       Life science (Pharma / Biotech / Medtech): 300 Firmen/8000 Beschäftigte

•       Finanzwirtschaft (Asset Management/ Private Equity/Family Offices): 2000 Firmen/6900 Beschäftigte

ICT (inkl. Fintech und Blockchain): 1400 Firmen/8400 Beschäftigte

Wächst die Belegschaft der Kontaktstelle im Verhältnis zur Zahl der Unternehmen im Kanton?

Nein, wir haben immer noch gleich viele Stellenprozente wie vor 20 Jahren. Das ist eine Herausforderung und bedeutet, unsere Angebote klar zu begrenzen. Wir können beispielsweise nicht die Geschäftsentwicklung für eine Firma übernehmen oder, wie erwähnt, Wohnungen für Mitarbeitende suchen. Dafür gibt es in Zug zahlreiche hervorragende Dienstleister. Auch das ist übrigens ein wichtiger Standortfaktor.

Nach aussen hin wirkt es so, als ob Ihr Team sich nur um Grossfirmen kümmern würde. Trifft das zu?

Nein, wir sind bei der Ansiedlung und der Betreuung für alle Firmen da und behandeln alle gleich. Wenn wir unsere bis zu 130 Firmenbesuche jährlich planen, versuchen wir, möglichst viele Branchen und Unternehmen abzudecken, unabhängig von deren Grösse.

Nicht nur die Kantone, auch die Gemeinden kämpfen um gute Steuerzahler. Nehmen Sie bei der Ansiedlung von Firmen darauf in irgendeiner Form Rücksicht?

Für uns sind bei der Ansiedlung immer die Bedürfnisse der Unternehmen entscheidend. Anhand derer zeigen wir die verfügbaren Möglichkeiten im ganzen Kanton auf, der Entscheid liegt aber letztlich immer bei den Kunden. Ein anderer Fall sind Firmen, die bereits im Kanton Zug angesiedelt sind und sich zum Beispiel nach grösseren Büros umsehen. Einem Gentlemen’s Agreement folgend, informieren wir dann zuerst die Gemeinde, in der die Firma ansässig ist. Diese kann dann zuerst die Optionen auf ihrem Gebiet aufzeigen.

«In Steuerfragen lässt der Bund den Kantonen Spielraum, den wir zu nutzen wissen.»

Wie wirken sich bedeutende nationale Abstimmungen wie beispielsweise die Steuerreform vom vergangenen Mai auf Ihre Arbeit aus?

Glücklicherweise beeinträchtigen Abstimmungsergebnisse unsere Arbeit in der Regel nicht. Dies, weil der Kanton Zug seit langem durch eine hohe Stabilität und Verlässlichkeit in der Finanz- und Steuerpolitik besticht. Ein Beispiel: Im Jahr 2013 kam das Thema auf, dass das Steuersystem in der Schweiz geändert werden soll. Damals kamen viele Firmen auf uns zu und fragten, ob es mit der Steuerstabilität vorbei wäre. Es verging kein halbes Jahr, bis die Zuger Regierung bekanntgab, dass sie im internationalen Vergleich steuerlich attraktiv sein und den Gewinnsteuersatz auf 12 Prozent senken will. Das war ein paar Jahre später auch der Fall. Diese Verlässlichkeit hilft uns bei unserer Arbeit natürlich sehr.

Könnte man also sagen: Es ist egal, was in der Schweiz passiert, der Kanton Zug ist stabil genug?

Es ist keinesfalls egal, was in der Schweiz passiert. Denn als international ausgerichteter Standort merken wir extrem schnell, wenn sich etwas an den Rahmenbedingungen ändert, nehmen sie zum Beispiel die Regulierung der Zuwanderung. Der ehemalige Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel nannte den Kanton Zug in einem Vergleich einen «Schnellkochtopf». Das geht den Baslern oder Genfern ähnlich, die ebenfalls stark international ausgerichtet sind. In Steuerfragen lässt der Bund den Kantonen allerdings Spielraum, den wir zu nutzen wissen.

Ihre Arbeit wird von vielen Seiten gelobt. Wollte Sie jemals ein anderer Kanton für dessen Wirtschaftsförderung abwerben?

Nein, das ist bislang nicht vorgekommen. Es verhält sich auch nicht unbedingt wie in der Privatwirtschaft, wo CEO’s regelmässig die Firma wechseln. In dieser Funktion muss die Verwurzelung am Standort sehr stark sein.

Woran bemessen Sie Ihren Erfolg?

Daran, wie die Firmen mit unserem Service zufrieden sind. Diese Frage stellen wir bei jedem Firmenbesuch, und zielen damit nicht nur auf unseren Service ab, sondern auf den hohen Service Level sämtlicher Verwaltungsstellen. Wir brauchen dieses Feedback, um uns stetig zu verbessern.

Es gibt auch Firmen, die abwandern. In diesem Jahr hat zum Beispiel der Pharmakonzern Shire nach einer Übernahme seinen Sitz in Zug aufgegeben, womit hier 500 Stellen verlorengingen.

Genau. Unter dem Strich handelt es sich dabei immer noch um eine Erfolgsgeschichte. Der Europasitz der übernehmenden Takeda liegt im Kanton Zürich und damit immer noch in der Schweiz. Ausserdem wohnt rund ein Drittel der ehemals in Zug tätigen Mitarbeitenden noch immer im Kanton Zug. Kommt dazu, dass viele Angestellte, die nicht weiterbeschäftigt worden waren, schnell eine neue Stelle fanden. Manche davon im Kanton Zug, denn wir siedelten seither zehn neue Pharmafirmen hier an, die alle auf der Suche nach qualifizierten Mitarbeitenden waren. Genau das ist der Vorteil, wenn man Cluster an einem Ort hat. Diese ziehen weitere Firmen an. Es verhält sich wie bei den grossen Detailhändlern: Wo der eine ist, baut der andere bald auch eine Filiale.

Kann man eine abwanderungswillige Firma aufhalten?

Je enger wir mit den Unternehmen in Kontakt stehen, desto eher wissen wir von möglichen Abwanderungsplänen. Häufig dürfen wir dann Argumente einbringen, die Firmen oder Bereiche davon tatsächlich zum Bleiben bewegen. Das klappt natürlich nicht immer. Doch selbst im Fall der Abwanderung bieten wir dem Unternehmen unsere Hilfe an. Auch dafür erhielten wir schon oft Komplimente.

Ehemaliger Kadermann

Beat Bachmann (58) ist seit Dezember 2012 Leiter der Kontaktstelle Wirtschaft beim Kanton Zug. Zuvor war er während zehn Jahren in verschiedenen Kaderfunktionen bei Johnson & Johnson (J&J) im In- und Ausland tätig. Bachmann studierte an der HSG Betriebsökonomie und bildete sich später im Bereich Controlling sowie Qualitäts- und Prozessmanagement weiter. Der gebürtige Luzerner ist Vater zweier erwachsener Kinder und wohnt seit über 30Jahren im Kanton Zug.