Es kommt ein Reformator auf Wohnungssuche in den Kanton Zug

Ein überdimensionierter Huldrych Zwingli steht jetzt vor der reformierten CityKirche in Zug. Er will nicht missionieren, sondern ist auf der Suche. Diese symbolhafte Aktion spricht auf bildhafte Weise ein virulentes Thema an, mit dem sich der Kanton zu beschäftigen hat.

Andreas Faessler
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Der übergrosse Reformator wird per Kran vom Lastfahrzeug gehoben. Auf einem massiven Betonsockel ist er schliesslich verankert und steht für einige Monate auf dem Platz vor der CityKirche.

Der übergrosse Reformator wird per Kran vom Lastfahrzeug gehoben. Auf einem massiven Betonsockel ist er schliesslich verankert und steht für einige Monate auf dem Platz vor der CityKirche.

Bilder: Andreas Faessler (Zug, 17.August 2020)

Ja, dann mal viel Glück, Herr Zwingli. In Zug eine Bleibe zu finden, dürfte auch für Sie kein Einfaches sein... Man hat schon fast Mitleid mit dem Reformator, wie er da seit Montagvormittag vor der Zuger CityKirche steht, ein Schild mit der Aufschrift «Suche Wohnung» haltend.

Wer vergangenes Jahr einmal mit offenen Augen durch die Stadt Zürich gewandert ist, dem dürfte der neue Zuger Gast bekannt vorkommen. Anlässlich des 500. Reformationsjahres waren im letzten Herbst im Rahmen der von allen drei Landeskirchen mitgetragenen Aktion «Zwingli-Stadt 2019» in Zürich 15 überlebensgrosse Zwingli-Figuren aufgestellt worden, optisch sich ans berühmte Denkmal bei der Wasserkirche anlehnend. Jeder der Figuren war ein sozialer Themenschwerpunkt zugeordnet – etwas, das die Gesellschaft aktuell umtreibt und für Diskussion sorgt. Integration, Klima, Suchtprobleme, Religion, Wirtschaft... Das Projekt sollte zum Diskurs und Nachdenken anregen.

Per Kran vor der Kirche aufgestellt

Nach der Aktion wurden mehrere Figuren versteigert, einige bekamen jene Institutionen, welche die Aktion damals unterstützt hatten. Darunter auch die Reformierte Kirche Kanton Zug. «Und so haben wir uns für den ‹Suche-Wohnung-Zwingli› entschieden», sagt Pfarrer Hans-Jörg Riwar. «Weil das sehr gut zum Kanton Zug passt.» Riwar meint damit – es liegt auf der Hand – das bekannte «Zuger Problem» der chronischen Wohnungsknappheit und der steigenden Immobilienpreise. Ob Huldrych Zwingli im Kanton Zug je eine Wohnung finden würde oder nicht, kann dahingestellt bleiben – «unsere Figur soll diesbezüglich als Denkanstoss dienen», sagt Pfarrer Riwar.

Der rund 1,5 Tonnen schwere Betonsockel wird zuerst platziert.
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Direkt am Treppenaufgang vor der Kirche kommt Zwingli zu stehen.
Nun ist der Reformator an der Reihe. Per Kran wird er vom Transporter gehievt.
Nun ist der Reformator an der Reihe. Per Kran wird er vom Transporter gehievt.
Vorsicht ist die Mutter des Polyester-Zwingli.
Und noch eine Rückansicht...
Feingefühl ist gefragt bei der akkuraten Platzierung.
Positioniert und schliesslich festgeschraubt.
Pfarrer Andreas Haas (links) und Pfarrer Hans-Jörg Riwar mit dem Neuankömmling.
Hier wird Huldrych Zwingli für die nächsten paar Monate seinen Standort haben.

Der rund 1,5 Tonnen schwere Betonsockel wird zuerst platziert.

Bild: Andreas Faessler (Zug, 17. August 2020)

Die Zwingli-Replik besteht aus Polyester, und mimt die Haltung des Denkmals in Zürich. An Stelle des Schwertes hält der Kunststoff-Zwingli jedoch sein rotes Schild in die Luft. Am 2.Dezember 2019 hat die Zwinglifigur Zürich zum ersten Mal verlassen und ist nach Unterägeri gereist, wo sie bis vor kurzem nahe der reformierten Kirche gestanden und eine Wohnung gesucht hat. Am Montag fuhr ein grosser Transporter mit Lastkran vor die CityKirche und brachte den überdimensionalen Reformator aus dem Ägerital her. Erst wurde der rund anderthalb Tonnen schwere Betonsockel platziert, dann vorsichtig die Zwingli-Figur darauf gesetzt und montiert. «Er wird hier nun ein paar Monate bleiben», sagt Pfarrer Riwar. Wo er danach hinreist, sei noch offen. Je nachdem, welcher Bezirk sich der Aktion anschliessen wolle.

Hätte Huldrych Zwingli vor 500 Jahren so unbekümmert an dieser Stelle mitten in Zug gestanden, so wäre es ihm wohl an den Kragen gegangen. Seine Ideen hatten hier nichts verloren. Heute ist das freilich anders. Das Mit- und Nebeneinander, die Ökumene, sind wichtiger Bestandteil des friedlichen Zusammenlebens der Konfessionen in der Schweiz.

Dem bedeutenden Schweizer Reformator ist am kommenden Freitag ein klingender Abend in der reformierten CityKirche gewidmet. «Ein gantzer Musicus» soll der Gottesmann zu Lebzeiten gewesen sein, wie der Luzerner Chronist Johannes Salat (1498–1561) vermerkt. Zwingli soll demnach mehrere Instrumente gespielt haben. Die CityKirche stellt an besagtem Abend die Musik zu Zwinglis Zeiten in den Mittelpunkt, es wird auf der Drehleier und auf der Sackpfeife gespielt sowie auch gesungen. Die Instrumentalisten Urs Klauser und Daniel Som haben beide am Zwingli-Kinofilm von Stefan Haupt mitgewirkt, Som auch vor der Kamera – als Wirtshaus- und Strassenmusikant. Die zwei werden die von Dorothea Jäger gesungenen Lieder begleiten.

Hinweis
«Ein gantzer musicus», ref. CityKirche, Freitag, 21.August, 20Uhr. Eintritt frei (Kollekte).