Sakralbauten Steinhausens als Zeugen des Wandels

Im Rahmen von Kulturpunkt-Zug gab es am Samstag eine Führung zur kulturhistorischen Bedeutung der Kirchen im Dorfzentrum.

Hansruedi Hürlimann
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Alt und Neu: das Kirchen-Ensemble in Steinhausen.

Alt und Neu: das Kirchen-Ensemble in Steinhausen.

Bilder: Stefan Kaiser (21. November 2020)

Um Punkt zehn Uhr konnte Pfarreileiter Ruedi Odermatt bei kühlem, aber sonnigem Herbstwetter eine beachtliche Schar von Interessenten zum Rundgang begrüssen. «In Steinhausen sind alte und neue Sakralbauten auf eine besonders gelungene Art vereinigt», sagte Urs-Beat Frei, der als Spezialist für Sakralkultur die Bedeutung der einzelnen Bauten in ihrem historischen und heutigen Kontext aufzeigte. Es handelt sich um die im 12. Jahrhundert erstmals erwähnte St.-Matthias-Kirche, das 1611 erbaute Beinhaus und das Ökumenische Zentrum Chilematt, das im nächsten Jahr sein 40-jähriges Bestehen feiert.

Urs-Beat Frei, Experte für christliche Sakralarchitektur, führte durch das Programm.

Urs-Beat Frei, Experte für christliche Sakralarchitektur, führte durch das Programm.

Am ergiebigsten waren die Ausführungen des Fachmanns zur St.-Matthias-Kirche, die in Abständen von rund 200 Jahren jeweils erneuert wurde. Eine grosse Veränderung gab es zu Beginn des letzten Jahrhunderts, als das Kirchenschiff im neobarocken Stil neu erbaut wurde. Die Sakralbauten prägten mit ihrer Architektur den Wandel von Religion und Kultur in den einzelnen Epochen nachhaltig, sagte Frei.

Und weiter: «Als lebendige Zeitzeugen dieser Entwicklung ist ihr Erhalt deshalb von grosser Bedeutung.» Diese Überzeugung wurde bei der Planung des neuen ökumenischen Zentrums auf die Probe gestellt, als es um die Frage ging, ob die Matthias-Kirche abgebrochen werden sollte oder nicht. Nicht zuletzt dank dem Einsatz der kantonalen Denkmalpflege blieb der Kirche dieses Schicksal im Gegensatz zum ehemaligen Pfarrhaus erspart.

Abstrakte Gemälde schaffen eine Verbindung

Auch das Beinhaus widerspiegelt eine Entwicklung, die in Coronazeiten eine besondere Note erhält, nämlich unser Verhältnis zu Sterben und Tod. Früher befand sich der Friedhof neben der Kirche und das Beinhaus war während Jahrhunderten eine Schädelstätte. Diese hielten so die Endlichkeit des Daseins eindrücklich vor Augen. Heute ermöglichen im leeren Gebäude zwei abstrakte Gemälde des Kunstschaffenden Benno K. Zehnder dem Betrachter eine persönliche Interpretation.

Das Beinhaus ist heute leer. Abstrakte Gemälde lassen Raum für Interpretationen.

Das Beinhaus ist heute leer. Abstrakte Gemälde lassen Raum für Interpretationen.

Die individuelle Sicht gilt ganz besonders auch für das Spätwerk von Ferdinand Gehr im Foyer des Ökumenischen Zentrums Chilematt. Der grosse Streit, den seine Fresken seinerzeit in der neuen Kirche von Oberwil auslösten, blieb in Steinhausen aus. Mehr zu reden gab die Marienstatue in der Don-Bosco-Kapelle. Die avantgardistische Steinskulptur, die in ihrer Art sehr gut zur Architektur des Neubaus passte, wurde nicht von allen goutiert und durch eine traditionelle Marienfigur ersetzt. Da es sich um kein Original handelt, hofft die Pfarreileitung darauf, dass sich gelegentlich ein Umdenken einstellt.

Ein Umdenken zeigte sich in den 1980er-Jahren, als das Projekt des reformierten Architekten Ernst Gisel realisiert wurde. Das multifunktionale Begegnungszentrum bringt den Aufbruch des 2. Vatikanischen Konzils und der ökumenischen Begegnung zum Ausdruck. Das Foyer in der Mitte mit dem für Katholiken und Reformierte gemeinsamen Taufbrunnen ist das eigentliche Zentrum. Die beiden Kirchgemeinden bilden zusammen mit der Einwohnergemeinde die Trägerschaft eines der wenigen Zentren dieser Art.