Die Bewertung von Zuger Altersheimen sorgt für Unmut

Das Unternehmen Helvetic Care AG mit Sitz in Baar führt eine Onlineplattform mit einem Altersheim-, Spitex- und Homecare-Rating für die Schweiz. Die Zuger Heimleitungen und der Verband Curaviva stehen der Plattform kritisch gegenüber.

Cornelia Bisch
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Wenn ältere Menschen auf Hilfe angewiesen sind, gilt es, die für sie geeignetste Lösung zu finden.

Wenn ältere Menschen auf Hilfe angewiesen sind, gilt es, die für sie geeignetste Lösung zu finden.

Symbolbild: Maria Schmid (8. November 2018)

Seit mehr als einem Jahr besteht die Online-Plattform Orahou.com, auf der angeblich die Angebote sämtlicher Altersheime , Spitex-Organisationen und Homecare-Angebote der Schweiz verglichen und bewertet werden. Im Januar wurde zudem ein Katalog herausgegeben mit einer Bewertung der Altersheime und Pflegedienste im Kanton Zug. «Die Nachfrage nach Informationen in diesem Bereich ist riesig», berichtet Martin Spinnler, Mitglied der Geschäftsleitung des 2018 gegründeten Unternehmens Helvetic Care AG mit Sitz in Baar, das die Plattform betreibt. «Wir hatten im Jahr 2019 bereits über 62000 Unique Users.» Zug bilde das Pilotprojekt, welches in Zusammenarbeit mit der Helvetia Versicherung durchgeführt worden sei. «Wir wollen das analoge Angebot national ausweiten», erklärt Spinnler.

Ziel von Orahou – laut Spinnler bedeutet der Ausdruck in der Sprache der Maori «neues Leben» – sei es, Interessenten und deren Angehörigen eine verlässliche Übersicht über das Angebot der einzelnen Heime, Spitex- und Homecare-Lösungen zu geben. Er sagt:

«Wir wollen Transparenz schaffen.
90 Prozent der Altersheimeintritte erfolgen notfallmässig.
Es muss also meist rasch eine Lösung gefunden werden.»

Angehörige, die oft mit solchen Entscheiden überfordert seien, würden durch die Helvetic Care AG professionell unterstützt werden.

Mittels eines standardisierten Kriterienkataloges werde eine Bewertung sowohl vor Ort als auch anhand des Webauftrittes durch geschulte Mitarbeitende der Helvetic Care AG durchgeführt. «Alle Besuche werden im Grundsatz angekündigt», stellt Spinnler klar. Bei den Spitex- und Homecare-Angeboten werde die Bewertung anhand telefonischer Auskünfte sowie des Webauftritts vorgenommen.

Verglichen werden die Kosten pro Tag, die Ausstattung der Zimmer, die Vielfalt der Menüs, interne Angebote wie Restaurant, Coiffeur, Ausflüge etc., Angebote in der Umgebung wie Einkaufsmöglichkeiten, Post, Bank etc. sowie die Lage und Anbindung an den öffentlichen Verkehr. Unter der Rubrik Ausrichtung des Hauses heisst es beispielsweise: Religionsfreiheit oder Sexualität akzeptiert.

Der Verband Curaviva warnt

Im vergangenen Frühling gab der Verband Heime und Institutionen Schweiz Curaviva ein Empfehlungsschreiben an seine Mitglieder heraus, das unserer Zeitung vorliegt. Es bezeichnet das Vorgehen von Orahou als «wenig serös». Laut Rückmeldungen von Mitgliedern weise die Plattform offensichtliche Fehler auf und bewerte die Heime nach nicht nachvollziehbaren Kriterien.

Wörtlich schreibt Curaviva:

«Gewisse aufgelistete Kriterien sind an Banalität kaum zu überbieten und entsprechen eher Aussagen aus dem Bereich der Boulevardmedien. Warum sollte Sexualität im Alter in einem Pflegeheim nicht akzeptiert sein? Und wie wird dies bei den Betrieben erfragt?»

Des weiteren kritisiert der Verband in seinem Schreiben das Angebot von Beratungsdienstleistungen durch Orahou. Der Verband teilte mit, er habe interveniert und verlangt, dass entweder die Bewertungsplattform oder aber die Beratungsdienstleistung der Helvetic Care AG eingestellt werde.

Gegen das Schreiben wehrte sich das kritisierte Unternehmen seinerseits. Sein Anwalt wies darauf hin, dass keine unzulässigen Tätigkeiten vorliegen würden und drohte mit einer Klage wegen unlauteren Wettbewerbs, sollte das Schreiben des Verbands nicht zurückgezogen werden. Der Konflikt wurde aussergerichtlich beigelegt.

Offen für Kritik

Jedes Heim, das besucht worden sei, sei darüber zwei bis vier Wochen im Voraus informiert worden, betont Martin Spinnler. «Unsere Fachleute sind kompetent und arbeiten hochprofessionell. Wir bieten eine neutrale Plattform an, wobei der Kunde im Zentrum steht.» Es gehe um den Vergleich von Fakten. «Natürlich können dabei Fehler passieren. Für Kritik sind wir offen.» Es sei jedoch den Widersachern nicht gelungen, konkrete Fehler nachzuweisen. «Wenn sie uns diese nicht melden, ist das nicht unsere Schuld.» Den Eingang eines Schreibens der Geschäftsleitung der Heime Zug mit der Bitte, diese nicht zu bewerten, bestätigt Spinnler. «Im Interesse unsere Kunden nahmen wir jedoch keine Rücksicht darauf. Wir sehen es als unsere Verantwortung, alle Organisationen zu prüfen.»

Das Rating sei vom Businessbereich des Unternehmens klar getrennt, betont er. «Die Heime können sich bei uns kein besseres Rating erkaufen.» Künftig denkbar wäre für Spinnler jedoch ein Bezahlangebot für Heime im Sinne einer weiterführenden Dienstleistung. Dabei würde Helvetic Care den Betrieben aufzeigen, in welchen Bereichen grösseres Verbesserungspotenzial festgestellt worden sei. «Dies wäre eine Art Unternehmensberatung im Sinne eines Benchmarkings.»

Kostenpflichtige Beratungsangebote

Was jedoch heute schon von Helvetic Care angeboten wird, ist die Beratung von älteren Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. «Viele Leute sind sich nicht bewusst, wie breit die Palette der Möglichkeiten ist», so Spinnler. Neben dem Aufenthalt in einem Altersheim gebe es auch Spitex- und Homecare-Lösungen, Alters-WGs, Mehrgenerationen-Modelle etc. Es gelte, für jeden Kunden die beste Lösung zu finden.

«Ein Erstgespräch ist kostenlos», stellt Spinnler fest. In der Folge könnten mehrere Beratungsmodule im Umfang von zwischen 1000 und 2500 Franken in Anspruch genommen werden. «Eine umfassende Beratung kostet schliesslich zwischen zirka 3000 und 7500 Franken.» In vielen Fällen spare die Kundschaft mit den durch den Berater empfohlenen Alternativen jedoch jährlich zwischen 30000 und 100000 Franken. «Es lohnt sich also sicher, unsere Dienste in Anspruch zu nehmen.» Dem widerspricht Peter Arnold, Geschäftsführer der Alterszentren Zug, vehement (siehe Box).

«Ein Sparpotenzial in dieser Höhe ist lächerlich»

Peter Arnold, Geschäftsführer der Alterszentren Zug und Präsident des Heimverbands Curaviva Zug, begegnet dem Angebot von Orahou skeptisch und bemängelt vor allem die Art und Weise des Vorgehens. «Die Leute von Orahou kamen unangemeldet in die Altersheime, gaben ihre Karte an irgendwelche Leute ab und kontaktierten erst nachträglich die Betriebe.» Das Unternehmen sei nicht an einer Zusammenarbeit interessiert gewesen (siehe Hauptartikel). «Wir haben Orahou schriftlich mitgeteilt, dass unsere Heime keine Bewertung wünschen. Das wurde ignoriert.» 

Arnold vermutet Partikularinteressen hinter dem Angebot. Helvetic Care sei ein privater Anbieter, der Dienstleistungen verkaufen wolle. «Die Höhe des von Helvetic Care angegebenen Sparpotenzials ist lächerlich», echauffiert sich Arnold. «Bei einer durchschnittlichen Annahme von 185 Franken Kosten pro Tag, alles inklusive, plus 23 Franken staatlich verordneten Beitrags entstehen Jahreskosten von rund 75 000 Franken. Wo will man da 30000 Franken wegberaten, geschweige denn 100000.» Bei günstigen Heimen würden die Angaben von Helvetic Care noch offensichtlicher ad absurdum geführt.

«Auch die Fachstelle Alter der Stadt Zug und die Pro Senectute bieten Beratungen an, aber kostenlos», betont Arnold. Die Heime selbst würden ebenfalls jederzeit umfassend Auskunft geben über ihr Angebot.

Johannes Kleiner, Geschäftsführer der Altersheime Baar kritisiert: «Jedes Haus ist ja ganz anders aufgestellt und finanziert. Aufgrund von herausgepickten Kriterien einen Vergleich anzustellen, ist einfach unseriös.» Er weist auf einen durch Orahou begangenen, gravierenden Fehler bei den Taxen des Baarer Altersheims Bahnmatt hin: «Auf der Plattform von Orahou ist die Pensionstaxe mit 196 Franken täglich angeben. Effektiv liegt sie aber bei lediglich 145 Franken. Das ist betriebsschädigend.»

Dies sei ein boomender, grauer Markt, mit dem man als Heimbetreiber einfach leben müsse, so Kleiner. «Meist sind ganz andere Interessen dahinter, als Objektivität für den Kunden zu schaffen. Dieses Geschäftsmodell mag nicht illegal sein, man darf es aber in Frage stellen.» Es sei durchaus nicht so, dass Heime Kritik grundsätzlich scheuen würden. «Im Gegenteil, wir sind ja Teil der Öffentlichkeit. Heime sind wichtige Treffpunkte. Wir sind auf den Austausch mit der Bevölkerung angewiesen, aber nicht auf diese einseitige Art von Betriebsvergleichen.»

Dies bestätigt auch Peter Arnold. «Wir müssen dem Anforderungskatalog und den Qualitätskriterien des Kantons und der Gemeinden entsprechen. Ein Anteil an Aktivierung und Infrastruktur sind dabei vorgegeben. Dies alles wird periodisch überprüft und neu verhandelt.» Auch bezüglich der Taxen würden sich die Heime alle in ähnlichem Rahmen bewegen. (cb)