Die christkatholische Kirche ist 150 Jahre alt – hier wird der liberale Geist geschätzt

Die Anfänge der christkatholischen Kirche liegen exakt 150 Jahre zurück. Was die kleinste der drei offiziellen Landeskirchen ausmacht und was den Gläubigen wichtig ist, weiss Adrian Suter, Pfarrer der Gemeinde Luzern.

Andreas Faessler
Drucken
Teilen
Pfarrer Adrian Suter (50) im geistigen Zentrum der Gemeinde Luzern, der Christuskirche an der Museggstrasse.

Pfarrer Adrian Suter (50) im geistigen Zentrum der Gemeinde Luzern, der Christuskirche an der Museggstrasse.

Bild: Boris Bürgisser (8. Juli 2020)

Es waren zwei Glaubenslehren, welche die katholische Kirche im Zuge des Ersten Vatikanischen Konzils am 18. Juli 1870 als verpflichtend proklamierte, denen sich einige Geistliche widersetzten: Der Papst soll zum einen als oberste Autorität, zum anderen als unfehlbar anerkannt werden. Diejenigen, welche gegen diese beiden Lehrsätze protestierten, wurden von der römisch-katholischen Kirche exkommuniziert. Aus diesen Ausgeschlossenen ist in den Folgejahren die christ­katholische Kirche hervorgegangen, ausserhalb der Schweiz als altkatholisch bezeichnet.

Der erste christkatholische Pfarrer der Zentralschweiz war der Strafhausgeistliche Johann Baptist Egli (1821–1886) aus Buttisholz. Eine Versammlung von freisinnigen Katholiken im Luzerner Schützenhaus am 31.März 1871, an der grosse Solidarität mit Pfarrer Egli zutage gebracht wurde, gilt als Initialakt zur Gründung der christkatholischen Gemeinde Luzern, welche flächenmässig zu den grössten der Schweiz gehört. Seit knapp einem Jahr leitet Pfarrer Adrian Suter die Zentralschweizer Christkatholiken. Geistiges Zentrum der Gemeinde ist die Christuskirche an der Luzerner Museggstrasse. Für Adrian Suter und seine Kirche ist das Jahr 2020 ein besonderes, jährt sich die Ursache für die Kirchengründung doch zum 150.Mal. «An sich ist es ja kein Anlass zum Feiern», sagt Adrian Suter. «Immerhin ist die Ursache nicht unbedingt positiv konnotiert.» Aber dennoch wird in diesem und den kommenden Jahren das Gedenken an die Anfänge lebendig gehalten, und regional bedeutende Ereignisse werden in Erinnerung gerufen.

In der christkatholischen Kirche ist einiges selbstverständlich, was von der römisch-katholischen schon länger gefordert wird: Es herrscht kein Zölibat, Frauen sind auf jeder Ebene gleichberechtigt und können das Priesteramt ausüben, und Themen wie etwa die «Ehe für alle» werden von der christkatholischen Kirche zivilrechtlich gutgeheissen und in ihrer Bedeutung für die Kirche aktuell diskutiert. Ferner geht man den synodalen Weg mit einem möglichst breiten Konsens als Ziel. «Es ist unter anderem dieser liberale Geist, den die Menschen an unserer Gemeinschaft schätzen», sagt Pfarrer Suter, selbst zweifacher Familienvater. «Die familiäre Atmosphäre in der Gemeinschaft sowie die überschaubare Grösse tragen weiter dazu bei, dass sich die Menschen bei uns wohl fühlen.»

Mehr Beerdigungen als Taufen

Und doch ringen auch die rund 13500 Christkatholiken der Schweiz mit dem Mitgliederstand, die Überalterung ist das Hauptproblem. «Leider haben wir mehr Beerdigungen als Taufen», sagt der 50-jährige Geistliche. Warum treten denn nicht mehr Katholiken, die sich eine liberalere Kirche wünschen, zu den Christkatholiken über? «Es ist wohl so, dass sich die Gläubigen nun mal in ihrer angestammten Kirche fest verankert fühlen und lieber dort etwas bewegen, als zu wechseln», erklärt Adrian Suter. «Und aktiv Mitglieder abwerben, das tun wir nicht, es hat auch mit Respekt gegenüber den anderen Landeskirchen zu tun. Ich könnte mir jedoch gut vorstellen, dass beispielsweise konfessionslose Menschen, die sich nach einer (neuen) geistigen Heimat sehnen, bei uns fündig werden.»

Fern sind sich die beiden katho­lischen Landeskirchen jedoch nicht, weiss Suter als Mitglied der christkatholisch-römisch-katholischen Gesprächskommission. Man verstehe sich sehr gut, «und für einige Römisch-Katholische sind wir in gewisser Weise auch so etwas wie ein Vorbild». Suter spricht damit etwa das Zeremonielle an, das bei den Christkatholiken sehr hoch gehalten werde. «Obwohl die Christkatholiken seit 1870 ihre eigene Liturgieform entwickelt haben, ist sie ganz klar als katholisch erkennbar und weicht von der überlieferten römisch-katholischen Tradition nur in einigen Punkten ab.» Deshalb fänden sich immer wieder in der römisch-katholischen Tradition verwurzelte Menschen zu den Messen in der Christuskirche ein, weiss Pfarrer Suter.

Vernetzung und Austausch

Der gebürtige Basler, der bis Ende Juni 2019 die christkatholische Kirchgemeinde Schönenwerd-Niedergösgen geleitet hat, fühlt sich an seinem neuen Ort in Luzern sichtlich wohl und hat sich bestens eingelebt. «Im Unterschied zur Gemeinde Schönenwerd sind die Distanzen hier jedoch deutlich grösser, was eine gewisse Herausforderung für die seelsorgerische Arbeit bedeutet.» Deshalb ist Adrian Suter bestrebt, die christkatholische Gemeinde Luzern innerhalb des Bistums – dieses entspricht der Schweizer Landesfläche – stärker zu vernetzen und den aktiven Austausch zwischen den Gemeinden zu fördern.