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Hingeschaut: Die dauerhaften Folgen 
einer Sprengung

Eine kühne Aktion auf der gedeckten Reussbrücke vor über 160 Jahren hat für den Kanton Zug bis heute Auswirkungen.
Andreas Faessler
Der Brückenkopf auf Zuger Seite. Im Jahre 1847 flog dieser Teil der Reussbrücke in die Luft. (Bild: Maria Schmid, Unterhünenberg, 26. Juni 2019)

Der Brückenkopf auf Zuger Seite. Im Jahre 1847 flog dieser Teil der Reussbrücke in die Luft. (Bild: Maria Schmid, Unterhünenberg, 26. Juni 2019)

Die Brücke über die Reuss zwischen Unterhünenberg und Sins ist bau- und kulturhistorisch eine wahre Fundgrube. Ihre Geschichte ist geprägt von ihren Rollen in der sich entwickelnden Wirtschaft wie auch im wiederholten Kriegsgeschehen der Zentralschweiz.

Bereits mit dem Bau des ersten festen Flussübergangs an dieser Stelle ab 1641 wurden bei weitem nicht nur praktische Ziele verfolgt, sondern durchaus auch eigennützige. Wir blicken zurück ins 17. Jahrhundert: Die Luzerner toben, weil mit dem Bau der Sinserbrücke begonnen wird, bevor die Tagsatzung – das Schweizer Regierungsgremium vor der Französischen Revolution – das Geschäft überhaupt behandeln konnte. Die Luzerner sagen, dass ihnen durch den Bau der Brücke Zolleinnahmen fehlen werden. So ist es denn auch gekommen. Überdies fühlen sich die Luzerner hintergangen, weil ihnen die Stadt Zug versprochen hat, sie über jeden geplanten Schritt in Sachen Brückenbau zu informieren. Von wegen ein einiges Volk von Brüdern.

Neue Zolleinnahmen 
für Zug

Die Stadt Zug schafft lieber Fakten: Statt in Luzern wird das frisch geerntete Getreide nach der Brückeneröffnung nun auf dem Zuger Markt angeboten. Die Zuger ihrerseits zeigen auch innerhalb der eigenen Mauern kein Erbarmen: Wer sich gegen den Brückenbau wehrt, dem wird kurzerhand das Bürgerrecht entzogen. Ohne übergeordneten Segen entsteht zwischen Sins und Unterhünenberg eine gedeckte Brücke, in nur 16 Monaten – für damalige Verhältnisse eine beachtliche Leistung.

Die Stadt Zug freut sich nach der Eröffnung der Brücke über neue Zolleinnahmen. Auch auf der anderen Flussseite werden Abgaben erhoben. Folglich gibt es an jedem Brückenkopf je eine Zollstation. Da die Verzollung oft ein langwieriger Prozess ist, machen Findige dies sich zunutze und eröffnen unweit der jeweiligen Zollstationen zwei Wirtshäuser. Dann aber wird es ruhig um die Sinserbrücke.

Zur Hälfte in 
die Luft gejagt

Erst während des 2. Villmergerkrieges im Sommer 1712 besetzen protestantische Berner Truppen kurzzeitig die Reussbrücke. Sie werden aber von einem Trupp katholischer Kämpfer aus der Zentralschweiz verjagt und später besiegt. Letztlich haben sich in diesem Bürgerkrieg aber dennoch die protestantischen Orte durchgesetzt. Die Schäden am Reussübergang durch die Kampfhandlungen dürften aber nicht so gravierend gewesen sein, denn umfassende Renovierungsarbeiten sind erst wieder für das Jahr 1809 verbrieft.

Im Zuge derer wird die Brücke nach den Plänen des Luzerners Joseph Ritter weitgehend neu aufgebaut. Im November 1847 kündigt sich neues Ungemach für die Brücke an: Die Zentralschweizer Kantone sowie Freiburg und das Wallis lehnen sich gegen Rest der Schweiz auf.

Es ist ein Streit zwischen katholisch-konservativen Kantonen und den liberalen Ständen und gleichzeitig auch ein Zwist zwischen Katholiken und Protestanten. Am 6. November marschieren St. Galler Truppen in Sins ein und bemächtigen sich der Reussbrücke. Diese wird ihnen aber gleich wieder abgejagt. Am 10. November macht das Gerücht die Runde, dass starke feindliche Kräfte, die unter dem Oberbefehl von Henri Dufour stehen, im Anmarsch seien. Bei den Truppen des Sonderbundes, zu dem auch Zug gehört, macht sich Nervosität breit. Ein Artilleriehauptmann namens Graf Schweinitz ergreift die Initiative: Er lässt einen mit Sprengstoff beladenen Heuwagen auf die gedeckte Reussbrücke schieben.

Die Explosion zerstört die Brücke – allerdings nur auf der Zuger Seite. Das Zollhaus hier wird dem Erdboden gleich gemacht, es muss von Grund auf neu errichtet werden. Den Aufmarsch der Truppen General Dufours kann diese Sprengung aber nicht stoppen. Wie der britische Historiker Ralph Weaver in seinem 2012 erschienen Buch «Three Weeks in November» schildert, geht Henri Dufour mit Bedacht gegen Zug vor, nachdem Fribourg kapituliert hat. Zug sei seit der Gründung des Sonderbundes ein Wackelkandidat gewesen.

Er liegt richtig: Die Zuger streichen die Fahne, ohne überhaupt gegnerische Truppen gesehen zu haben. Ende November 1847 ist der Bürgerkrieg zu Ende. Es bleibt der letzte Waffengang auf Schweizer Boden.

Die Holzbrücke 
verliert an Bedeutung

Die Reussbrücke wird notdürftig wieder nutzbar gemacht. 1852 bauen sie die Zimmerleute nach Plänen von Ferdinand Stadler neu auf. 1945 wird die Brücke um einen gedeckten Durchgang für Fussgänger erweitert und die Fahrbahn drei Jahre später asphaltiert. Der Verkehr wird immer dichter. Erst mit dem Bau der Gotthard-Autobahn von Basel her verliert die Reussbrücke ihre Bedeutung. Seit 1996 rollt der motorisierte Individualverkehr ein paar Meter weiter südlich über eine neue Betonbrücke.

Die gedeckte Holzbrücke gehört seither den Fussgängern und Velofahrern. Für ihren Unterhalt ist seit 1847 der Kanton Zug allein verantwortlich. Dies als unmittelbare Folge der von Graf Schweinitz veranlassten Sprengung – weil der Kanton Zug dafür mitverantwortlich war. Über die Herkunft dieses Grafen ohne Vornamen kann nur gerätselt werden. Ein solches Geschlecht ist in Schlesien – im heutigen Polen – zu finden. Es könnte sich um einen Österreicher handeln, denn in einem Aufsatz von Jakob Baxa in der Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte aus dem Jahre 1973 mit dem Titel «Radetzky und der Sonderbundskrieg» taucht der Name wieder auf. Da heisst es: Beim 2. Reservekorps wird der beim Telegrafen in Mestre dermalen angestellte Lieutenant Graf Schweinitz vom Inf. Regt. Kaiser Franz Josef No. 1 zur Generalstabsdienstleistung kommandiert. Dieser Befehl ist 1849 erlassen worden.

Feldmarschall Graf Radetzky ist zu dieser Zeit Oberbefehlshaber der österreichischen Truppen in Norditalien. Graf Schweinitz soll beim nächsten Waffengang wieder zum Generalstabsdienst berufen werden, «den er schon bei der Sonderbundsarmee verrichtet hat».

Wie es dem Grafen Schweinitz im Militärdienst weiter ergangenen ist, darüber fehlen die Quellen. Klar ist aber, dass er mit seinem Sprengbefehl dafür gesorgt hat, dass der Kanton Zug weiterhin vollumfänglich für den Unterhalt der Reussbrücke sorgen muss. Zum Glück fahren heute keine Autos mehr darüber.

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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