Die Energieversorgung wird dezentral

Mit ihrer über 125-jährigen Geschichte prägt die WWZ den Standort Zug. Gleichzeitig wächst der Traditionsbetrieb auch dank der Region.

Laura Sibold
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Laut CEO Andreas Widmer wird sich die WWZ vom Versorger zum innovativen Dienstleister entwickeln.Bild: Eveline Beerkircher (Zug, 29. Oktober 2019)

Laut CEO Andreas Widmer wird sich die WWZ vom Versorger zum innovativen Dienstleister entwickeln.Bild: Eveline Beerkircher (Zug, 29. Oktober 2019)

Sie ist das zweitgrösste Kabelnetzunternehmen der Schweiz und zählt mit ihren über 430 Mitarbeitenden zu den 100 grössten Arbeitgebern in der Zentralschweiz: die WWZ AG. Das Zuger Traditionsunternehmen versorgt heute Kunden in der Region mit Wasser, Energie sowie Telekommunikation und kann auf eine über 125-jährige Geschichte zurückblicken. Beim Gespräch mit Andreas Widmer, CEO der WWZ AG, am Firmensitz an der Chollerstrasse in Zug zeigt sich: Hier trifft Tradition auf Innovation. Während im Konferenzraum ein historisches Bild die Inbetriebnahme der Wasserversorgung zeigt, sind auf dem Grundstück nebenan Handwerker damit beschäftigt, den WWZ-Erweiterungsbau fertigzustellen.

Die «alte Dame» WWZ hat sich über die Jahre zu einem innovativen Dienstleistungsbetrieb entwickelt. Dabei habe sich das Unternehmen immer aus einem Bedürfnis der Bevölkerung heraus weiterentwickelt, sagt Andreas Widmer. Um dem Wunsch nach sauberem Trinkwasser nachzukommen, bauten Private 1878 die Wasserversorgung in Zug auf. Schon ein paar Jahre davor hatte die private Gasanstalt Zug ihren Betrieb aufgenommen – sie wurde 1892 von der als Wasserwerke Zug AG gegründeten Firma übernommen. «Die Gasversorgung wurde mit Stadtgas, einem Gemisch aus Propan und Butan, das aus Kohle produziert wird, gewährleistet. So konnten die Petrollampen durch hellere Strassenlampen ersetzt werden, wodurch sich viele Einwohner nachts auf den Strassen auch sicherer fühlten», erklärt Andreas Widmer.

Pioniere im Aufbau des schnellen Internets

Damals baute WWZ auch das erste Elektrizitätskraftwerk im Lorzentobel. Der dort produzierte Strom wurde über eine Freileitung in die Stadt transportiert. «Das war ein Meilenstein für die Entwicklung der Zuger Wirtschaft und für WWZ. Dadurch konnten Stromproduktion und Stromverbrauch erstmals räumlich getrennt sein», so Widmer. In der Folge siedelten viele Gewerbe- und Industriebetriebe von der Lorze in die Stadt Zug um. Die nachgefragte Menge an Energie und Wasser wuchs seither konstant an (siehe Box) – auch durch die zunehmende Automatisierung der Haushalte.

Parallel zur Wasser- und Energieversorgung begann die WWZ AG in den 1970er-Jahren mit dem Aufbau des Fernsehnetzes und zählte bereits 1978 knapp 4000 Abonnenten. Mit dem ausgebauten Kabelnetz fürs Fernsehen habe man einen Schatz im Boden gehabt, so der WWZ-CEO. Das Kabelnetz bildete die Basis für die Telekommunikation, und WWZ wurde damit zu einem der Schweizer Pioniere im Aufbau des Internets. «Die Einführung des Internets im Jahr 1998 war ein Quantensprung. Durch unser zweiwegiges TV-Kabelnetz konnten wir viel schnelleres Internet als die Konkurrenz anbieten», fährt Widmer fort.

Ein Meilenstein war zudem auch der Anschluss ans europäische Erdgasnetz. Mit grossem finanziellem Aufwand wurde das gesamte Stadtgasnetz modernisiert. Papierfabrik und V-Zug seien die ersten grossen Kunden gewesen, die vom saubereren Brennstoff profitieren konnten. «Das Ablösen von Öl durch Erdgas war zugleich die grösste CO2-Einsparungsmassnahme, die der Kanton Zug je gemacht hat. Rund 25 Prozent CO2 konnten durch den Verzicht auf Öl gespart werden», sagt Andreas Widmer. Das sei aber nur einer von vielen Aspekten, dank denen sich die WWZ AG am Standort Zug behaupten konnte. Geholfen habe auch die wirtschaftliche Entwicklung des Kantons mitsamt Steuerwettbewerb und reger Bautätigkeit. «Wir wuchsen gemeinsam mit Zug. Praktisch jedes neu gebaute Haus wurde an unser Netz angeschlossen», resümiert Widmer. Ein weiterer Vorteil sei die regionale Verbundenheit der WWZ AG mit den 1600 privaten Aktionären. Nur knapp 30 Prozent des Aktienkapitals werden durch die öffentliche Hand gehalten.

Die Telekom-Konkurrenz als Treiber für Innovation

Im Energie- und Wassergeschäft hat die WWZ in ihrem Versorgungsgebiet noch immer ein Monopol. Konkurrenz kam im Lauf der Jahre primär in der Telekommunikation hinzu – heute der eigentliche Treiber des WWZ-Geschäfts, rund 25 Prozent des Umsatzes entfällt darauf, und die Hälfte der Mitarbeiter ist in der Telekom tätig. Laut Andreas Widmer ist es ein Vorteil, dass neben dem traditionellen Energiegeschäft besonders im Telekombereich grosse Konkurrenz herrscht. Konkurrenz sorge als Treiber für mehr Innovation und könne so auch auf andere Geschäftsfelder abfärben. «Die schnelllebigen Geschäftsfelder wie etwa die Telekom, Elektromobilität oder erneuerbare Energien profitieren aber auch vom hohen Qualitätsstandard der traditionellen Bereiche.»

Die WWZ investiert derzeit massiv in Wärme- und Kälteverbunde wie etwa das Projekt Ciculago, das Zug und Baar Süd mit Fernwärme aus dem Zugersee versorgt. Zudem plant das Traditionsunternehmen in Zusammenarbeit mit der V-Zug einen Multienergie-Hub, der eine optimale ­Versorgung durch verschiedene Energieformen ermöglichen will.

In Zukunft wird die Stromerzeugung dezentraler – viele kleine Kraftwerke, wie etwa Mehrfamilienhäuser mit Solarpanels – tragen selber einen Teil bei. Die Herausforderung sei nicht mehr das Erzeugen von Energie, sondern das Management der Energieströme aus verschiedenen Quellen und die Energiespeicherung, erklärt CEO Andreas Widmer. Die «alte Dame» WWZ AG werde sich vom Versorger zum innovativen Dienstleister entwickeln. «Wir möchten eine smarte, dezentrale Energieversorgung bereitstellen, bei der Kundinnen und Kunden alle Dienstleistungen aus einer Hand bekommen.»