Über 600 000 Seitenaufrufe: Chamapedia stösst auf grosses Interesse

Seit zweieinhalb Jahren ist das Lexikon Chamapedia.ch bereits online. Inzwischen können die Macher mehr als 600 000 Seitenaufrufe verzeichnen – und die Ideen gehen ihnen nicht aus. Ein Verein soll das Projekt nun in die Zukunft führen.

Rahel Hug
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Hoher Besuch in Cham: In den 1940er-Jahren besuchte General Henri Guisan, im Bild mit seinem persönlichen Adjutanten André Baumgartner und der Bären-Wirtin Rosa Baumgartner-Brandenberg zu sehen, die Ennetseegemeinde. (Bild: PD/Chamapedia.ch)

Hoher Besuch in Cham: In den 1940er-Jahren besuchte General Henri Guisan, im Bild mit seinem persönlichen Adjutanten André Baumgartner und der Bären-Wirtin Rosa Baumgartner-Brandenberg zu sehen, die Ennetseegemeinde. (Bild: PD/Chamapedia.ch)

Wussten Sie, dass die englische Königin Victoria im Spätsommer 1868 von Luzern aus einen Ausflug nach Cham machte und im «Raben» eine Pause einlegte? Das Fazit der Regentin jedoch fiel nicht gerade positiv aus. Sie sprach von einem «langweiligen Teegarten bei einer Kegelbahn». «Niemand war da, und es war sehr unpoetisch.» Victoria war nicht der einzige prominente Gast, der die Ennetseegemeinde besuchte. Auch General Henri Guisan, der weltbekannte Geiger Yehudi Menuhin oder der Dalai-Lama Tenzin Gyatso waren da, um nur ein paar zu nennen. Das alles ist nachzulesen auf der Seite «Prominente Gäste» im Online-Lexikon Chamapedia.ch.

Die Tatsachen von heute sind die Geschichten von morgen. Unter diesem Leitspruch hat Thomas Gretener, der Schreiber der Bürgergemeinde Cham, vor rund drei Jahren einen Versuch gestartet. Sein Ziel war ehrgeizig: Auf Chamapedia.ch sollte ein Nachschlagewerk über die Gemeinde Cham entstehen, das Grundangebot sollte 400 Einträge und 20 Interviews umfassen. «Wir wollen eine Identität und einen näheren Bezug zum Ort schaffen», sagte Gretener Ende 2015 gegenüber unserer Zeitung. Seit November 2016 ist das Geschichtslexikon online.

Die Anglo-Swiss Condensed Milk Company, dieses Bild ist um 1900 entstanden, gehörte zu den wichtigsten Industriebetrieben in Cham. (Bild: PD/Chamapedia.ch)

Die Anglo-Swiss Condensed Milk Company, dieses Bild ist um 1900 entstanden, gehörte zu den wichtigsten Industriebetrieben in Cham. (Bild: PD/Chamapedia.ch)

In der Zwischenzeit haben Gretener und seine Mitstreiter rund 850 redaktionelle Seiten aufgeschaltet und verzeichnen mehr als 600 000 Zugriffe. Es gibt Beiträge in zahlreichen Kategorien, etwa Gewerbe, Personen, Plätze, Restaurants oder Brücken. Um das Projekt Chamapedia.ch noch breiter abzustützen und bekannter zu machen, wurde nun ein Verein gegründet. Am 12. Juni fand die Gründungsversammlung mit rund 50 Personen statt. Thomas Gretener freut sich:

«Online-Geschichte scheint die Menschen zu faszinieren. Über 600 000 Seitenaufrufe sind sehr viel für ein einziges Dorf.»

Es habe sich herumgesprochen, auch viele Leute aus anderen Gemeinden und Heimweh-Chamer im Ausland würden auf der Seite stöbern.

Ehemaliger Gemeindepräsident steht dem Verein vor

Chamapedia.ch ist aufgebaut wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Die Beiträge sind alle gleich strukturiert, sie beinhalten eine Zusammenfassung, eine Chronologie, Anekdoten und Einzelnachweise. Die Redaktionsgruppe besteht aus Thomas Gretener, dem Historiker und Schriftsteller Michael van Orsouw und dem Historiker und Baarer Gemeindearchivar Philippe Bart. Es gilt das Prinzip «Jede und jeder kann mitmachen» – die Redaktion ergänzt, ändert, korrigiert und verlinkt.

Das Ende der Luzernerstrasse auf Chamer Boden ist hier zu sehen, einige Jahre nach deren Pflästerung um 1931. (Bild: PD/Chamapedia.ch)

Das Ende der Luzernerstrasse auf Chamer Boden ist hier zu sehen, einige Jahre nach deren Pflästerung um 1931. (Bild: PD/Chamapedia.ch)

Mit der Vereinsgründung soll Chamapedia.ch nun in die Zukunft geführt werden. «Das Benzin vom Anfang ist schnell verbrannt, jetzt gilt es, den Motor am Laufen zu behalten», wie es der Initiant ausdrückt. Neben Gretener nehmen Michèle Buhofer, Daniela Hausheer, Hans-Martin Oehri, Pius Sidler und Bruno Werder im Vorstand Einsitz. Alt Gemeindepräsident Bruno Werder übernimmt zudem das Präsidium. Ziel der Vereinsgründung ist auch die Schaffung einer soliden finanziellen Grundlage. Interessierte können sich als Einzel-, Paar- oder Firmenmitglied sowie als Gönner anmelden und so einen finanziellen Beitrag für die Weiterentwicklung von Chamapedia.ch leisten. «Verschiedene Geldgeber, die sich anfangs noch eher skeptisch zeigten, sind inzwischen begeistert», berichtet Thomas Gretener. Ein detailliertes Budget werde nun noch ausgearbeitet. Eine Anschubfinanzierung hat das Vorhaben vor rund drei Jahren von der Bürger- und der Einwohnergemeinde erhalten.

Noch mehr Videos und ein Oral-History-Projekt

Der Enthusiasmus des Gründers ist noch immer gross. Das Redaktionsteam hat sich viel vorgenommen für die kommenden Jahre. «Wir möchten die Beiträge über bekannte Objekte wie beispielsweise die Papierfabrik, die Anglo-Swiss Condensed Milk Company (später Nestlé) oder Sakralbauten komplettieren», führt Gretener aus. Und zusätzlich zu den Text- und Bildbeiträgen will das Team mehr Vielfalt bieten: «Angedacht sind noch mehr Videos und ein Oral-History-Projekt», erklärt er.

Die Erinnerungskultur in der Gemeinde aufrechterhalten – das möchten die Macher von Chamapedia.ch. Thomas Gretener betont, wie wichtig es sei, mit der Dokumentation der jüngeren Ortsgeschichte vorwärtszumachen. «Viele Chamerinnen und Chamer, die die 40er- oder 50er-Jahre erlebt haben, leben heute nicht mehr.» Wer also im Besitz von alten Bildern oder Postkarten sei oder spannende Anekdoten kenne, dürfe sich gerne melden.

Das Foto zeigt Hildi Rickenbacher, letzte Wirtin im Restaurant Ritter, Ende der 1980er-Jahre. (Bild: PD/Chamapedia.ch)

Das Foto zeigt Hildi Rickenbacher, letzte Wirtin im Restaurant Ritter, Ende der 1980er-Jahre. (Bild: PD/Chamapedia.ch)

Zum Schluss noch ein paar Auszüge aus einem Beitrag im Nachschlagewerk, an dem Thomas Gretener besonders Freude hat. Anfangs der Luzernerstrasse und nahe am Bärenplatz stand von 1861 bis 1989 die Wirtschaft Ritter. Im Volksmund hiess sie «Blech», weil die Gastwirtschaft zeitweilig mit der dahinterliegenden Spenglerei betrieben wurde. Das «Blech» war viele Jahrzehnte lang ein beliebter Treffpunkt, bekannt auch wegen des legendären «blauen Saals» und der Linden der Gartenwirtschaft. Das «Blech» besass anfänglich kein Telefon und im Lokal fand jeweils die «Lädermäss» statt, ein Treffen unter Gewerbetreibenden, bei dem die anstehenden Offerten diskutiert wurden. Der Chamapedia-Beitrag beinhaltet auch Bilder aus der Sammlung von Walter Rickenbacher. Eines zeigt die letzte Wirtin Hildi Rickenbacher, wie sie hoch konzentriert zwei «Kafi fertig» serviert. «Grossartig», findet Thomas Gretener und fügt an: «Dieser Beitrag zählt sensationelle 2400 Aufrufe.»


Wer Vereinsmitglied werden möchte, kann dies mit dem Online-Formular unter verein.chamapedia.ch beantragen.