Die Firma Baumgartner will in Hagendorn wachsen, obwohl es in Tschechien attraktiver wäre

Vom Chamer Weiler aus hat sich der Fensterhersteller in der Schweiz einen Namen gemacht. Beim Ausbau ist sie auf das Wohl der Bevölkerung angewiesen

Raphael Biermayr
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Es ist nicht leicht, die Übersicht zu behalten. Stefan Baumgartner aber kennt jeden Quadratmeter und könnte wohl blind durch das scheinbare Labyrinth führen. Die Fläche der von ihm in sechster Generation geleiteten Hagendorner Firma Baumgartner Fenster ist schon von aussen gross. Innen nehmen die Dimensionen dank eines Untergeschosses sogar noch zu.

Die heutige Produktionshalle (rechts) soll bis fast zum Ende des Felds nach links verlängert werden. Die Häuser dahinter würden – bis auf eines – zu Gunsten einer neuen Halle weichen.

Die heutige Produktionshalle (rechts) soll bis fast zum Ende des Felds nach links verlängert werden. Die Häuser dahinter würden – bis auf eines – zu Gunsten einer neuen Halle weichen. 

Bild: Matthias Jurt (Hagendorn, 28. Februar 2020)

Geht es nach der Eigentümerfamilie, soll die Fabrik noch grösser werden. Seit bald acht Jahren laufen die Planungen dafür, dies in enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde Cham (siehe Box). Die Firma, deren letzter Ausbau vor 14 Jahren abgeschlossen war, will damit einerseits ihrem eigenen Erfolg nachkommen: Sie führt mehrere Aufträge für Prestigebauten auf ihrer Referenzenliste. Andererseits hat der Markt sie begünstigt. Denn ihre Hauptprodukte, Holzmetall-Fenster und -Hebeschiebetüren, werden auch in Hochhäusern eingesetzt, wie im höchsten Wohnhaus der Schweiz, dem Jabee Tower in Dübendorf. Das bedeutet eine grössere Nachfrage, aber auch höhere Anforderungen an die Produkte; etwa in Bezug auf Sicherheit, aber auch auf die Ästhetik.

Die Lastwagen fahren nicht am Spielplatz vorbei

Vereinfacht gesagt, benötigt die Firma mehr Platz, um in Hagendorn flexiblere und grössere Maschinen installieren zu können und mehr Lagerkapazität zu schaffen. Die Erweiterung ermöglichte der Firma darüber hinaus, die Aluminium-Profile für die entsprechenden Fenster in Hagendorn zu bearbeiten. Das wird heute im St.Galler Rheintal gemacht. Stefan Baumgartner weist darauf hin, dass dies allesamt Massnahmen sind, die den Verkehr im Vergleich zu heute reduzieren würden. Er räumt aber ein, dass die grössere Produktionsleistung insgesamt Mehrverkehr in den Weiler bringen würde.

Die Gemeinde würde Land erhalten

Dass die Gemeinde Cham der Firma Baumgartner Fenster bei deren Ausbauplänen Hand bietet, hängt auch mit deren Bedeutung zusammen. Mit rund 300 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 100 Millionen Franken ist sie der grösste Produktionsbetrieb in Cham. «Es ist uns natürlich ein Anliegen, solche Firmen zu halten, zumal sie auch viele Arbeits- und Ausbildungsplätze anbieten», sagt der Bauchef Rolf Ineichen in Namen des Gemeinderats. Er schätze darüber hinaus die Bereitschaft der Firma, die Auflagen von Seiten des Kantons und der Gemeinde im Zusammenhang mit dem Bebauungsplan «mehr als nur zu erfüllen».

Das bestätigt Mirjam Landwehr. Sie ist in dieser Angelegenheit die Projektleiterin der Gemeinde. Die Bereitschaft der Firma zur Mitarbeit sei «sehr gross», sagt sie. Überdies erkennt die studierte Architektin beim Projekt eine «sehr hohe Qualität, auch aus gestalterischer Sicht». Sie informiert am 2. März die Bevölkerung über das Projekt: ab 19 Uhr Lorzensaal.

Auflagen von Bund, Kanton und Gemeinde

Damit die Änderung des Bebauungsplans überhaupt zur Abstimmung gelangt, haben der Bund, der Kanton und die Gemeinde nicht zuletzt die Umwelt betreffende Forderungen an die Firma Baumgartner gestellt. Diese hat sich unter anderem bereiterklärt, auf eigene Kosten den Allmendbach über ihr Land leiten zu lassen und dort im Rahmen einer Renaturierung offenzulegen sowie den bestehenden Wanderweg dem Firmengrundstück entlang auszubauen. Ausserdem erhielte die Gemeinde mehr Land beim Spielplatz Lorzenparadies. Die Abstimmung ist für den 29. November vorgesehen.

Der Verkehr ist ein grosses Thema im Zusammenhang mit den Ausbauplänen. Das zeigte sich auch in einer öffentlichen Mitwirkung im vergangenen Jahr. Daraus resultierte unter anderem, dass die Lastwagen nicht über die Frauentalerstrasse – und damit gegenüber dem Spielplatz Lorzenparadies – in die Fabrik fahren würden, sondern am Ende der Flurstrasse. Das zeugt von der Offenheit der Verantwortlichen, andere Sichtweisen einzubeziehen. Diese Offenheit sei für dieses Projekt unabdingbar, sagt Stefan Baumgartner. Auch die Idee, den Betrieb nach Norden und in den Boden zu erweitern, ist erst nach ungezählten Diskussionen mit Bauchfachleuten, der Gemeinde und anderen Involvierten gereift. Die geplanten Hochregallager sollen bis elf Meter in den Boden ragen. Überdies seien die Verantwortlichen auch mit dem Glück im Verbund. Ein Beispiel: Das Gelände liegt Grundwasser-Schutzzone. Die Ergebnisse aus den erforderlichen Messungen gefährdeten die Umsetzung des Projekts nicht. «Bei anderen Resultaten hätten wir keine Chance», weiss Baumgartner.

Andere Standorte wurden zum Thema

Das ursprüngliche Projekt sah eine Erweiterung des Betriebs nach Westen vor. Die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission beurteilte das Projekt 2014 allerdings als «schwere Beeinträchtigung» der Landschaft. Danach sahen sich die Firmenverantwortlichen auch nach einem anderen Standort um – in der Schweiz, aber auch im Ausland. In Tschechien hätten sie das beste Paket erhalten, das unter anderem staatliche Subventionen und mehrjährige Steuerbefreiung beinhaltet hätte. Stefan Baumgartner sagt, man habe «ernsthaft erwogen», darauf einzugehen. Schliesslich aber habe man vor allem wegen der logistischen Herausforderung davon Abstand genommen. «Aber auch wegen der persönlichen Präferenzen und der erfolgreichen Verhandlungen mit den Nachbarn», betont er. Das aktuelle Projekt sei alternativlos. Im Fall einer Ablehnung durch die Bevölkerung existiere kein Plan B.

Was die Kommunikation anbelangt, verhält sich die Firma vorbildlich. Sie führte sie mehrere Informationsveranstaltungen zum Projekt durch und hat auf ihrer Website ein detailreiches Dossier dazu aufgeschaltet. Besonders wichtig ist ihm der Austausch mit den Nachbarn. Der einst enge Kontakt sei mit der Zeit lose geworden. Es gab auch Reklamationen aus der Nachbarschaft, vor allem auf das Verhalten von Angestellten bezogen. Zum Beispiel, wenn manche draussen laut Musik gehört oder die Motorleistung ihrer Autos demonstriert hätten. Man habe mit den Mitarbeitern gesprochen und mittlerweile auch Lob aus der Nachbarschaft erhalten.

Läuft alles wie von Stefan Baumgartner geplant, wird die Betriebserweiterung 2026 abgeschlossen sein. Wie lange wird dieser Ausbauschritt ausreichen? Der Unternehmensleiter sagt: «Auf ewig – wenigstens aus heutiger Sicht.»

Gemeinde Cham hat über Bebauungsplanänderung orientiert

Die Bevölkerung konnte sich aus erster Hand über das Projekt der Fensterfabrik G. Baumgartner AG in Hagendorn und die damit verbundene nötige Teiländerung des Bebauungsplans informieren. Noch bis Mitte Februar läuft die Mitwirkung, die Urnenabstimmung soll voraussichtlich im Jahr 2020 stattfinden.

Eine Firma investiert, die Bevölkerung redet mit

Bei der Fensterfabrik G. Baumgartner in Hagendorn steht ein Ausbau an. Dafür müssen Bebauungs- und Zonenplan angepasst werden. Die Bevölkerung kann sich das Projekt nun anschauen – und bei Interesse mitwirken.
Carmen Rogenmoser