Beim Baarer Frauenverein steht die Freude im Vordergrund

Der evangelisch-reformierte Frauenverein feiert sein 100-jähriges Bestehen. Einst diente er der Unterstützung notleidender Glaubensbrüder und -schwestern in der Gemeinde. Heute wirkt er vor allem nach innen.

Raphael Biermayr
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Alice Gaudenz und ihre Vereinskolleginnen stricken für Bedürftige. (Bild: Stefan Kaiser, Baar, 6. März 2019)

Alice Gaudenz und ihre Vereinskolleginnen stricken für Bedürftige. (Bild: Stefan Kaiser, Baar, 6. März 2019)

Sie seien «glatti Blaatere» im evangelisch-reformierten Frauenverein Baar, sagt Alice Gaudenz und lacht. Die Wortwahl – das bedeutet so viel wie «eine lustige Gesellschaft» – verrät, dass die 77-jährige Vereinspräsidentin nicht aus dem Kanton Zug stammt. Die gebürtige Zürcherin und ihr Mann zogen im Jahr 1995 mehr oder weniger zufällig nach Baar, erklärt Gaudenz. Sie kannte zunächst niemanden hier.

Eines Tages las sie vom Frauenverein und bekundete telefonisch ihr Interesse. Wenig später fand sie sich auf einem Schiff wieder – sie war vom Fleck weg zu einem Vereinsausflug eingeladen worden. Die familiäre Atmosphäre behagte ihr. Wenig später war sie Mitglied, 1997 übernahm sie den Vorstandsposten der Kassierin, zehn Jahre später wurde sie Präsidentin. Und am kommenden 26. März wird sie im reformierten Kirchgemeindehaus in Baar die 100. Generalversammlung (GV) eröffnen.

Zweimal pro Monat gibt es Treffen

Die Geschichte von Alice Gaudenz steht sinnbildlich für den heutigen Wert des Vereins: Er wirkt eher nach innen, also auf die Verbindung seiner Mitglieder untereinander, als nach aussen, wie das früher der Fall war. Dazu später mehr. Auf die Frage, ob ein Verein wie dieser in der heutigen Zeit überhaupt noch nötig ist, stellt die Frau mit der hellen Stimme klar: «‹Nötig› wäre übertrieben ausgedrückt. Für die Mehrheit der zumeist älteren Frauen bei uns geht es einfach darum, etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anzustellen.» Die meisten stricken während der zweistündigen Treffen, die jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat stattfinden. Wer das nicht mehr schafft, kümmert sich um den Kaffee oder liest den anderen eine Geschichte vor. So hat jede eine Aufgabe.

Aus den Schilderungen der Präsidentin sowie dem chronologischen Abriss der 100 Jahre in einer Jubiläumsbroschüre geht hervor, dass der Verein einst eine bedeutende Rolle im Leben der reformierten Minderheit im Kanton Zug spielte. In Baar fand 1863 bereits der erste reformierte Gottesdienst statt – mangels Kirche im Packsaal der Spinnerei. Die Gründung des Gemeinnützigen Protestantischen Frauenvereins, wie die Vorgängerorganisation des heutigen evangelisch-reformierten Frauenvereins hiess, erfolgte 1919. Sein Ziel war, die armen Glaubensbrüder und -schwestern nach dem Ersten Weltkrieg zu unterstützen. Über die Jahre und Jahrzehnte leisteten die Baarerinnen auch internationale Hilfe. Noch heute werden Strickarbeiten von ihnen in Ländern Afrikas oder Osteuropas verteilt. Ausserdem wird der Erlös aus dem alljährlichen Basar in Baar für Hilfsbedürftige eingesetzt.

Wie lange es den Frauenverein geben wird, ist höchst ungewiss. Der Altersdurchschnitt der 22 Aktivmitglieder liege bei 70 Jahren, sagt Alice Gaudenz. Und «Nachwuchs» zu finden – als solcher gilt schon jemand im Pensionsalter –, ist keine leichte Aufgabe. «Über kurz oder lang wird es schwierig, zu bestehen», weiss die Präsidentin, und denkt dabei an die Frauenvereine in Zug und Steinhausen, die vor einigen Jahren aufgelöst wurden.

Der Vorstand erhält ein zusätzliches Mitglied

Trübsal blasen ist aber nicht die Sache von Gaudenz. Sie erfreut sich an dem, was ist. Zum Beispiel an der Tatsache, dass mit Regula Dünnenberger eine Nachfolgerin von Beatrice Sturm als Beisitzerin gefunden wurde. Und sich mit Sybilla Graf sogar ein zusätzliches Vorstandsmitglied an der GV zur Wahl stellen wird. Oder, dass es in der Person von Annemarie Schnarwiler tatsächlich einen Neueintritt zu vermelden gibt. Die positive Grundstimmung sei eines der Geheimnisse für die Langlebigkeit des Vereins: «Wir reden nicht die ganze Zeit über Gebrechen oder Sorgen, sondern lachen viel», sagt Gaudenz – «glatti Blaatere» eben. Dass über 70 Prozent der Mitglieder an den Dienstagstreffen und den Ausflügen teilnehmen würden, sage zudem einiges über die gegenseitige Wertschätzung aus.

Trotz seines Namens ist die Glaubenszugehörigkeit übrigens längst kein Kriterium mehr für die Aufnahme in den Verein. Und auch darüber hinaus ist im Lauf der Jahre vieles lockerer geworden. So hat man zum Beispiel der Jubiläumschronik zufolge im Jahr 1990 beschlossen, dass sich alle Vereinsmitglieder duzen dürfen.