Der abtretende GGZ-Direktor Peter Fehr verrät die «Urformel» des Zuger Sozialwerks

Nach zehn Jahren als Direktor der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug (GGZ) geht Peter Fehr Ende Jahr vorzeitig in Pension. Im Interview blickt er zurück und gibt dabei auch einen Einblick in die «Urformel» des Sozialwerks.

Interview: Laura Sibold
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Peter Fehr hat miterlebt, wie sich die Struktur der GGZ entscheidend verändert hat. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 13. August 2019)

Peter Fehr hat miterlebt, wie sich die Struktur der GGZ entscheidend verändert hat. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 13. August 2019)

Seit 2009 amtet Peter Fehr als Direktor der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug (GGZ). Per Ende Jahr lässt er sich vorzeitig pensionieren. Der 61-Jährige erscheint mit dem aktuellen Zuger Neujahrsblatt unter dem Arm, in dem es um die Entwicklung und Veränderung des Kantons Zug in den letzten 200 Jahren geht. Peter Fehr hat als GGZ-Direktor so manche Veränderung miterlebt und mitgestaltet.

Ein Jahrzehnt am Puls des Geschehens bei der GGZ: Welches Erlebnis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Peter Fehr: In der Suchttherapiestelle Sennhütte war vor Jahren ein 24-jähriger Klient, der seine Kochlehre nicht bestanden hatte und mutlos war. Ich schloss eine Wette mit ihm ab und versprach, dass ich – falls er die Lehre beim zweiten Mal bestehe – ein Abendessen bezahlen würde, das er für das ganze Team kochen dürfe. Drei Monate später rief er mich an. Ich ging wie versprochen mit ihm einkaufen. Als er im Laden nach dem Lachs zur Vorspeise und dem Filet zum Hauptgang griff, musste ich leer schlucken. Es war ein teurer Einkauf, der sich aber gelohnt hat. Ich konnte dem jungen Mann zeigen, dass jemand an ihn glaubt und es sich immer auszahlt zu kämpfen.

Sie waren vor zehn Jahren der erste GGZ-Sekretär, respektive Direktor, der vollamtlich tätig war. Wieso wurde das notwendig?

2010 wurde die GGZ umstrukturiert. Bis dahin gab es in allen Tätigkeitsbereichen eigenständige Betriebskommissionen, denen bekannte Zuger vorstanden. Ab 2010 wurde die GGZ aber quasi als grosses KMU geführt, das direkter und über kürzere Wege kommunizieren sollte. Kurz darauf wurde eine Geschäftsstelle mit Buchhaltung und HR geschaffen. Da brauchte es einen Direktor, der mehr Zeit investieren konnte und im Hintergrund die Fäden in der Hand behielt. Heute fällen die Geschäftsführer unserer Institutionen etwa 97 Prozent der Entscheide selber. Meine Aufgabe als Direktor ist es, die Bereiche übergeordnet zu koordinieren, also die Schule Horbach, GGZ@Work, die Freizeitanlage Loreto, die Sennhütte sowie unsere kulturellen Tätigkeiten.

Wie hat sich die GGZ in all den Jahren verändert?

Die Abschaffung der Betriebskommissionen hatte weitreichende Konsequenzen. Die Geschäftsführer der Institutionen konnten sich besser entfalten und ihren Betrieb nach wirtschaftlichen Grundsätzen führen. Immer mit dem Ziel den Klienten, Bewohnern oder Schülern die bestmögliche Entwicklung zu gewähren, sodass sie wieder selbstständig in der Arbeitswelt Fuss fassen können. Erst dadurch kommt der Grundgedanke der GGZ zur Reife: Dass wir Menschen befähigen, sich wieder selbstständig zu entwickeln. Auch wir haben in den letzten Jahren eine starke Professionalisierung der einzelnen Berufsgruppen in der GGZ vollzogen. Das hat klare Vorteile.

Welche denn?

Durch die Grösse, die Professionalisierung und die Finanzkraft hat die GGZ heute Möglichkeiten, tolle Projekte zu übernehmen oder private gemeinnützige Projekte erfolgreich zu starten und zu führen. Ein Beispiel dafür ist die Sennhütte. Obwohl der Kanton uns ab 2020 den Sockelbeitrag von 280000 Franken gestrichen hat, werden wir die Sennhütte weiterbetreiben, neu mit 15 Therapieplätzen.

Sie sprechen den Umzug der Sennhütte vom Blasenberg auf den Horbach an. Wie weit ist man da bereits?

Der Umbau läuft gut, bis im Herbst werden Fassaden- und Dacharbeiten vorgenommen, im Winter dann der Innenausbau. Die meisten Flächen bleiben gleich, das alte Schulhaus wird beispielsweise zu einer Werkstatt umgestaltet. Für die Institution Sennhütte ist der Umzug ein Gewinn, wir haben dort etwa dreimal mehr Platz. Kostenpunkt für den Umbau: vier Millionen Franken, die vollumfänglich von der GGZ getragen werden. Wir hoffen, dass wir bis im Frühjahr 2020 auf dem Horbach einziehen können.

Bereits umgezogen ist die Tagesschule Horbach, die ja seit einem Jahr an der Zugerbergstrasse beheimatet ist.

Der Standort hat sich bewährt. Nun haben die Primar- und die Sekundarschule einen gemeinsamen Pausenplatz, zudem ist die Schule zentraler gelegen. Ich hatte schon immer ein grosses Herz für die Schule Horbach und es erfüllt mich jedes Mal mit Stolz, wenn ich einen Schüler treffe, der’s geschafft hat und eine Lehrstelle antreten konnte.

Die GGZ gibt es seit 135 Jahren. Welchen Stellenwert hat Gemeinsinn heute noch?

Die Gemeinnützige Gesellschaft Zug ist seit Jahrzehnten ein verlässlicher Partner. Das zeigen die Verträge mit dem Kanton und den Gemeinden, die Vertrauen in unsere Arbeit haben. Die Geschichte der GGZ ist einmalig, da wir stets Projekte nahe am Menschen realisieren können. Diese Idee wird von unseren rund 1000 Mitgliedern getragen. Und wir sind mit 450 Mitarbeitern der neuntgrösste Arbeitgeber im Kanton, das zeigt unseren Stellenwert auch auf.

Diese 450 Mitarbeiter tragen die Institution auch mit?

Gute Ideen entstehen vor allem an der Basis, also direkt bei den Angestellten, die in ihrem Alltag am Besten sehen, was es noch braucht. Daher haben wir vor kurzem einen Wettbewerb ausgeschrieben. GGZ-Mitarbeiter können gute Projektideen einreichen. Das kann alles Mögliche sein, wir lassen uns gerne positiv überraschen. Die beste Idee bekommt dann eine halbe Million Franken für die Umsetzung, verteilt über mehrere Jahre.

Ende Jahr lassen Sie sich frühpensionieren. Wurden Sie der Arbeit für den Gemeinsinn überdrüssig?

Keineswegs! In Absprache mit der GGZ hat sich gezeigt, dass der Zeitpunkt für einen Wechsel im Moment optimal ist. Zurzeit ist es ruhiger, viele Projekte sind abgeschlossen und meine Nachfolgerin Monika Hügin kann neue Ideen einbringen. Für mich wird es Zeit für etwas Neues, zum Beispiel Klavier spielen lernen oder im Loreto Metall schweissen. Ich habe 100 Ideen und freue mich darauf, sie auszuprobieren.

Was geben Sie Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg?

Ich rate ihr, niemals die «Urformel» der GGZ zu vergessen: Die GGZ dient den Menschen und niemals dem Geld. Geld ist lediglich das Mittel, um den Menschen helfen zu können.

Zur Person

(ls) Peter Fehr (Jahrgang 1958) war vor seiner Zeit bei der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug rund 20 Jahre in der Wirtschaft und 11 Jahre beim Sozialdienst im Bezirk Affoltern tätig. Er prägte das bedeutendste, private Sozialwerk im Kanton während Jahren entscheidend mit. Peter Fehr ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und wohnt in Steinhausen. Zu seinen grossen Hobbys zählt er Malen und Lesen.

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