Die «herzigen» Schäflein

Zur eidgenössischen Abstimmung am 27. September, Jagdgesetz

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Wer seine naturwissenschaftlichen Informationen aus Grimms Märchenbüchern bezieht, wird wohl dem Jagdgesetz zustimmen, weil es die herzigen Schäflein und Geisslein vor dem bösen Wolf schützt. So müsste sich auch Rotkäppchen bei seinem Waldspaziergang nur noch vor dem Autoverkehr fürchten.

Nüchterner betrachtet, ist die Schafzucht ein Teil der Landwirtschaft. Diese hat vor allem folgende Aufgaben: Die Landwirtschaft versorgt die Menschheit mit Nahrungsmitteln und andern lebenswichtigen Gütern. Die Schafzucht entstand schon vor Jahrtausenden, hauptsächlich für die Wollproduktion. Dummerweise wird der Grossteil der Schweizer Wolle, welche die herumstreunenden Tiere auf Kosten der Steuerzahler in grossen Abständen liefern, nicht für die Textilindustrie verwendet, sondern weggeworfen. Bei der Fleischgewinnung als Nebenprodukt besteht ein krasses Missverhältnis zwischen (Wild-)Futtermenge und Ertrag.

Die Landwirtschaft bietet Arbeitsplätze: Zur Zeit der Gründung unseres Bundesstaates (1848) lebte ziemlich genau die Hälfte der Schweizer Erwerbstätigen von der Landwirtschaft; heute sind es noch ungefähr drei Prozent. Die unbewachten Herden der hoch subventionierten Schafhalter bieten keine Arbeitsplätze. Genau darum sind die Tiere ja auch gefährdet, übrigens viel häufiger als durch Wolfsriss, durch Krankheiten, Parasiten, Steinschlag und weitere Naturgefahren.

Die Landwirtschaft ist Teil der Landschaftspflege: Die für die Produktion im Alpengebiet viel wichtigeren Kühe fressen das Gras bis ungefähr drei bis fünf Zentimeter über den Boden; sie lassen so wenigstens einem Teil der Pflanzenarten die Chance, nach Ende der Beweidung wieder auszutreiben. Aber die Schafe (und die Ziegen) fressen bis auf wenige Millimeter hinunter. Ausserdem gelangen sie in die für Kühe unerreichbaren Steilhänge, also in die Rückzugsgebiete der botanisch wertvolleren Arten. Am Schluss stehen praktisch vegetationslose kahle Steinwüsten, wie man sie in Südeuropa selbst auf regenreichen Gebirgsstöcken beobachten kann: Sierra Nevada, Madonie, Ätna, Olymp, Ida, Taurus und viele weitere. Das alles wird angerichtet von den «herzigen» Schäflein und Geisslein.

Jürg Röthlisberger, Cham