Leserbrief

Die kleinen Gelbwesten

Gedanken zur Grösse von kleinen Kindern und zum Umgang mit ihnen

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Es gibt sie auch hierzulande, die Gelbwesten. Nur sind sie kleiner, viel kleiner, und ziehen grüppchenweise durch die Strassen. Nicht lautstark demonstrierend. Still, ganz still mit ihren grossen Augen, ihr Blick oftmals leer, in sich – als letztes Refugium – versunken. «Das Leben über sich ergehen lassen.» Diese Stimmung kommt mir da entgegen. Für mich immer ein Mahnmal, ein bedrückendes Bild dafür, wie manche Kinder heute «gehalten» werden. Artgerecht?

Oder ein anderes Bild: Ein kleines, lautstark trotzendes Kind, sich über den Boden in der Zürcher Europa-Allee wälzend. Seine Mutter: Irgendwo, gerade abwesend, das Handy am Ohr. Kindsmisshandlung auf offener Strasse. Und alle gehen vorbei, auch ich. Erst in der Nacht dann steigt das Bild wieder in mir auf. Quälend – und ich nehme mir vor, das nächste Mal zumindest einmal einfach stehen zu bleiben und hinzuschauen.

Und noch ein Bild: Im stadtnahen Wald. Eine Mutter, ein kleines Kind, eine Pfütze. Mit gebannter Aufmerksamkeit nähert sich der nicht einmal dreijährige Junge dem Element Wasser. Da ist auch noch ein dürres Blatt. Es schwimmt, schaukelt von einem Windhauch getroffen, leise. Und wenn das Kind mit dem Finger den Grund der Pfütze trifft, trübt sich das zuvor klare Wasser ein. Und siehe da: Wenn man etwas wartet, klärt es sich wieder. Die Mutter kniet inzwischen schweigend hinter dem Kind, versinkt mit ihm im Augenblick und ist – für einen kurzen Moment nur – an der Seite ihres Kindes einfach da. Ganz da. Von Kopf bis Fuss: Achtsamkeit. Genau wie ihr Kind. Und für Augenblicke erkennt sie in ihrem kleinen Kind den «grossen Meister». Er oder besser gesagt der grosse Meister in ihrem kleinen Kind hat sie geführt. Mitten ins Leben. Ins Jetzt. So gross sind kleine Kinder.

Daniel Wirz, Zug