Die Millionenstadt am Zugersee

Einer unserer Vorfahren hatte mit Zug und den anliegenden Gemeinden Grosses vor.

Zoe Gwerder
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Wenn in drei Wochen die Schwinger in der Lorzenebene im Sägemehl stehen, werden sie mit ihren Rücken Boden touchieren, auf dem einst der Kern einer Millionenstadt hätte entstehen sollen – mit dem grossen Namen St. Europ. Die Ausdehnung der Stadt hätte von Zug über Baar zum Albis und via Affoltern bis wieder an die Reuss und nach Immensee gereicht. Mit dem Vorbild von Paris gebaut nach dem geometrischen Raster amerikanischer Städte wie San Francisco oder Chicago. Im Kern dicht besiedelt mit rund 40000 Häusern und einer Gartenstadt mit 20000 Villen rundherum:

Diese grossräumige Vision hatte vor rund 150 Jahren vermutlich der Zuger Goldschmied Caspar Schell. Er war für seine fantasievollen und intelligenten Vorschläge zur Stadtplanung bekannt. Die Idee war wohl aber dermassen umstritten, dass sie unter dem Namen Leinbacher, auf einer anderen Seite als Leimbacher, von einer fiktiven Druckerei in Baden veröffentlicht wurde. In der in der wissenschaftlichen Jahresschrift Tugium, Ausgabe 1993, geht Autor Heinz Horat jedoch davon aus, dass es sich bei dieser Vision um Schell als Urheber handeln muss.

Für eine Millionenstadt wäre die gewählte Region optimal, war Schell überzeugt: «An dem lieblichen Zugersee, wo man vom Rigi aus das Ganze übersehen könnte und ohne Cham wenig oder keine Häuser zu entfernen hätte.» Rund 108 Quadratkilometer Land hätten gekauft werden sollen, was fast der Hälfte der gesamten Fläche des Kantons Zug entspricht. Bei einem Quadratmeterpreis zwischen 55 Rappen und 1.10 Franken errechnete Schell Kosten von rund 60 Millionen Franken.

Ein Quai mit Blick auf die Rigi

Geplant war, dem See entlang eine grosszügige Strasse mit acht Hotels anzulegen – ähnlich dem Schweizerhofquai in Luzern oder jenem in Locarno. Hinter der Hotelreihe beginnt ein Raster aus Quartieren und deren Blockunterteilungen. Die Blockrandbebauungen, die alle gleich lang, aber je nach Klasse (1-3) unterschiedlich breit sind, aus 24 bis 28 fast quadratischen Häusern. In den Innenhöfen gibt es jeweils einen Brunnen sowie ein Waschhaus. Der Unterschied der Klassen zeigt sich bei diesen Innenhöfen: Bei den Bauten erster Klasse sind sie deutlich grosszügiger als bei jenen der dritten Klasse.

Durchtrennt wird das Raster senkrecht zur Seepromenade von einem langen Marktplatz – mit Strassen, die diesen links und rechts säumen, ähnlich wie in Paris oder anderen Grossstädten. Dort gibt es Fleischerhallen und Markthallen. Weiter Richtung Norden – im Stadtkern – sind an einer Strasse parallel zur Seepromenade die öffentlichen Gebäude sowie der Bahnhof angesiedelt. Die Eisenbahnlinie ist bis zu drei Meter tief in den Boden versenkt, «sodass sie niemandem in den Weg kommt», schreibt die «Neue Zuger-Zeitung» am 8. April 1865. Umringt wird die Kernzone von Gärten – botanischen und zoologischen. Auch Plätze sind vorgesehen.

Seewasser soll «Unreinheiten» der Stadt wegwaschen

In diesem Gebilde hätten 1,2 Millionen Einwohner untergebracht werden sollen, was einer Vervielfachung der damaligen Bevölkerung des ganzen Kantons Zug um ein 60-faches entsprochen hätte und 1860 rund der Hälfte der Gesamtbevölkerung der Schweiz ausmachte. Um mit derart vielen Einwohnern nicht in der Kloake zu versinken, plante der Urheber der Vision eine Mauer von Zug bis nach Immensee, um den Pegel des Zugersees um bis zu einen Meter zu erhöhen. So könne das Seewasser gestaut und mit mehr Druck durch die Schächte der Stadt geleitet werden, damit die Stadt von allen «Unreinheiten» befreit werde, wie das Tugium aus den Plänen wiedergibt. Hingegen nicht klar ist, ob das verschmutzte Wasser danach wieder in den See zurückgeführt oder anderwertig abgeleitet worden wäre.

Aus der Broschüre von Schell geht auch hervor, wie viele von welchen Gebäuden hätten gebaut werden sollen:

Ein einziges Spital war aus Schells Sicht ausreichend für die Millionenstadt. Waisenkinder hätte es seiner Meinung nach nur wenige gegeben, denn es war auch nur ein Waisenhaus geplant. Gearbeitet hätten die Einwohner von St.Europ wohl in den Häusern, denn ein Industrieareal war nicht vorgesehen. Hingegen waren die Gedanken des Urhebers der Pläne offenbar ganz bei sich. So budgetierte er ein Haus und Garten «dem Denker dieses Projektes» mit drei Millionen Franken. Gleich viel Geld, wie für den Bau des Spitals oder des Rathauses vorgesehen war. Immerhin gab er an, eine Million Franken selber an die Kosten beizutragen.

Die Gotthardstrecke sei auch gleich zu erstellen

Insgesamt sah Schell ein Budget von 3 Milliarden Franken für das ganze Projekt vor. Um dies finanzieren zu können, plante er, 300000 Teilhaber finden zu lassen, die je eine Aktie für 10000 Franken zeichnen würden. Mit dem Geld war geplant, neben der Stadt auch noch die Verkehrswege entsprechend zu bauen. Der Zugersee und der Vierwaldstättersee sollten verbunden werden, sodass die Dampfschiffe von Zug bis nach Luzern fahren könnten und die Gotthardstrecke sei ebenfalls zu bauen. So sei man in zwei Tagen in Paris, Wien, Berlin und London und werde sich «verkehrsgünstig in der Mitte Europas befinden». Und wohl für die Touristen führt vom nahe gelegenen Arth eine «prachtvolle Strasse» die Rigi hinauf, wo sie auch auf dem Berg mit 18 Metern Breite zu den Aussichtspunkten weitergeführt wird.

Der Aufbau von St. Europ würde relativ schnell vonstattengehen, war der Urheber der Broschüre sicher: «Wenn im bereits gebauten Paris innert zwölf Jahren 58000 teure Häuser unter schwierigen städtebaulichen Bedingungen errichtet worden seien, müsse es ein Leichtes sein, auf der mehr oder weniger grünen Wiese bei Zug in 15 bis 20 Jahren St. Europ aus dem Nichts zu stampfen.» Und das Unternehmen sollte sich auch lohnen. Schell rechnete, durch den Verkauf der Gebäude und Grundstücke über 8 Milliarden Franken einzunehmen, was unter dem Strich einen Gewinn von rund 5 Milliarden ergäbe.

Millionenprojekt wurde zum Running Gag

Die Vision stiess offenbar auf wenig Gegenliebe in der Bevölkerung. Schell – noch immer als Leinbacher getarnt – doppelt drei Jahre später mit neuen Begründungen nach. Denn offenbar hatten sich weder der Bundesrat noch die Zuger Regierung, Banken und Eisenbahngesellschaften zu den Visionen einer Millionenstadt geäussert. Politisch aufgenommen wurde die Idee nie. Einzig in Zeitungsberichten geisterte sie noch ein zwei Jahre wohl quasi als Running Gag umher – als ein Projekt, das im Sumpf von Steinhausen versank.

Wie Zug einst vom Flughafen träumte

In der Lorzenebene entsteht derzeit Grosses: Die Anlage des Eidgenössischen Schwing- und Älplerfests. Wäre es jedoch 1943 nach dem Ansinnen der Zuger Bevölkerung gegangen, stünde heute auf der Lorzenebene der nationale Flughafen.
Zoe Gwerder