Die Rektorin der Kantonsschule Menzingen fordert: Der Schulalltag soll lebendig sein

Seit August 2019 ist Gabrijela Pejic-Glisic Rektorin der Kantonsschule Menzingen – ein Rück- und Ausblick.

Vanessa Varisco
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Im Schuljahr 2020/21 werden rund 550 Schüler die Kantonsschule Menzingen besuchen.

Im Schuljahr 2020/21 werden rund 550 Schüler die Kantonsschule Menzingen besuchen.

Bild: Christian H. Hildebrand (16. August 2018)
Gabrijela Pejic-Glisic.

Gabrijela Pejic-Glisic.

PD

«Intensiv und hochinteressant.» So beschreibt Gabrijela Pejic-Glisic ihre ersten fünf Monate als Rektorin an der Kantonsschule Menzingen. Die 42-Jährige arbeitete davor als Prorektorin an der Kantonsschule Alpenquai Luzern und absolvierte von 2016 bis 2018 die Schulleiterausbildung an der Universität St.Gallen. Auf das laufende Schuljahr wechselte sie in den Kanton Zug. Sie erklärt ihre Beweggründe: «Immer wieder habe ich von der Kanti Menzingen gehört. Zwei Dinge sind mir dabei besonders aufgefallen: die Leitideen und die aktuellen Projekte.»

Zu den Leitideen gehören die Bildungsqualität, Offenheit, Verantwortung und Teamfähigkeit. Werte, die der Rektorin ein Anliegen sind. «Und die Projekte zeigen ein Gymnasium, das sich den derzeitigen Anforderungen engagiert stellt», führt sie aus. In ihren ersten fünf Monaten wurde sie schliesslich bald mit neuen Aufgaben und Menschen konfrontiert. Beeindruckt habe sie dabei besonders, dass die Leitideen keine leeren Worte seien, sondern «vielmehr im Alltag präsent». Haltungen würden gelebt. «Ich habe Lehrpersonen kennen gelernt, die den Schülerinnen und Schülern leidenschaftlich die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen, kritisches Denken fördern und fordern», erzählt sie.

Der Kontakt zu den Lehrpersonen der KSM liegt ihr am Herzen. Seit Anfang des Schuljahres führt sie deshalb mit allen Angestellten – derzeit sind es 100 an der Zahl – ein persönliches Gespräch an einem Ort, den sie frei wählen dürfen. «In diesem Austausch erlebe ich das Engagement für die Schule, die vielen Begabungen, die Vielfalt und das Potenzial, das in dieser Schule steckt», begründet Pejic den Entscheid für diese Treffen. Die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen an der KSM, die ihr entgegengebracht worden sei, bereitet ihr seit ihrem Antritt grosse Freude.

Für die Digitalisierung sensibilisieren

Auf der Agenda der neuen Rektorin stehen neben dem Kennenlernen der Schule und der Mitarbeiter einige weitere Stichpunkte. Derzeit setzt sich die Schule etwa unter dem Motto «KSM 2022» neue Ziele. Themenschwerpunkte sind dabei das starke Schulwachstum in den letzten Jahren und die damit einhergehenden Massnahmen (siehe Box). Gabrijela Pejic erläutert das Projekt genauer: «Die alten Stärken der Schulen sollen bewahrt werden, aber auch Platz für Neues geschaffen und die Basis für die Zukunft gelegt werden, sodass die KSM weiterhin ein Ort bleibt, an welchem wir gerne lernen, lehren, arbeiten und zusammenleben.» In die Kategorie «Zukunft der Schule» gehört auch das Stichwort Digitalisierung.

Über 500 Kantischüler in Menzingen

Dass die Schülerzahlen stetig steigen, ist in allen Zuger Gemeinden bemerkbar. An der Kantonsschule Menzingen ist das nicht anders. In den letzten vier Jahren wuchs die Schülerzahl laut der Kantonsschule Menzingen von 350 auf 500. Im Schuljahr 2020/21 erreiche man mit ungefähr 550 Lernenden – das entspricht dem Zuwachs von ungefähr zwei Schulklassen – die maximale Grösse. «Damit ist die Kapazität des neuen Schulhauses bereits ausgeschöpft», weiss Rektorin Gabrijela Pejic.

Diese Entwicklung müsse man gemeinsam mit der Bildungsdirektion im Auge behalten. Auch deshalb, weil sich das Chamer Stimmvolk Anfang des Jahres 2019 gegen den Standort Allmendhof ausgesprochen hat und daher ein neuer, möglicher Standort für eine dritte Kantonsschule evaluiert werden muss. Die Gefahr, dass der Standort Menzingen unpersönlich werde, sieht Pejic allerdings nicht. «Die Kantonsschule Zug ist beispielsweise eine grössere Schule und trotzdem keine anonyme Bildungsanstalt», bilanziert sie. Laut der kantonalen Statistik besuchen im laufenden Schuljahr 1290 Schüler das Gymnasium und 114 die Wirtschaftsmittelschule. Um eine Anonymität zu verhindern, sei es wichtig, dass man unabhängig der Grösse eine lebendige Schulkultur pflege.

Grundsätzlich steht die neue Rektorin diesen technischen Errungenschaften positiv gegenüber, wie sie Auskunft gibt: «Persönlich bin ich der Meinung, dass die Digitalisierung das kritische, eigenständige und auch kreative Denken aufwertet und unsere Lebensqualität verbessert.» Als Beispiel nennt sie den Beitrag der Digitalisierung zur besseren Behandlung von Krankheiten wie Krebs. Schulen dürften sich entsprechend diesem Fortschritt nicht verweigern, sondern vielmehr eine aktive Rolle übernehmen und mitgestalten.

Dabei gilt es, die Balance zu finden: Die Aufgabe der Schulen sei es, die Kinder und Jugendlichen zu befähigen, sich sicher und kompetent sowie durchaus kritisch «in der längst digitalisierten Welt zu bewegen». Sie sollen aber auch befähigt werden, sich trotz des beträchtlichen Ablenkungspotenzials der digitalen Medien zu konzentrieren, «sich zu fokussieren auf eine Aufgabe». Die KSM erfolgt zum Erwerb dieser Kompetenzen zwei Ansätze. Zur «digitalen Mündigkeit» gehören die Medien- und ICT-Kompetenz, eine für die allgemeine Studierfähigkeit heutzutage essenzielle Kompetenz. Zur «digitalen Mündigkeit» gehört auch das Nachdenken über rechtliche, ökonomische und gesundheitliche Fragen im Zusammenhang mit der Digitalisierung. Zum «Denken und Handeln in Alternativen» gehört, mit den Computern situationsgerecht und zielorientiert umgehen zu können. Die Schüler sollen immer wieder darüber nachdenken, welches Werkzeug in der aktuellen Situation geeignet ist:

«Auch wir Lehrerinnen und Lehrer sollen diese Frage für unseren Unterricht immer wieder stellen.»

So soll BYOD (Bring Your Own Device) nicht bewährte Unterrichtsformen verdrängen, sondern ergänzen und bereichern. Im Zusammenhang mit dem Erwerb digitaler Kompetenzen wurde an der KSM kürzlich das Fach Informatik eingeführt. Was zur Folge hatte, dass Anfang des Schuljahrs die Wochenstundentafel angepasst werden musste. Einigen Fächern wurde entsprechend zu Gunsten der Informatik Lektionen gekürzt. «Das war auch für mich, welche die Diskussionen im letzten Schuljahr nicht miterlebt hat, ein komplexes Thema», sagt Pejic.

Spürbar ist also: Technik und Informatik sind Themen, welche die KSM bewegen und deshalb gefördert werden. Als Prorektorin der Kantonsschule Alpenquai hat Gabrijela Pejic sich in Luzern für die Etablierung der Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) eingesetzt. An der KSM werden die beiden Mint-­Schwerpunktfächer Biologie und Chemie sowie Physik und Anwendungen der Mathematik angeboten. «In der Herbststudienwoche absolvierten ausserdem alle Lernenden der dritten Klassen auf Maturitätsstufe zum ersten Mal eine Mint-Woche», blickt Pejic zurück. In verschiedenen Workshops gewannen sie Einblicke in technische Themen wie Robotik, Brückenbau, 3D-Druck und Baustoffe.

«Stereotype durchbrechen»

Es geht um mehr als die Vermittlung von Inhalten. Naturwissenschaften haben den Ruf, bei Männern beliebter zu sein, als bei Frauen. Wie sieht es diesbezüglich an der Kantonsschule Menzingen aus? «Unsere Schülerinnen sind sehr interessiert. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir an der Schule tolle Lehrerinnen haben, welche als weibliche Rollenmodelle die Stereotype durchbrechen und so Erfolgserlebnisse im Kontakt mit der Mint-Welt ermöglichen», erwägt Pejic.

Sie betont allerdings: «Die Förderung der technischen und mathematischen Fächer funktioniert nicht ohne die anderen Fächer.» Sie selbst hat einen naturwissenschaftlichen Hintergrund, studierte Biochemie an der Uni und ETH Zürich. In ihrer Gymnasialzeit hätten aber auch Literatur und Kunst eine entscheidende Rolle gespielt. Abschliessend führt Pejic aus: «Es braucht den Diskurs unter allen Fächern. Das ganze gymnasiale Paket ist wichtig.»