Die Situation vieler Bauern spitzt sich zu - ein Beispiel aus Lindencham

Wegen des Coronavirus fehlen ausländische Arbeitskräfte. Die Landwirte suchen im Inland Hilfe, wie ein Beispiel aus Lindencham zeigt.

Raphael Biermayr
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Matthias Schurtenberger (links) unterweist Patrik Imfeld im Umgang mit der Motorhacke.

Matthias Schurtenberger (links) unterweist Patrik Imfeld im Umgang mit der Motorhacke.

Bild: Matthias Jurt (Lindencham, 26. März 2020)

Die Bise pfeift Matthias Schurtenberger giftig um die Ohren, als er Patrik Imfeld erklärt, wie man eine Motorhacke bedient. Ein kalter Wind, der dem 34-jährigen Landwirt entgegenbläst – es ist ein passendes Bild. Denn er sucht händeringend nach einer Arbeitskraft für den weitläufigen Hof des Klosters in Lindencham mit 40 Kühen, den er bewirtschaftet und auf biologischen Anbau umstellt. Wie für Bauern üblich, ist auch Schurtenberger das Klagen – zumal öffentlich – zutiefst zuwider.

Doch die Situation hat sich wegen des Coronavirus zugespitzt. Gerade hat ihn die Mitteilung des Schweizer Bauernverbands erreicht, dass er auf die Ukrainerin, die ihm während der nächsten Monate helfen sollte, verzichten muss. Dies wegen der erschwerten Einreisebedingungen. Es ist die vorläufig letzte Folge einer Pechserie. Diese begann damit, dass Schurtenberger keinen Lehrling für das laufende Jahr fand. Dann konnte eine Kanadierin «wegen bürokratischer Hindernisse» nicht einreisen. Und kürzlich wurde ein Helfer wegen der Coronasituation in die Armee eingezogen. Mit dem Franzosen Martin Barrault hat er immerhin noch bis Ende Mai einen festangestellten Arbeiter auf dem Hof. Und nach Ostern erhält er Unterstützung einer Praktikantin. Matthias Schurtenberger sagt, dass er sich über jede weitere Unterstützung freuen würde. So wie ihm geht es derzeit Tausenden Bauern in der Schweiz. Vor allem die Gemüsebauern trifft das Ausbleiben der ausländischen Arbeitskräfte hart. Der Schweizer Bauernverband versucht nun, inländische Arbeitssuchende zu vermitteln (siehe Box).

Ein Ausgleich zu den Aufgaben als Hausmann

Zurück nach Lindencham. Patrik Imfeld hilft seinem früheren Jungwachtkameraden Matthias Schurtenberger seit dem Sommer 2019. Zunächst während zweier Halbtage pro Woche, dann, um effizienter zu sein, einen ganzen Tag. Und aktuell eineinhalb Tage. Imfeld ist Vater zweier kleiner Kinder und Hausmann. Seine Frau arbeitet derzeit von zu Hause in Cham aus. Die gegenwärtige Situation fordere ihn daheim stark, sagt Patrik Imfeld. «Für mich ist die Arbeit auf dem Hof ein Ausgleich dazu», erklärt er. Imfeld erhält eine Stundenentschädigung «auf tiefem Niveau, wie das in der Landwirtschaft sowieso üblich ist», sagt Schurtenberger. Selbst er als Meisterlandwirt könne nur 25 Franken pro Stunde in Rechnung stellen, wenn er auf einem anderen Hof hilft.


Verband baut Vermittlungsplattformen aus

(bier) Der Schweizer Landwirtschaft fehlen ausländische Arbeitskräfte, beispielsweise jetzt zur Spargelsaison. Gemäss Martin Rufer, designierter Direktor des Schweizer Bauernverbands und Leiter der Corona-Taskforce, arbeiten jedes Jahr gegen 30 000 ausländische Arbeitskräfte auf Schweizer Höfen. Wie viele davon derzeit fehlen, sei Teil von laufenden Erhebungen. Es gibt jedoch auch eine Kehrseite: Weil viele in der Schweiz lebenden Personen derzeit nicht in ihrem Beruf tätig sein können, besteht eine erhöhte Nachfrage nach anderen Arbeitsmöglichkeiten. Auf überarbeiteten Internetplattformen gibt es kostenlose Angebote, um Bauern und Arbeitssuchende zusammenzuführen (siehe Hinweis). Ausserdem ist auf der Website des Verbands ein ausführlicher Katalog mit Fragen und Antworten bezüglich Entlöhnung, Versicherungen und weiterer Themen aufgeschaltet. Martin Rufer ist klar, dass, sobald sich die Situation entspannt, die Hilfsarbeiter aus der Schweiz die Höfe wieder verlassen werden. Er geht davon aus, dass die ausländischen Arbeitskräfte schnellstmöglich einreisen werden. Überdies baut er darauf, dass im Nahrungsmittelbereich generell ein Umdenken stattfinden wird. «Die aktuelle Situation zeigt auf, dass durch die lokale Produktion stabilere Lieferketten garantiert sind. Wir sollten deshalb einer ausreichenden Selbstversorgung das nötige Gewicht geben», führt Rufer aus.

Hinweis: Kostenlose Vermittlungsplattformen sind www.agrix.ch und www.agrarjobs.ch.

Der junge Landwirt setzt notgedrungen weiter auf die Hilfe von Bekannten, befreundeten Bauern, seiner Verlobten und vor allem von seinen Vorgängern, seinen Eltern. Wenn auch höchst ungern: «Meine Eltern sind pensioniert und machen eigentlich viel zu viel, aber es geht nicht anders», erklärt Schurtenberger. Um der Ansteckung eines Familienmitglieds vorzubeugen, hält man Abstand und isst beispielsweise zu unterschiedlichen Zeiten. «Man ist zwar nah, hat aber doch nicht viel voneinander. Das ist hart», beschreibt Schurtenberger die Situation. Sollten die jetzt gegebenen Umstände länger herrschen, graut ihm vor dem Herbst. Denn dann sollen ihm wie jedes Jahr bis zu zehn Pensionäre beim Obstpflücken helfen. «Wenn die nicht kommen könnten, würde es nicht gehen», sagt Schurtenberger nachdenklich.