Leserbrief
Die vier W-Fragen

«Was wir für ein gutes Leben brauchen», Ausgabe 28. März

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Der Artikel, insbesondere Punkt 4 «Wenn das Leben Sinn ergibt» von Anna Miller, ruft nach einer Ergänzung/Korrektur. Dies deshalb, weil hier der Geruch eines Bekenntnisses verströmt wird – eines mehr unter tausenden. Die Wissenschaft komme zum Schluss, dass Glaube und Spiritualität das Leben positiv beeinflusse, steht da. Welche Art von Glauben spiele dabei keine Rolle und sie empfiehlt Ikigai. Ersetzt man den Begriff «Glaube» durch «Vertrauen» ergäbe sich teils Resonanz. Glaube ist aber bei den meisten Menschen konnotiert mit Konfession, Glaubensbekenntnis oder sonst irgendwelchen festen Regeln und Vorschriften, um das Leben zu ordnen. Vertrauen dagegen ist eine Grundhaltung und kein rational begründeter Entscheid, wie es ein Glaubensbekenntnis nun mal ist/sein sollte. Vertrauen, Zutrauen in irgendetwas, einen Sachverhalt, in jemanden, gegründet – nein, nicht unbedingt auf einer persönlichen Erfahrung, denn solche können Vertrauen ebenso leicht zerstören. Es ist nicht Folge «positiven Denkens», wie es salopp immer wieder propagiert wird. Es ist vermutlich mehr Ahnen als Bewusstheit eines Archimedischen Punktes, Geschenk, das aus suchender oder dann einer echt religiösen Haltung heraus resultieren kann, Folkloreverhalten nicht mitgemeint. Der griechische Mathematiker Archimedes soll gesagt haben, gebt mir einen festen Punkt und ich hebe die Welt aus den Angeln. «Festen Punkt», hier übertragen in einen psychischen Prozess, verstanden als einen Punkt «ausserhalb meiner selbst», für ein «gutes Leben» als vertrauensbildend? Religionen schufen und schaffen stattdessen noch immer Gottesbilder, ohne zu beachten, dass durch eine der ersten, ihnen aufgegebenen Regeln, solches verboten wurde. Bilder, die nur falsch sein können, die sich gar zuspitzen in absurde Streitereien, ob nun ein Vater oder Mutter als Kreator betrachtet und angebetet werden soll. Ob sich mit solch widersprüchlichen Konstrukten oder gar trotzdem ein «gutes Leben» sich bilden kann, darf man bezweifeln. Zurück zu Millers Frage nach dem guten Leben; sie sollte ihre vier W-Fragen vom Nützlichkeitsdenken entschlacken. Nicht: «Was braucht die Welt von mir?», sondern in Fokussierung auf einen möglichen Archimedischen Punkt, ihre vier Fragen umformulieren in: woher, wohin, wozu, warum, meiner Existenz. Dabei hilft rational, logisches Denken wie sie vorschlägt kaum. Vielmehr greift die Heisenberg’sche Empfehlung, geäussert im Zusammenhang mit dem ebenfalls nicht zu verstehenden Welle-/Teilchendualismus der Quantenphysik. Seine Formulierung, weniger poetisch als jene der Bibel, treffen sich auf den Punkt. Hier verraten sei sie nicht, weil Poesie heute kaum mehr jemand versteht, obwohl diese der Wahrheit in solchen Dingen am nächsten kommt.

Hans Arnold-Bürgi, Rotkreuz