U20-Kolumne: Die Zwei auf dem Rücken

In der Kolumne "U20" äussern sich Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Zug zu einem frei gewählten Thema. Die 16-jährige Johanna Menzinger schildert das Los der Zweitgeborenen. 

Johanna Menzinger (16), Inwil
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Johanna Menzinger (16), Inwil

Johanna Menzinger (16), Inwil

Es ist sechs Uhr morgens. Wir sitzen am Frühstückstisch. Die Müdigkeit meiner Schwester macht sich über das ganze Gesicht bemerkbar. Das ist meiner Mutter egal. Sie zückt die grosse Kamera: «Mach Cheese!» Schon hat sie abgedrückt. Wie jedes Jahr gibt es ein Foto des Geburtstagskinds. Das wird dann an der Fotowand hinter dem Esstisch aufgehängt. Mein Blick schweift zur Wand. Babyfotos meiner älteren Schwester: im Spital, zu Hause, im Kindergarten, beim Ballett und am Geburtstag. Doch wo bin ich?

Typisch, wie man als zweitgeborenes Kind die Zwei auf dem Rücken hat. Beim ersten sind die Eltern noch euphorisch. Sie fotografieren jeden noch so kleinen Fortschritt. Mir, als Zweitgeborene, kommt nicht dieselbe Aufmerksamkeit zu. Fotos zeigen mich im Kinderwagen, geschoben von meiner Schwester. Ich am Eisessen, das meine Schwester mit mir teilt. Immer wir zwei; an Weihnachten, beim Geschenke-Öffnen. Die Fotos verdeutlichen, dass die Zweitgeborene an zweiter Stelle steht.

Nicht nur die Eltern schenken dem ersten Kind ihre ganze Aufmerksamkeit, auch die Grossmütter stricken haufenweise Socken, Mützen und Pullover für das Einkleiden des Kindes. Welches Zweitgeborene kennt es nicht, das Tragen der alten Kleider der Geschwister? Eine Zumutung, weil meine Schwester ihre Rotznase an den Ärmeln abwischte. Als zweites Kind wird man nicht nur von den Eltern erzogen, sondern auch von den älteren Geschwistern. An meiner Schwester ging nichts unbemerkt vorbei und jede Kleinigkeit wurde sofort verpetzt. Beispielsweise mein Versuch, die Zimmerwand mit Filzstiften bunter zu gestalten.

Genüsslich schiebe ich mir ein Stück Kuchen in den Mund, um meine Schwester zu provozieren. Sie kann momentan keine feste Nahrung zu sich nehmen. An der blauen, dicken Backe kann man noch erahnen, dass sie ihren Weisheitszahn entfernen liess. Ich grinse. Ganz klar, es hat auch Vorteile, wenn man Zweite ist: zum Beispiel beim Arztbesuch, wenn die ältere Schwester als Versuchskaninchen zuerst hinhalten muss. Dieser Gedanke entschädigt mich für vieles.