Dieser Unterägerer legte 300 Kilometer auf Schnee zurück – mit dem Fahrrad

René Albisser aus Unterägeri holte den zweiten Platz beim Arctic Circle Race auf dem Fatbike in Nordfinnland.

Tijana Nikolic
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Der sportbegeisterte René Albisser aus Unterägeri belegte vor zwei Wochen unter 100 Teilnehmern den zweiten Platz beim 300-Kilometer-Arctic-Circle-Race in Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands in Nordfinnland. Ähnlich wie bei den in Alaska organisierten Winter-Ultramarathons kombiniert das Arctic Circle Race am Polarkreis drei Kategorien, die gleichzeitig beginnen.

René Albisser hier in voller Montur für das nordfinnische 300-Kilometer-Arctic-Circle-Race in seinem langjährigen Bikeshop «Trailrider» in Unterägeri.

René Albisser hier in voller Montur für das nordfinnische 300-Kilometer-Arctic-Circle-Race in seinem langjährigen Bikeshop «Trailrider» in Unterägeri.

Bild: Matthias Jurt (Unterägeri, 28. Februar 2020)

Auf Skis, zu Fuss oder auf dem Fatbike begeben sich die Teilnehmer auf Schneestrecken in der Länge von 66 Kilometern, 150 Kilometern und 300 Kilometern rund Rovaniemi. Ein Fatbike ist ein Offroad-Fahrrad, das mit sehr tiefem Reifendruck gefahren wird. Es ist deshalb ideal, um auf weichem, instabilem Gelände wie Schnee, Sand, Moor und Schlamm zu fahren. Diese Art Rennen über eine Langdistanz von 300 Kilometern gibt es so nur einmal in Europa. «Ich wollte die 300er-Strecke bereits vor zwei Jahren machen, schaffte es aber nicht, weil mein Körper streikte. Ich wusste aber, dass ich sicher wiederkommen werde», sagt der 43-jährige René Albisser.

Proviant in den Packtaschen verstaut

Das Rennen werde «unsupported» ausgetragen. Das heisst jeder Teilnehmer trägt seine Verpflegung, die Schlafausrüstung und Ersatzkleider selber vom Start bis ins Ziel. «Ich habe die ganze Ausrüstung in Packtaschen an meinem Fatbike verstaut», so Albisser. Zum Essen habe er Sandwiches oder Kartoffelstock in Beuteln sowie Porridge in Portionen, die er sich zwischendurch mit einem Gaskocher zubereitete, eingepackt. Albisser erzählt:

«Auf den ersten 150 Kilometern gelangt man alle 40 Kilometer an Checkpoints. Bei diesen Points kann man sich mit Wasser ausrüsten oder in einer Hütte kurz aufwärmen.»

Bei den nächsten 150 Kilometern gebe es diese Checkpoints nicht mehr. Gegen den Durst könne man Schnee in die Trinkflaschen schmelzen.

Am ersten Tag wollte er so weit wie möglich kommen

«Das Rennen war geprägt von einer einbrechenden Warmfront mit Schneeregen und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt», erinnert sich Albisser. Mit total 39,5 Stunden und nach einer Nacht im Biwaksack habe er das Ziel erreicht. Eigentlich habe Albisser das Rennen langsam angehen wollen, die Wetterprognose zwang ihm aber eine Planänderung auf:

«Ich wollte am ersten Tag so weit wie möglich vorankommen, vier Stunden schlafen und möglichst früh wieder aufbrechen.»

Am Nachmittag des zweiten Tages setzte leichter Schneefall ein, was die Strecke langsamer gemacht habe. «Mit Einbruch der Nacht nahmen der Wind und der Schneefall zu, dafür die Sicht und mein Tempo kontinuierlich ab», sagt der gelernte Konstrukteur. Vor allem über die Seen und Flüsse sei die Navigation schwierig und Fahren teilweise unmöglich gewesen: «Da darf man sich nicht verrückt machen. Man muss mental stark bleiben und über sich selbst hinauswachsen.» Stoisch sei er Schritt für Schritt durch den Schneematsch gestampft. Der einsame Zieleinlauf war dafür umso emotionaler, erzählt Albisser weiter.

Bild: Matthias Jurt (Unterägeri, 28. Februar 2020)

Schlussendlich sind elf Teilnehmer ins Ziel gelaufen: «Viele brechen vorher ab. Die körperliche und psychische Belastung ist enorm.» Der Sieger, Tor-Espen Jolma aus Norwegen, bezwang die 300 Kilometer ohne Schlaf in 30 Stunden und 20 Minuten und verbesserte den Streckenrekord um mehr als 6 Stunden. Anmelden kann sich für die 66 und 150 Kilometer jeder, für das 300-Kilometer-Rennen braucht es jedoch genug Erfahrung, sonst wird man nicht zugelassen. «Ich habe mich nicht spezifisch auf das Rennen vorbereitet. Ausser, dass ich seit über 30 Jahren mehrmals in der Woche bike», so Albisser.

In jungen Jahren nahm er auch an Mountainbike Rennen teil, habe jedoch schnell gemerkt, dass es zur Profikarriere nicht reichen würde. Die Leidenschaft sei aber geblieben. «Es ist für mich das Schönste, den Alltag hinter mir zu lassen und auf dem Bike durch die Natur zu fahren. Einfach im Moment zu leben. Das ist für mich die pure Freiheit.»

Liebe zum Bike-Sport auf die Familie abgefärbt

Vor knapp 20 Jahren erfüllte sich Albisser seinen Traum von einem eigenen Bikeshop, dem Trailrider Bikeshop in Unterägeri. «Bei einer Bike-Messe sah ich zum ersten Mal ein Fatbike und war total fasziniert. Meine Passion für diesen Sport wurde immer grösser», erinnert sich Albisser. Bewusst setzt er in seinem Shop auf Mountain- und Fatbikes und verzichtet auf Alltagsvelos und E-Bikes.

Auch seine Frau Helene hat er über das Mountainbiken kennen gelernt. Die Liebe für den Bike-Sport hat auch auf die beiden Söhne, 13 und 15 Jahre alt, abgefärbt. «Letzten Winter ist die ganze Familie vier Wochen nach Neuseeland gefahren und wir haben dort 1000 Kilometer mit den Bikes zurückgelegt.» Die nächste Steigerung eines Rennens mit dem Fatbike wäre das Idita Trail Inventional, ein 500 Kilometer Winter-Ultramarathon in Alaska. «Das wäre bestimmt reizvoll, aber momentan habe ich das nicht auf dem Radar.»