Leserbrief

Dieses Denkmalschutzgesetz ist das schwächste aller Schweizer Kantone

Gedanken zum neuen «eigentümerfreundlichen» Zuger Denkmalschutzgesetz

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Die Zugerinnen und Zuger haben entschieden: Zwei Drittel der Abstimmenden sagten Ja zum neuen Denkmalschutzgesetz. Ein, so scheint es, vernünftiger Entscheid. Denn wer soll schon dagegen sein, dass man «Schützenswertes schützt». Hätte die Kampagne die Überschrift gehabt «Weniger Denkmalschutz – mehr Rechte für die Eigentümer», hätte das Resultat möglicherweise anders gelautet. Diese Überschrift wäre ehrlicher gewesen. Viele Zugerinnen und Zuger haben mit ihrem Ja gegen ihre Interessen gestimmt. Das ist eine Hypothese, aus der Luft gegriffen ist sie deswegen nicht. Tatsache ist: Der Kanton Zug hat ein neues Denkmalschutzgesetz, Tatsache ist ebenfalls: Es ist das schwächste aller Kantone.

«Every Problem is an Opportunity», und so muss man die Sache jetzt positiv angehen. Sicher hat es unter dem alten Gesetz Fälle gegeben, in denen die Auslegung, was und wie etwas schützenswert ist, zu eng interpretiert wurde. Doch ist genau diese Schwachstelle mit dem neuen Gesetz nicht aufgehoben.

Darum wohl haben die Verfasser des jetzt genehmigten Gesetzes zu einer ebenso griffigen, wie unhaltbaren Formel gegriffen: 70 Jahre. Mit Verlaub, das zeugt nicht von Sachverständnis. Eine Baute, oder eine Überbauung ist schützenswert, weil sie architektonisch gut, sogar aussergewöhnlich gut ist. Sie ist es und sie wird es nicht, nur weil sie 70 Jahre alt ist. Diese verfängliche Formel wäre geradezu lächerlich, wenn sie nicht gleichzeitig gefährlich wäre. Denn nach dem neuen Gesetz können aus rein wirtschaftlichen Gründen Gebäude, die klar schützenswert, aber noch nicht 70 Jahre alt sind, abgerissen werden. Dieser Gefahr muss mit vernünftigen, im neuen Gesetz nicht definierten Massnahmen, respektive Einrichtungen, Einhalt geboten werden. Beispiel: Ich kaufe ein schützenswertes Haus, das zurzeit 69 Jahre alt ist. Dann darf ich es abreissen und einen Neubau erstellen. Die Denkmalpflege wird vermutlich trotzdem von der Baubewilligungsbehörde zur Stellungnahme eingeladen, kann aber den Abbruch nicht verhindern. Wenn sich aber meine Planungen verzögern, ist das Haus bis zur Baueingabe vielleicht bereits 70 Jahre alt. Ist es dann geschützt?

Die Denkmalschutz-Kommission ist mit Annahme des Gesetzes abgeschafft worden. Was kommt an ihrer Stelle? Wer setzt sich kompetent, unbürokratisch und effizient für Stadtbilder und Gebäude ein, die einen hohen baukünstlerischen Wert haben, aber weniger als 70 Jahre alt sind?

Das angenommene Denkmalschutzgesetz ist eine Mogelpackung. Es wirkt vielversprechend und sinnvoll. Doch ist das neue Gesetz nicht zu Ende gedacht. Weitere entscheidende Fragen bleiben offen. Zum Beispiel: Wie legt man zukünftig fest, welcher Bau «von sehr hohem Wert», oder von «äusserst hohem Wert» ist? Wie grenzt man «kulturellen» von «wissenschaftlichem Wert» ab? Ist nicht jedes Haus das «einen äusserst hohen kulturellen Wert» hat, folgerichtig auch «äusserst wertvoll» für die Forschung und hat somit einen «äusserst hohen Wert für die Kunstwissenschaft»?

Bevor offene Fragen nicht klar beantwortet werden können und bevor gesetzlich verankerte Tatsachen von Spekulanten ausgenützt werden, müssen solche Unklarheiten durch ein kluges und praktikables Regulativ ausgeräumt, sowie Schlupflöcher möglichst beseitigt werden. Wenn das nicht schnell passiert, droht in naher Zukunft der endgültige Verlust wertvoller Bausubstanz.

Andres Bruetsch, Zug