Leserbrief

Durch Abschottung und Misstrauen verlieren alle

Zur Abstimmung über die «Kündigungsinitiative»

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Nach meinem Studentenaustausch in Peking reiste ich auf dem Landweg von China nach Europa. Da erlebte ich hautnah, was passiert, wenn sich Länder abschotten. Eine Grenzüberquerung war eine ganze Tagesaufgabe, denn die Bürokratie und die Schikanen waren unvorstellbar. Bevor ich von China nach Kirgistan einreisen konnte, musste ich fünf vorgelagerte Sicherheitsposten passieren, Fragen beantworten, mein Pass, die Aufenthaltsbewilligung und Visa wurden mehrfach eingehend studiert, und als ich endlich an der Grenze war, hatten die Chinesen Mittagspause. Als diese mich passieren liessen und ich die zwei Kilometer Niemandsland überquert hatte, war der kirgisische Grenzposten in der Mittagspause. Die beiden haben nicht dieselbe Zeitzone und stimmen sich natürlich nicht aufeinander ab.

So was passiert, wenn Abschottung und gegenseitiges Misstrauen die Länderbeziehung dominieren. Auch von Kirgistan nach Kasachstan, später nach Russland war die Prozedur nicht viel einfacher. Als ich in Estland meinen Fuss auf ein europäisches Land setzte, fühlte ich mich zu Hause. Dank der Personenfreizügigkeit merkte ich kaum, wenn ich die Grenze nach Lettland, Litauen, Polen, Deutschland und über den Bodensee in die Schweiz passierte. Keine einschüchternde Befragung, kein langes Warten, keine teuren Visa und sonstige Gebühren.

Als ich volljährig wurde, war die Schweiz bereits ein Teil von Schengen, und ich will dieses Privileg nicht nun plötzlich aufgeben. Wer die Kündigungsinitiative der SVP annimmt, der bewirkt, dass wir uns in die Richtung von China und Kirgistan bewegen. Abschottung und Misstrauen führen zu einer rückständigen Politik. Wer gerne ausprobieren möchte, wie sich das anfühlt, kann sonst gerne auf dem Landweg nach China reisen. Aber bitte nicht die Kündigungsinitiative annehmen!

Tabea Estermann, Co-Präsidentin Junge Grünliberale Zug