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ECUADOR: «Sie waren wie scheue Waldtiere»

Ein Zuger betreut auf freiwilliger Basis Schüler aus dem Amazonas-Regenwald. Eine Stippvisite vor Ort gibt Einblick in sein Wirken am Rand der Anden.
Andreas Faessler
Micaela geht zur Schule. (Bild: Andreas Faessler)

Micaela geht zur Schule. (Bild: Andreas Faessler)

Micaela geht zur Schule. (Bild: Andreas Faessler)

Micaela geht zur Schule. (Bild: Andreas Faessler)

Tena, Ecuador, 6.45 Uhr – ein schmuckes Holzhaus mit dem Namen «Llakta Kawsana Huasi» am Ende der unbefestigten Strasse am Fluss. Es dämmert, in der unmittelbaren Nachbarschaft krähen mehrere Hähne um die Wette und künden von einem neuen Tag. Siegfried Andermatt steht in der Küche und bereitet das Frühstück zu. Bald sitzen vier ecuadorianische Kinder am Tisch, fein säuberlich in Schuluniform gekleidet, essen etwas und verschwinden bald nach und nach durch die Tür Richtung Schule. Erstaunlich: Obwohl alle vier einem Urwaldvolk angehören, sprechen sie Deutsch mit dem «Hausherrn».

Siegfried Andermatt ist im vergangenen Juli aus Allenwinden in die viele tausend Kilometer entfernte Kleinstadt am Rande des ecuadorianischen Amazonasurwaldes gereist, um für mindestens ein halbes Jahr unentgeltlich die Betreuung dieser Kinder zu übernehmen. Das Projekt ist Teil der Sacha- Yachana-Huasi-Schule, welche auf die Gründung einer Schweizerin zurückgeht (siehe Box). Und darin liegt auch der Grund, warum im Haus in Tena primär Deutsch gesprochen wird, zumindest in Anwesenheit Andermatts.

Die Eiszeit zu Beginn

Das Verhältnis ist locker und herzlich – was keineswegs selbstverständlich ist. «Anfangs kam von den Kindern überhaupt nichts zurück», erinnert sich der 50-Jährige. «Das war richtig frustrierend. Kein Blickkontakt, kaum ein Wort, nichts. Wie scheue Waldtiere sind sie mir vorgekommen.» Doch habe er sehr schnell begriffen, dass dies nicht etwa nur Schüchternheit, sondern primär kulturell bedingt sei. Bei den Quichuas, deren Kultur die Kinder entstammen, herrscht grundsätzlich eine gewisse Distanz im Umgang miteinander, selbst innerhalb der Familie. Doch allmählich tauten Andermatts Schützlinge auf. Es hatte sich eine Vertrauensbasis gebildet, man hatte den Zugang zueinander gefunden. «Prof» nennen sie ihren Betreuer mittlerweile liebevoll. «Ich nehme hier gewissermassen eine Vaterrolle ein», sagt Andermatt. «Ich trage die Verantwortung für die vier. Sie sind mir richtig ans Herz gewachsen.» Jasson und Sacha, beide 14, besuchen das Collegio San Jose, eine Schule auf höherem Level in Tena. Elder (13) und Mica (16) gehen in die Einheitsschule in der Stadt. Die vier sind nach Abschluss der Grundschule in ihrer Heimat im nahegelegenen Amazonas in die Stadt gekommen, um hier durch eine weiterführende Schule ihre Berufschancen zu verbessern und ausserhalb ihrer spartanischen Heimat Fuss zu fassen. «Es ist jedoch nicht so, dass sie sich von zu Hause entfernen wollen», hält der Zuger fest. «Sie würden sich von ihren Wurzeln niemals trennen, sondern sie wollen einfach die Chance wahrnehmen, sich in der Stadt weiterzubilden.»

Mit einer kameradschaftlich-väterlichen Art vermittelt Siegfried Andermatt den Schülern eine gewisse Disziplin im Haus. Das beginnt damit, dass jeder sein Geschirr selber abwäscht und gewisse Ämtchen erfüllt. Die Computer – der Zugang dazu ist für Schulkinder in Ecuador alles andere als selbstverständlich – sollten nicht zu exzessiv genutzt werden. Nach Schulschluss sitzen die beiden Mädchen und die beiden Buben nämlich am liebsten vor der Mattscheibe und beschäftigen sich mit Facebook. Die Kinder aus dem Regenwald nehmen hier genauso gern am modernen Leben teil wie die Jugendlichen anderswo auf dem Erdball.

Und jetzt auch noch Präsident

Die Aufgaben des Allenwindners in Tena sind zwar kurz erklärt: Die vier Kinder betreuen und sie im Schulalltag leiten. Aber das verlangt ihm mehr ab, als man denken mag. Wenn in der Schule mit einem Kind mal was ist, wird er zitiert, nicht etwa die Eltern. Mit Letzteren führt er ebenso immer wieder Gespräche wie mit der Lehrerschaft. Die sprechen natürlich kein Deutsch – und er nur wenig Spanisch. «Die Kommunikation ist in solchen Fällen jeweils eine besondere Herausforderung», betont Andermatt. «Ich leiste hier viel Vermittlungsarbeit.» Aber bisher war sie stets zielführend. Zudem sieht er sich immer wieder mit unterschwelligen oder gar eindeutigen Anfeindungen gegenüber den Kindern konfrontiert. Denn Leute des Quichua-Stammes werden in Ecuador oft nachteilig und ein wenig «von oben herab» behandelt, wie Andermatt weiss. Mehr als einmal musste er sich bereits bei einem Lehrer für einen seiner Schützlinge einsetzen.

Unerwartet ist Andermatt von einem Schul-Initiativkomitee gar zu dessen Präsident gewählt worden. «Ich wollte ablehnen, da ich als Vorstand und Sprecher dieses Amt mit meinen wenigen Spanischkenntnissen unmöglich wahrnehmen konnte.» Die Antwort war mehr als deutlich: «No puede, no existe» – geht nicht gibts nicht. Nun ist der Zuger eben auch noch ein Präsident in Ecuador.

Während die Kinder in der Schule sind, kümmert sich der Allenwindner ums Haus, erledigt hier, was es zu erledigen gibt, besorgt in der Stadt alles Nötige, bringt Wäsche zur Reinigung, arbeitet die Post ab, vereinbart Termine. Immer mal wieder macht er sich auf den holprigen Weg in die Urwaldschule und bringt den dortigen Betreuern benötigte Sachen aus der Stadt.

«Sie werden mir fehlen»

Am Abend kommen die Kinder nach Hause, dann wird abwechslungsweise gekocht. Einmal die Buben, einmal die Mädchen. Sie erhalten von Andermatt ein Budget, mit dem sie im Supermarkt einkaufen dürfen, was sie wollen, solange es fürs Abendessen gedacht ist. Danach hilft Andermatt bei den Hausaufgaben, wo es nötig ist. Dass diese gewissenhaft erledigt werden, ist ihm wichtig.

Jetzt steht der Zuger am Ende seines sechsmonatigen Einsatzes in Ecuador. Es stimmt ihn nachdenklich. «Mir werden die Kinder sehr fehlen», weiss er jetzt schon. Ein Nachfolger wird ins heimelige Holzhaus einziehen. Doch von einer sofortigen Rückkehr in die Schweiz und in seinen Beruf als Grafiker will der Allenwindner derzeit nichts wissen. «Es gibt in Tena und Umgebung so vieles zu bewirken, man kann den Menschen hier in vielerlei Hinsicht unter die Arme greifen», hat er festgestellt. Deshalb denkt er darüber nach, sich hier auf unbestimmte Zeit niederzulassen und ein eigenes Hilfsprojekt aus der Taufe zu heben. Ob das ebenfalls im Bildungssektor für Kinder oder Studenten sein wird oder möglicherweise im Tourismus, steht offen. «Diese Stadt hat jedenfalls Potenzial, hier lässt sich viel Nachhaltiges verwirklichen.»

Das Projekt Urwaldschule

Die im September 2001 von der Schweizerin Christine von Steiger gegründete Urwaldschule ermöglicht den Kindern der Quichua-Kultur eine solide Grundausbildung und die Vermittlung ethischer Werte. Im Mehrklassensystem erhalten die Kinder Unterricht auf Spanisch und Deutsch mit dem Ziel, eine Brücke von ihrer ursprünglichen Kultur zur modernen Welt zu schlagen. Es ist eine staatlich anerkannte interkulturelle Privatschule. Sie bezieht keinerlei staatliche Mittel und finanziert sich allein aus Spendengeldern. Das Jahresdefizit trägt die Gründerin persönlich. Das Studentenwohnheim Llakta Kawsana Huasi in Tena, wo Siegfried Andermatt derzeit die Leitung übernimmt, gehört ebenfalls zur Schule und bietet Kindern, die in der Stadt Tena eine weiterbildende Schule besuchen, ein Zuhause. Ausführliche Informationen sind im Internet zu finden unter der Adresse: www.sachayachanahuasi.com
Der Schule sind zudem die Tierauffangstation «amaZOOnico» sowie eine Urwaldlodge angegliedert. Informationen darüber sowie zum Schutzwald am Rio Arajuno südöstlich von Tena sind zu finden auf der deutschsprachigen Homepage des Regenwaldschutzprojektes www.selvaviva.ec. Siegfried Andermatt schildert seine Eindrücke in Ecuador unter www.sendero.ch

Algebra gehört nicht zu den Stärken des 13-jährigen Quichua-Jungen Elder. Siegfried Andermatt hilft ihm bei den Hausaufgaben. (Bild: Andreas Faessler)

Algebra gehört nicht zu den Stärken des 13-jährigen Quichua-Jungen Elder. Siegfried Andermatt hilft ihm bei den Hausaufgaben. (Bild: Andreas Faessler)

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