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Freiamt: Ein 2000 Jahre alter Text wird plötzlich lebendig

Die «Lange Nacht der Kirchen» mausert sich vom Geheimtipp zum Kulturspektakel, wie das Beispiel «Markusevangelium als dramatische Erzählung» in Sins zeigt.
Haymo Empl
Für die aussergewöhnliche Lesung haben die reformierte Kirche Muri Sins und der Pastoralraum Oberes Freiamt zusammengespannt. (Bild: Maria Schmid, 25. Mai 2018)

Für die aussergewöhnliche Lesung haben die reformierte Kirche Muri Sins und der Pastoralraum Oberes Freiamt zusammengespannt. (Bild: Maria Schmid, 25. Mai 2018)

Die Kantone Aargau, Bern, Jura, Solothurn und Nidwalden führten am Freitag eine «Lange Nacht der Kirchen» durch und wollten damit zeigen, wie bunt die Kirchen (mittlerweile) sind und wohl auch, dass das staubige Image der grossen Landeskirchen mehr und mehr zum Klischee verkommt.

Richtig interessant wird es, wenn eine Institution wie «die Kirche» einerseits mit kreativen, spannenden Ideen überrascht und es dann andererseits dennoch schafft, sich selbst treu zu bleiben. So geschehen in Sins: Dort fand im Rahmen der «langen Nacht…» eine dramatische Gesamterzählung des kompletten Markus Evangeliums statt – von 20 bis 23 Uhr!

Eine Tatsache, die in der heutigen Zeit ein Wagnis ist und daher ein Ausrufezeichen verdient, denn kaum mehr nimmt man sich im Alltag drei Stunden Zeit für einen Text aus der Bibel. Rund drei Dutzend Menschen haben am Freitagabend aber genau dies getan und wurden mit einem Spektakel für Auge, Ohr (und ein bisschen auch für die Seele) belohnt.

Schon fast eine szenische Lesung

«Die Idee, das Markusevangelium als Ganzes erleben zu können, begleitet mich seit vielen Jahren. Ausgangspunkt für mich war eine Lesung von Johnny Cash, bei der ich gemerkt habe, wie gross der Unterschied ist, ob man diesen Text ‹zerpflückt› – was wir in der Regel ja im Gottesdienst machen – oder ob man ihn als ganze Erzählung hört», erklärt der reformierte Pfarrer Hansueli Hauenstein. «Erst dann wird auch seine grosse literarische Qualität erkennbar», so der Pfarrer weiter.

«Als es darum ging, Ideen für die Gestaltung der langen Nacht der Kirchen zu sammeln, hat Martina Suter von katholischer Seite her sofort auf die Idee einer Lesung reagiert und sie mit eigenen Vorschlägen wie beispielsweise dem Chorgesang ergänzt.»

Viele Grundmotive im Markusevangelium sind allen bekannt, die in einem christlich sozialisierten Umfeld aufgewachsen sind. Manches ging aber vielleicht vergessen; umso praktischer die akustische Auffrischung: Die ganze Darbietung wurde nie langweilig, trotz der Dauer. Das lag natürlich einerseits am Inhalt, der bereits vor 2000 Jahren schon rasant war, vor allem aber lag es an der Darbietung.

Es wurde am Freitag nicht einfach vorgelesen, es war schon fast eine szenische Lesung. Beatrice Kropf als Sprecherin bewegte mit ihrer klaren, hellen Stimme und verstand es, passend zum Text genau an jenen Stellen entsprechende Dramatik einzubringen um so dem Text noch mehr Spannung zu verleihen. Als männlicher Gegenpart überzeugte Benjamin Flur Koch: Auch er verstand es, aus gedruckten, leblosen Worten eine spannende Geschichte zu erschaffen.

Als dritte «Stimme» dann Eva Sulai Koch – sie vertonte musikalisch das ganze Evangelium und hatte am Freitag mit ihrem Akkordeon einen konstanten Klangteppich zur Begleitung der Lesung geschaffen, ein eigenständiges Klanguniversum; oft düster, manchmal eigenwillig und an den dazu passenden Stellen im Text sogar verstörend. An manchen Stellen kam es – und das war jeweils besonders spannend – zu einem Dialog «Instrument – Erzähler».

Das Publikum zeigte sich begeistert

Die drei Protagonisten auf der improvisierten Bühne im reformierten Kirchgemeindehaus harmonierten in dieser Gesamterzählung bestens und die Herausforderung, einen derart langen Text über viele Stunden hinweg auf konstant hohem Niveau darzubieten, meisterten alle drei hervorragend.

Das Publikum war begeistert und auch Pfarrer Hansueli Hauenstein zeigte sich beeindruckt: «Für mich war es ein unglaublich vielschichtiges, lebendiges und berührendes Erlebnis, in diesen Text einzutauchen und mich von ihm mitnehmen zu lassen», so der Pfarrer. Die liebevolle Betreuung durch die beteiligten Kirchen beziehungsweise deren Mitwirkenden machte aus dem Experiment «drei Stunden Evangelium nach Markus» ein faszinierendes, nachhaltiges Erlebnis.

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