Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ein Afrikaner lernt die Zuger Fasnacht kennen

Jean Visagie (30) ist der vermutlich exotischste Geniesser der fünften Jahreszeit. Der Vorsitzende eines Karnevalvereins in Namibia hat bisher unter anderem erfahren, dass der Alkohol Narren über alle Grenzen hinweg verbindet.
Raphael Biermayr
Jean Visagie, in seine namibische Karnevalsweste gehüllt, ist beeindruckt von der Mühe, die sich die Fasnächtler bei ihren Verkleidungen geben. (Bild: Patrick Hürlimann, Steinhausen, 1. März 2019)

Jean Visagie, in seine namibische Karnevalsweste gehüllt, ist beeindruckt von der Mühe, die sich die Fasnächtler bei ihren Verkleidungen geben. (Bild: Patrick Hürlimann, Steinhausen, 1. März 2019)

«Ich bin Single – zum Glück!», sagt Jean Visagie, bei kurz zuvor gewonnenen Freunden in einem Steinhauser Wohnzimmer sitzend. Er erinnert sich während dieser Worte an den Schmutzigen Donnerstag, der einen Tag zurückliegt. Es ist der erste im Leben des 30-Jährigen gewesen. Und wenn man seinem Schwärmen Glauben schenkt, wird er diesen Tag nie vergessen. Das ist weniger auf Frauenbekanntschaften zurückzuführen, als auf die für ihn unvorstellbaren Dimensionen. Visagie stammt nämlich aus Namibia an der südwestafrikanischen Küste. Dort ist er Mitorganisator eines Karnevals.

In den kommenden Wochen wird Visagie in der Schweiz als Mountainbike-Tourguide arbeiten und sich in der Velowerkstatt Fertigkeiten aneignen, die er zu Hause brauchen kann. Zuvor aber macht er sozusagen eine Studienreise an die Fasnacht. Diese hat es in sich: Sie begann am Donnerstag stilecht mit dem Urknall in Luzern, bevor es nach Zug ging. Gestern war der Umzug in Steinhausen an der Reihe, heute ist erneut ein Aufenthalt in Zug vorgesehen, bevor es morgen in die hiesige Fasnachtshauptstadt nach Baar gehen wird.

Die Idee entstand während einer Biketour

Der hochgewachsene Visagie mit einem langen, roten Bart im Gesicht, und einer hellblauen Karnevalsweste um den drahtigen Körper, zeigt sich beeindruckt: von den Menschenmassen in den Luzerner Strassen, und von der Mühe, die sich die Besucher in Sachen Verkleidungen gäben. «Bei uns sind die häufig lieblos», schildert er. Dass Jean Visagie den weiten Weg in die Zentralschweiz auf sich genommen hat, ist einem Zufall geschuldet. Er leitete letztes Jahr eine Bike-Tour in Namibia, in seiner Gruppe war ein Schweizer Paar, das bei der Baarer Guggenmusik Belcantons spielte. Beim x-ten Bier landete man schliesslich beim Thema «Fasnacht» respektive «Karneval». Schliesslich wurde ein Kontakt zur Fasnachtsgesellschaft Baar geknüpft, die den exotischen Gast morgen Vormittag offiziell begrüssen wird.

Visagie wird bei diesem Anlass seine Geschichte erzählen – einmal mehr in diesen Tagen, wie man sich leicht vorstellen kann. Er habe sich mittlerweile eine Kurzversion zurechtgelegt. «Die meisten Leute bezweifeln, dass ich aus Namibia bin – denn ich bin weiss», schildert er. Das offenbart ein Geschichtsdefizit bei den Fragenden. Denn als ehemalige deutsche Kolonie – unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika – beherbergt das 2,5-Millionen-Einwohner-Land Tausende Nachfahren weisser Siedler.

Diese pflegen manche deutschen Traditionen, wie eben den Karneval. Dazu zählen, kurz gesagt, Veranstaltungen in mehreren Städten, die über das ganze Jahr verteilt stattfinden. Jean Visagie gehört zu den Organisatoren des «Walfisch-Karnevals» in der Küstenstadt Walvis Bay (Walfischbucht, rund 70000 Einwohner). Dieser sei in den 1970er-Jahren in einen Dornröschenschlaf gefallen, ehe ihn eine Gruppe junger Leute um Visagie und dessen Schwester Anja vor sieben Jahren wachküsste.

1700 Kilometer Fahrt zu einem Karneval

Der Karneval ist – wie das auch hierzulande der Fall ist – eine durchaus ernste Angelegenheit, für die, die mitmachen. Das sind allerdings wenige, sagt Visagie bedauernd. Die gegenseitige Unterstützung ist deshalb umso wichtiger, allerdings enorm entbehrungsreich in einem Land, das fast 20-mal die Fläche der Schweiz misst. «Manchmal fahren wir an einem Wochenende 1700 Kilometer und zurück zu einem Karneval», sagt er stolz. Die Distanzen seien denn auch der Grund, warum die Veranstaltungen über das Jahr verteilt stattfinden würden.

«Wir tun alles, damit der Karneval überlebt», sagt Visagie. Dazu gehört auch, Kompromisse einzugehen: Von der Idee der jährlichen Durchführung ihrer viertägigen Anlassreihe mussten sie sich verabschieden. Der nur 120 Personen fassende Saal sei schwierig zu füllen. Der nächste Karneval in Walvis Bay findet im August 2020 statt, von da an wollen die Organisatoren ihn im Zwei-Jahres-Rhythmus durchführen. Dabei sind sie mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Es gebe keinerlei Unterstützung der öffentlichen Hand. Draussen stattfindende Veranstaltungen hätten es ohnehin schwer. Denn Umweltbedenken seien stark ausgeprägt in Namibia – deshalb sei beim Umzug beispielsweise Konfetti verboten.

Die Trinkfestigkeit ist gegeben

So gross die Unterschiede zwischen der Fasnacht und dem Karneval auch sein mögen, eine verbindende Komponente gibt es: Alkohol. Wie am Rand des Gesprächs mit Jean Visagie mehrfach zu hören ist, hat er sich während des 24-Stunden-Programms diesbezüglich mehr als nur gut gehalten. Kein Wunder, wird ein allfälliger Einnahmenüberschuss der Karnevalsvereine in seiner Heimat doch für wohltätige Zwecke gespendet. Visagie stellt lachend klar: «Wir trinken für einen guten Zweck!»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.