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Leserbrief

Ein bischöflicher Traum

Zur Bischofssynode, an der über Herausforderungen der Kirche im Amazonas-Gebiet diskutiert wurde

Jede Nacht «umgeistern» uns Träume – schöne, schlimme, manchmal zerflattern sie ins Unbewusste, manchmal aber hinterlassen sie Eindrücke bis in den Wachzustand hinein. Letzthin hat mich ein solcher Traum in den Tag begleitet:

Ein Podium für eine Medienorientierung. Davor Mikrofone, Kameras, Leute mit Laptops und Notizblocks. Dann trat er auf: ein einfach gekleideter Diözesanbischof. Setzte sich, legte Papiere vor sich hin, bog noch ein Mikrofon zu sich und begrüsste die Anwesenden. Schon seit längerer Zeit habe er sich Gedanken gemacht, was der Sinn seines Bischofsamtes sei. Eigentlich doch die Menschen zu Gott zu führen, sie im Glauben zu stärken und ihnen die Nächstenliebe Christi anzubieten. Aber es zerreisse ihn, wenn er sehe, wie die Kirche von Rom einen Glauben befehle, der in vielen Teilen mit der heutigen Lebenswirklichkeit nichts mehr zu tun habe, ja immer auch gegen die verkündete Nächstenliebe verstosse und die Menschen von heute auf Vorstellungen aus dem fernen Mittelalter verpflichte. Er habe sich gefragt, was der wesentliche Inhalt des christlichen Glaubens sei und was unnötige Gebote seien. Auch habe er sich – und das besonders intensiv – gefragt, wem seine Loyalität, ja seine Verpflichtung gehöre. Der Glaubenskongregation in Rom oder den Menschen in seinem Bistum? Er sei zutiefst überzeugt, dass er sich nicht gegen Christus und seine Botschaft stelle, wenn er zu den Christen im Bistum halte. Er habe deshalb beschlossen, dass in seinem Bistum ab sofort Folgendes gelte:

Der Pflichtzölibat wird abgeschafft, Frauen können zum priesterlichen Amt geweiht werden, sofern sie dieselben Voraussetzungen erfüllen, wie sie für Männer gelten. Priester, die infolge Heirat ihres Amtes und ihrer priesterlichen Würde enthoben wurden, werden vollständig rehabilitiert. Geschiedene sind zu allen Sakramenten zugelassen, auch zur Heirat. Wir begegnen anderen Bekenntnissen mit Respekt und verzichten auf den Anspruch allein seligmachend zu sein. Wir ermuntern die Kirchgemeinden, umfassende Nächstenliebe zu leben, indem sie aufhören, Reichtümer anzuhäufen und stattdessen mit ihrem Vermögen den Armen und Bedürftigen helfen.

Er hoffe, dass er mit dieser Öffnung zu den Menschen nicht zu spät komme. Kaum hatte der Bischof zu reden aufgehört, prasselte von allen Seiten ein Gewitter von Fragen auf ihn ein. Da hatte ein Blitz eingeschlagen. Der Donner schüttelte mich aus dem Schlaf und warf mich in den glaubenstrüben Alltag hinaus.

Carlo von Ah, Zug

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