Zug
Ein ganzheitlicher Blick auf die Lebenssituation älterer Menschen

Zwischen Anti-Aging und Palliativpflege: Wie sich mit Altersmedizin gut altern lässt, zeigte ein Vortrag.

Dorotea Bitterli
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Das Altern ist heutzutage in vielerlei Hinsicht beeinflussbarer als früher.

Das Altern ist heutzutage in vielerlei Hinsicht beeinflussbarer als früher.

Bild: Getty

Um gut altern und sterben zu können, muss man ein wenig Philosoph oder Philosophin werden. Und weiter wachsen zu einer Persönlichkeit, die ihr Leben und ihren Tod bewusst verantwortet. Was aber heisst das in der heutigen Zeit, in der einerseits die Medizin Anti-Aging-Behandlungen und kurative Methoden jeder Art anbietet und andrerseits viele spüren, dass gutes Sterben (und Leben) vielleicht ganz andere Anker hat, haben muss? Um diese Fragen ging es im Vortrag, zu dem Palliativ Zug eingeladen hatte.

In der Bibliothek Zug fanden sich am Montagabend gegen 36 Interessierte ein, vorwiegend ältere Menschen, etwa ein Viertel davon männlich. Auf den Stühlen, die im Halbrund um ein Podest mit Leinwand gruppiert waren, überraschte die Besucher je eine Papiertasche mit liebevoll selbst gemachtem Sandwich, Gebäck, Getränk und Lesestoff: «Das Leben zelebrieren» – diese geflügelte Aussage fiel während des Abends immer wieder.

Der Geriatrie- und Palliativmediziner Roland Kunz stürzte sich mit Elan, Ernsthaftigkeit und Humor in sein Referat. Etwas Statistik am Anfang offenbarte sofort, um wie viel älter die Menschen in der Schweiz heute werden. Bessere Ernährung, Hygiene, Wohlstand und medizinische Fortschritte machen dies möglich.

Schwäche, Lebensende und Sterben werden verdrängt

Die Folge sind hohe Erwartungen an ein langes Leben, ans Hinausschieben des Alters. Schwäche, Lebensende und Sterben werden verdrängt. Obwohl der «Jungbrunnen» ein alter Menschheitstraum ist, gehörten Altern und Tod früher noch selbstverständlich zum Leben; heute widersprechen sie einem gesellschaftlich konditionierten Denken, das von Leistung geprägt ist. Mit 101 noch Marathon laufen? Kein Problem.

Die Realität sieht anders aus: Mit jedem gewonnenen Altersjahr nehmen die chronischen Krankheiten zu. Arthrose, Rheuma, Herzkrankheiten, Diabetes, Osteoporose, Krebs et cetera führen am Ende zu etwas, das die Medizin «Multimorbidität» nennt. Die Spezialisten der Reparaturmedizin, des «Anti-Aging», haben viel zu tun.

In diesem Spannungsfeld pflegen Geriatrie und Palliative Care einen anderen Ansatz: Im Mittelpunkt steht ein ganzheitlicher Blick auf die Lebenssituation älterer Menschen, auf Körper und Geist, sinnvolle Funktion und soziale Einbettung. Es ist keine ausschliesslich organorientierte Medizin, sondern eine, in der es um Lebensqualität geht. Die WHO spricht von «functional ability» und meint damit: sein und tun können, was mir als Person wertvoll ist. Im Zentrum steht nicht «was hat der Patient?», sondern «was bedeutet es für diesen Menschen?».

Das Ende kommt nicht mehr plötzlich

Dies ist ein Paradigmenwechsel: Wir können mitbestimmen, wie wir altern und sterben möchten. Ja, wir müssen es: Das Ende kommt nicht mehr plötzlich wie der alte Sensenmann, sondern als Folge von Entscheidungen. Und wir können auch entscheiden, einer Krankheit zu erlauben, tödlich zu sein.

Der Referent bringt es in ein sehr schönes Bild: «Palliative Geriatrie ist die Haute Couture der Medizin» – massgeschneidert, individuell, persönlich. Passt man seine Ansprüche und Ziele bewusst den Möglichkeiten an, so ist selbst dann, wenn vieles nicht mehr so geht wie früher, ein Leben in Fülle und Würde möglich. Roland Kunz zeigt ein wunderschönes Foto von seinen Bike-Touren: Ein alter Apfelbaum trägt tiefe Verletzungen an seinem Stamm, aber er blüht immer noch mit vielen lichten Blüten.

Buchtipp: Heinz Rüegger und Roland Kunz: Über selbstbestimmtes Sterben, ISBN 978-3-906304-70-0. Infos zu Palliativ Zug: www.palliativ-zug.ch

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