Mein Lieblingsgegenstand: Ein feines Stück High-End-Malerei

Die rastenden Bauersleute und die erschöpften Tiere an meiner Wohnzimmerwand möchte ich nie mehr missen.

Andreas Faessler
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Der prächtige Rahmen ist lediglich Beiwerk: Das Ölgemälde von Friedrich Gauermann hat an einer Wand von Andreas Faesslers Wohnung einen Ehrenplatz. (Bild: Stefan Kaiser, Zürich, 4. Juli 2019)

Der prächtige Rahmen ist lediglich Beiwerk: Das Ölgemälde von Friedrich Gauermann hat an einer Wand von Andreas Faesslers Wohnung einen Ehrenplatz. (Bild: Stefan Kaiser, Zürich, 4. Juli 2019)

Als kleiner Hobby-Kunstsammler mit Faible für die Malerei des 19. Jahrhunderts hatte ich in meiner verhältnismässig kleinen Stadtwohnung schnell mal ein ernsthaftes Platzproblem. Ich habe mich deshalb an der Wand über meinem Sofa für eine Art «Petersburger Hängung» entschieden. Aus dieser Dichte von Kunstwerken, an die ich selber hohe Ansprüche hinsichtlich Qualität und Namhaftigkeit der Autorenschaft stelle, sticht mein Lieblingsobjekt wie ein strahlender Stern am Himmel hervor.

Die Malerei ist so lupenrein, so hochvollendet, farblich so betörend, die Komposition so perfekt in Schwerpunktgebung und Tiefenwirkung, dass mich das Gemälde selbst beim flüchtigsten Anblick in seinen Bann zieht. Die Lichtmasse des Gemäldes sind bloss knapp so gross wie ein 27-Zoll-Bildschirm. Das Motiv: «Ein alter Mann sitzt auf dem Pflug, einen Krug in der Hand; ein Mädchen steht daneben. Ein brauner Ochs steht ausgespannt auf dem Hügel, ein Schimmel, ein Schaf und eine Ziege liegen daneben bei einem dürren Baum, links Ferne, graue Luft.» Mit diesen Worten hat der Maler höchst selbst sein Werk beschrieben, als er es im Jahr 1854 vollendet hat, in Öl auf einer parkettierten Mahagoniplatte: Es handelt sich um ein besonders feines und brillant ausgearbeitetes Werk des bedeutenden österreichischen Tier- und Landschaftsmalers Friedrich Gauermann (1807–1862), in meinen Augen neben Ferdinand Georg Waldmüller der begabteste österreichische Maler jener Zeit. Die Ausstrahlung dieses Kunstwerkes ist so enorm, dass es in meiner Wohnung selbst in Gegenwart der anderen Gemälde eine neue Stimmung schafft, seit es seinen jetzigen Platz gefunden hat.

Eine Melancholie, die nicht bedrückend wirkt

Mit jeder Betrachtung variieren die Empfindungen. Es ist nämlich nicht einfach nur ein romantisches Stück Malerei, welches eine x-beliebige bäuerliche Szene vor über 160 Jahren zeigt – es steckt in Tat und Wahrheit voller Melancholie, die aber nie bedrückend wirkt. Der Ochse, der Schimmel, das Schaf und die Ziege – sie alle sind sichtlich müde und erschöpft, scharen sich um den kümmerlichen Rest eines vom Blitz zerschlagenen Baumes. Dem alten Bauern sieht man die jahrzehntelange Schwerarbeit an, er ruht sich auf dem Pflug aus und spricht mit der jungen Frau, womöglich seine Tochter. Die über der fernen Landschaft im Hintergrund bedrohlich sich formierende Gewitterstimmung führt Gauermann so meisterhaft aus, wie auch die Hauptszene im Mittelgrund.

Die Qualität seiner Malerei schlägt sich allein darin nieder, dass das Gemälde aus jeder Distanz fotografisch wirkt, ob aus 3 Metern oder 10 Zentimetern Entfernung betrachtet. Auch dem kleinsten Detail, und sei es bloss der Mist am Schenkel des Ochsen, widmet Gauermann höchste Aufmerksamkeit.

Gemälde hing einst in adligem Wiener Hause

Im niederösterreichischen Miesenbach geboren und in Wien gestorben, orientierte sich Friedrich Gauermann unter anderem an der niederländischen Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts. Mit diesem Einfluss und einem intensiven Studium der regionalen Flora und Fauna prägte er einen neuartigen Naturalismus, der ihm höchstes Ansehen bescherte, insbesondere in aristokratischen Kreisen – bis ins österreichische Kaiserhaus. So hing denn auch das meinige Gemälde einst nachweislich in adligem Wiener Hause, ein altes Wachssiegel auf der Rückseite zeugt davon. Gauermanns Werke finden sich heute unter anderem in den wichtigsten Museen Österreichs und in namhaften Kunstsammlungen.

Mit all diesen Hintergründen, der atemberaubenden Qualität und der intensiven Stimmung ist das Gemälde mein unumstrittenes Lieblingsobjekt in der persönlichen Umgebung. Trotz des vordergründig einfachen Motives eröffnen sich mir selbst bei der 1000. Betrachtung neue Stimmungsbilder. Dass die Malerei des 19. Jahrhunderts derzeit bei Sammlern und auch auf dem Kunstmarkt nicht mehr gefragt ist, stört mich überhaupt nicht. Ich bin förmlich verliebt in dieses Glanzstück österreichischer Biedermeiermalerei. Gnade dem, der mir in seiner Gegenwart je von einem «alten Schinken» zu sprechen wagt.


In der Sommerserie der «Zuger Zeitung» stellen die Redaktorinnen und Redaktoren ihre Lieblingsgegenstände vor.